Welche Bedeutung hat die kommunale Wärmeplanung für die Thüga?
Alexander Hellmann: Die Partnerunternehmen der Thüga-Gruppe sind davon nicht nur als Versorger, sondern auch als Infrastrukturbetreiber umfassend betroffen. Was im Zuge der Wärmeplanung beschlossen wird, wirkt sich zum einen auf ihre Geschäftsfelder im Bestand aus, aber natürlich vor allem auf die Geschäftsfelder der Zukunft.
Michael Kramer: Für die Thüga ist die Wärmeplanung bereits seit rund zwei Jahren eines der Top-Themen, das uns auch in Zukunft intensiv beschäftigen wird. Die Wärmeplanung wird alle unsere Assets betreffen. Zugleich bietet sie uns und unseren Partnerunternehmen aber auch die Chance, die Wärmewende voranzutreiben und uns in einem sich weiterentwickelnden Wärmemarkt zu positionieren.
Wie genau unterstützt die Thüga ihre Partnerunternehmen?
Kramer: In der Thüga-Beratung begleiten wir unsere Partnerunternehmen in der Vorbereitung auf die Wärmeplanung in einem eigens dafür entwickelten Projektformat, teilen aber auch unsere Erfahrungen, die wir mit externen Dienstleistern in diesem Bereich gesammelt haben. Und wir fördern natürlich den Austausch zur KWP im Thüga-Netzwerk. Da Baden-Württemberg schon sehr früh mit der Wärmeplanung begonnen hat, gibt es erste Erfahrungswerte, von denen Stadtwerke profitieren können, die jetzt mit der Planung beginnen. Auch wenn jedes Versorgungsunternehmen vor Ort auf unterschiedliche Gegebenheiten trifft und von dort aus seinen eigenen Weg in der Wärmewende gehen möchte, gibt es Best Practice-Beispiele, von denen man lernen kann.
Welche Rolle sollten Stadtwerke denn idealerweise im Prozess der Wärmeplanung einnehmen?
Kramer: Die Aufgabe, einen kommunalen Wärmeplan zu erstellen, liegt in der Verantwortung der Kommune. Die Rolle der Stadtwerke besteht darin, sich aktiv in den Prozess einzubringen, Optionen der Wärmeversorgung vor Ort aufzuzeigen und mit einem sparten- und sektorübergreifenden Blick beizutragen. Ziel muss sein, dass der Wärmeplan mit der eigenen Versorgungs- und Assetstrategie des Stadtwerkes in Einklang steht. So erreichen wir Planungssicherheit für die Infrastrukturen und gewährleisten, dass der Wärmeplan in realisierbare Projekte überführt werden kann. Bislang sieht der Gesetzgeber lediglich eine Minimalrolle der Netzbetreiber vor. Das halten wir nicht für zielführend. Die Zusammenarbeit zwischen Kommunen und Stadtwerken muss über gesetzliche Anforderungen hinaus aktiv gelebt werden – für dieses Verständnis werben wir.
Was meinen Sie damit genau?
Hellmann: Stadtwerke sollten sich nicht auf die bloße Rolle des Datenlieferanten beschränken. Nicht jedes Stadtwerk muss selbst in die Rolle des Planers schlüpfen, insbesondere kleine Stadtwerke werden dazu nicht die nötigen Ressourcen haben. Hier können externe Planungsbüros helfen.
Aber Stadtwerke sollten den Prozess aktiv mitgestalten und klären, wie sich das kommunale Unternehmen in Zukunft aufstellen möchte. Wie werden sich die Infrastrukturen weiterentwickeln? Auf welche Technologien setze ich? Auf dieser Grundlage wird dann gemeinsam mit den anderen Beteiligten ein Zeitplan erarbeitet, Ansprechpartner benannt, genau definiert, wie oft man sich in welchem Rahmen austauscht. Die Transformation der Wärmeversorgung ist eine Mammutaufgabe, die weder die Kommune noch das Stadtwerk allein bewältigen können. Beide sollten sich unbedingt die Zeit nehmen, Prozesse zu definieren und Strukturen für eine erfolgreiche Zusammenarbeit zu etablieren.
Das Schlimmste, was passieren kann, ist eine Wärmeplanung, die Ressourcen bindet und dann nur für die Schublade erarbeitet wurde. Alles, was im Rahmen des Prozesses erarbeitet wird, muss nicht nur technisch umsetzbar sein. Es muss auch betriebs- und volkswirtschaftlich Sinn ergeben, etwa indem bei den Netzen Doppelstrukturen vermieden werden. Und dann gilt es selbstverständlich auch die Interessen der Bürgerinnen und Bürger bzw. Kunden im Blick zu behalten: Die Wärme muss bezahlbar bleiben, ansonsten fehlt es an Akzeptanz. Die Aufgabe ist also maximal komplex. Umso wichtiger ist es, die Wärmeplanung strategisch anzugehen, statt einfach loszulegen.
