Es führt kein Weg vorbei an mehr Effizienz im Gebäudesektor, um die Klimaschutzziele zu erreichen. Hierzu müssen alle verfügbaren Technologieoptionen wie Dämmung, Wärmepumpen, Wärmenetze, dezentrale Erneuerbare und Power-to-Gas flächendeckend hochskaliert werden. Zudem ist die Energieeffizienz die Eintrittskarte für Technologieoffenheit. Eine deutliche Senkung des Endenergieverbrauches um mindestens ein Drittel bis 2050 ist die Voraussetzung dafür, dass ein sinnvoller Wettbewerb zwischen verschiedenen Energieversorgungsoptionen wie Erneuerbaren Energien, Wärmepumpen, synthetischen Brennstoffen oder dekarbonisierten Wärmenetzen stattfinden kann.
Dies sind wichtige Ergebnisse der Agora-Studie zum "Wert der Energieeffizienz im Gebäudesektor in Zeiten der Sektorenkopplung", deren Ergebnisse am Dienstagabend in Berlin vorgestellt und diskutiert wurden. Erstellt wurde die Studie im Auftrag vom Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (Ifeu), dem Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik (Fraunhofer IEE) und dem Beratungsunternehmen Consentec.
Alle Technologien und Maßnahmen für mehr Gebäudeeffizienz nutzen
"Die Zeit des Entweder-oder beim Einsatz verschiedener Gebäudetechnologien ist angesichts der Versäumnisse der Vergangenheit vorbei", unterstrich Patrick Graichen, Direktor von Agora Energiewende. Denn die aktuelle Umsetzung der Wärmewende ist mangelhaft, das Erreichen des Gebäudesektorziels 2030 ist stark gefährdet. Denn laut Klimaschutzplan der Bundesregierung müssen die Treibhausgasemissionen im Gebäudebereich von derzeit 130 Mio. Tonnen CO2 auf 70 bis 72 Mio. Tonnen im Jahr 2030 gesenkt werden.
Auch entsprechend der EU-Climate-Action-Verordnung hat sich Deutschland dazu verpflichtet seine CO2-Emissionen in den Sektoren Gebäude, Verkehr und Landwirtschaft, die nicht unter den EU-Emissionshandel fallen bis 2030 deutlich zu senken: bis 2020 um 14 Prozent und bis 2030 um 38 Prozent (im Vergleich zu 2005). Werden diese verbindlichen Ziele nicht erreicht, müssen Emissionsrechte aus anderen EU-Staaten zugekauft werden. Hierdurch drohen laut Agora Kosten von bis zu 60 Milliarden Euro auf den deutschen Steuerzahler zuzukommen.
Power-to-Gas als Ergänzung sinnvoll
"Auch in puncto Wertschöpfung und Schaffung von Arbeitsplätzen ist es sicherlich sinnvoller, dieses Geld im Inland zu investieren, als Emissionsminderungen im Ausland einzukaufen", betonte Graichen. Ähnliches gilt, wenn die Option gewählt würde, die Energieeffizienz im Gebäudebereich nicht wesentlich zu verbessern und dafür auf einen massiven Ausbau des Einsatzes synthetischer Brennstoffe bzw. Power-to-Gas zu setzen. Hierdurch würden Mehrkosten in Milliardenhöhe anfallen sowie eine sehr hohe Lieferabhängigkeit vom Ausland durch den Import enormer Mengen des benötigten erneuerbaren Stroms. "Power-to-Gas kann eine ambitionierte Effizienzpolitik im Gebäudebereich nicht ersetzen, sondern nur ergänzen", so Graichen.
Um die Wärmewende zum Erfolg zu führen fordert der Agora-Chef deshalb zügig eine "Roadmap Gebäudeenergieeffizienz 2030" mit einem zielgerichteten Instrumentenpaket. Hierunter fallen sowohl Änderungen bei den einschlägigen Gesetzen und Verordnungen sowie bei den Energiesteuern als auch eine Neuausrichtung der Fördermaßnahmen.
Energiepolitiker signalisieren Zustimmung für integrierten Ansatz
Zumindest die anwesenden Energiepolitiker von SPD (Klaus Mindrup, MdB), Grünen (Julia Verlinden, MdB), FDP (Martin Neumann, MdB) und Die Linke (Lorenz Gösta Beutin, MdB) signalisierten grundsätzlich Zustimmung für ein integriertes Maßnahmenpaket. Grundsätzlich sprachen sie sich alle dafür aus, auf einen Mix von Technologien und Instrumenten zu setzen, um die Gebäudeenergieeffizienz zu erhöhen, von einer stärkeren CO2-Bepreisung, über ordnungsrechtliche Maßnahmen, eine soziale Flankierung für sozial Schwache, eine Ausbildungsoffensive für das Fachhandwerk und Informationskampagnen für Wohnungseigentümer und Mieter.
"Es muss darum gehen, die Menschen mitzunehmen und Hürden für die dezentrale erneuerbare Eigenversorgung abzubauen", forderte beispielsweise FDP-Vertreter Neumann. Am weitesten ging Verlinden mit Ihrer Forderung nach einem personenbezogenen CO2-Budget nach Schweizer Vorbild und dem Verbot von Öl- und Gasheizungen. (hcn)
