Herr Bieberbach, wie zufrieden sind Sie mit den Plänen der Bundesregierung für die Wärmewende?
Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine ist eine Zäsur für das System der Energieversorgung in Europa. Er macht uns einmal mehr deutlich, wie entscheidend es ist, die erneuerbaren Energien schnell und massiv auszubauen, damit die Energieversorgung Deutschlands perspektivisch unabhängig von Kohle-, Gas- und Ölimporten wird. Die erneuerbaren Energien werden uns mittel- und langfristig dabei helfen, die Abhängigkeit von fossilen Energien zu überwinden und Versorgungssicherheit für die Wirtschaft und Verbraucher zu gewährleisten.
Ebenso sind die ambitionierten Ziele aus dem europäischen Fit-for-55-Programm und die nationalen Ziele aus dem Klimaschutzgesetz 2021 ohne einen weiteren, starken Ausbau der erneuerbaren Energien nicht umsetzbar. Wärmenetzinfrastrukturen, die in vielen Städten bereits vorhanden sind, bilden die Grundlage für die Wärmewende. Für die Einspeisung von Wärme aus Tiefengeothermieanlagen können bestehende Wärmenetze genutzt werden, insbesondere dann, wenn die neu entstehenden Anlagen in räumlicher Nähe zu den bisherigen Erzeugungsstandorten (i. d. R. KWK) entstehen.
Wir begrüßen die diversen von der Bundesregierung vorgelegten Referentenentwürfe zur Beschleunigung des Ausbaus der erneuerbaren Energien und zur Dekarbonsierung der Wärme. Die weitergehende Transformation in Deutschland zu einer sicheren und klimafreundlichen Stromversorgung, verbunden mit dem Ziel, einen Anteil von 80 Prozent erneuerbarer Energien am Bruttostromverbrauch bis 2030 zu erreichen, kann aber einerseits nur gelingen, wenn im Zuge der diversen Novellen schnell die richtigen Weichen gestellt werden, andererseits ist es notwendig, dass zur Umsetzung der ambitionierten Ziele auch in großem Umfang finanzielle Mittel aus dem Bundeshaushalt zur Verfügung gestellt werden.
Ist das Ziel eines Anteils von 50 Prozent Erneuerbarer bei der Wärmeerzeugung bis 2030 überhaupt realistisch?
Wer sich keine ambitionierten Ziele setzt, kann auch keine ambitionierten Ziele erreichen. In München wollen wir die Fernwärme bis spätestens 2040 klimaneutral erzeugen, überwiegend aus Geothermie. Dieses Ziel wird nur mit den hierfür notwendigen Rahmenbedingungen auf kommunaler, nationaler und europäischer Ebene gelingen. Die Nutzung von Geothermie für die Dekarbonisierung der Fernwärme hat nicht nur Potenzial in Süddeutschland, sondern ist auch bundesweit nutzbar. Das Potenzial der Geothermie in Deutschland beträgt für die Tiefe und Mitteltiefe Geothermie zwischen 118 TWh/a und 300 TWh/a. Hierzu gibt es eine Reihe von Studien namhafter Forschungsinstitute und öffentlicher Einrichtungen. Wichtig ist, dass bei der Frage der Kriterien für den 50-Prozent-Anteil erneuerbarer Energien ein Level-Playing-Field zwischen den einzelnen Technologien besteht.
Setzt die Ampel zu stark auf Wärmepumpen und zu wenig auf Wasserstoff und andere grüne Gase?
Energiewirtschaftlich sind Wärmepumpen vor allem außerhalb der Fernwärmenetze sinnvoll. Im urbanen Raum dagegen stellen Wärmenetze die effizienteste Wärmeversorgung dar.
Im Rahmen der Wärmewende spielt Geothermie hier eine bedeutende Rolle und gewinnt gerade deutlich an Relevanz für eine klimafreundliche, heimische und zuverlässige Energieversorgung. Geothermie ist „grüne Fernwärme“, sie dekarbonisiert die Wärme- und Kälteversorgung, verringert Energieimporte und schafft Wertschöpfung in Deutschland. Um das Potenzial der Geothermie für die Wärmewende in ganz Deutschland heben zu können und den Ausbau zur Substitution von russischem Gas massiv zu beschleunigen, braucht es aber dringend Verbesserungen der Rahmenbedingungen.
Klar ist auch, dass gerade die aktuelle geopolitische Situation einen schnellen Hochlauf von Wasserstoff in Europa erfordert. Die Regulatorik muss deshalb sicherstellen, dass er so schnell wie möglich gelingen kann. Da die Transformation vor allem aus technischer Perspektive eine Herausforderung darstellt, sollte der Gesetzgeber keine Hürden schaffen, sondern vielmehr Chancen ermöglichen.
Absolut kontraproduktiv wäre es, eine Technologie gegen die andere auszuspielen. Der notwendige Umbau der Wärmeversorgung kann nur dann gelingen, wenn wir alle zur Verfügung stehenden Technologien in einem echten Level Playing Field optimal nutzen. Für alles andere fehlt uns die Zeit.
Die Fragen stellte Ariane Mohl.
Mehr über die Wärmewende lesen Sie in der aktuellen Ausgabe der ZfK. Bitte hier entlang!