Kramer: Versorger sollten die Wärmeplanung nicht unterschätzen, nur weil der bisherige Gesetzentwurf der Bundesregierung an vielen Stellen vage und unverbindlich bleibt. Eine gut strukturierte, erfolgreiche Wärmeplanung eröffnet den Stadtwerken die Chance, ihre Position am Wärmemarkt weiter zu stärken und auszubauen. Darüber hinaus können sich Synergieeffekte ergeben, wenn man gemeinsam mit der Kommune neben dem Wärmebereich z. B. auch auf den Mobilitätssektor blickt. Es geht um integriertes Denken und Planen, ein Ansatz, der nicht zuletzt deshalb wichtig ist, weil wir in 20 Jahren nicht überall parallel ein Stromnetz, ein Gasnetz und ein Wärmenetz betreiben können. Das wäre schlicht nicht finanzierbar.
Das klingt fast so, als ob sich die Stadtwerke im Zuge der Wärmeplanung neu erfinden müssten.
Kramer: Nicht neu erfinden, aber die Wärmeplanung ist sicherlich der Motor, Projekte weiter oder auch neu zu denken.
Könnte die Wärmeplanung zum Geschäftsmodell für Stadtwerke werden, die hier als Dienstleister für Kommunen in Erscheinung treten?
Kramer: Es ist jedenfalls so, dass viele kleine Kommunen die Wärmeplanung nicht allein stemmen können. Insbesondere Flächenversorger entwickeln hier verschiedenste Möglichkeiten, die Städte und Gemeinden zu unterstützen. Ob es wirklich zu einem Geschäftsmodell wird, Wärmepläne zu erstellen, wird sich zeigen. In erster Linie ist es eine Aufgabe, die unmittelbar die kommunale Daseinsvorsorge tangiert und damit auch das Selbstverständnis der Stadtwerke.
Was wünschen Sie sich von der Politik?
Kramer: Wir sehen drei zentrale Handlungsfelder: Praxistauglichkeit, Verbindlichkeit und Finanzierbarkeit. In Deutschland werden rund 11.000 Kommunen Wärmepläne erstellen müssen. Mit Blick auf die knappen Ressourcen in den Kommunen gilt es, kein weiteres Bürokratiemonster zu schaffen, sondern den Bottom-up-Ansatz mit Gestaltungsspielraum vor Ort zu stärken. Zielführend sind Zusammenschlüsse von Kommunen im Planungskonvoi, unterstützt durch den Versorger. Darüber hinaus brauchen wir praxisnahe Planungskriterien, abgestimmt durch die Akteure vor Ort. Zentral vorgegebene und anzusetzende Parameter zu Ausbaukosten oder Potenzialen werden dem nicht gerecht. Investoren und Umsetzer tragen das wirtschaftliche Risiko und brauchen entsprechende Freiheiten in der Abwägung der Projekte.
Hellmann: Verbindlichkeit ist hier ein weiteres wichtiges Stichwort. Nehmen Sie den Ausbau der Fernwärme. Für einen Netzbetreiber wäre es fatal, wenn er hier viel Geld investiert, um dann am Ende mit einer Anschlussquote von 20 Prozent dazustehen, weil sich viele Kunden doch für eine Wärmepumpe entschieden haben. Eine solche Verbindlichkeit in der Umsetzung ist aber nur dann sinnvoll, wenn die Belange des Versorgers und Infrastrukturbetreibers bereits in der Planungsphase angemessen einbezogen werden. Etwa was die Wirtschaftlichkeit der Transformationsmaßnahmen angeht – diese ist in der Planung zwingend mit zu berücksichtigen. Davon würden alle profitieren. Das lokale oder regionale Versorgungsunternehmen ist ja nicht nur heute Infrastrukturbetreiber und somit Garant für die Wärmeversorgung vor Ort. Es kann und sollte mit seiner energiewirtschaftlichen und technischen Expertise auch die zukünftige dekarbonisierte Wärmeversorgung gewährleisten und damit den eigenen Beitrag zur Daseinsvorsorge vor Ort folgerichtig weiterentwickeln.
Je besser Infrastrukturbetreiber mit ihrer Expertise aktiv in die Wärmeplanung mit einbezogen werden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass am Ende die beschlossenen Planungen auch tatsächlich umgesetzt werden, weil diese Maßnahmen nicht nur theoretisch technisch umsetzbar, sondern auch wirtschaftlich zu betreiben, volkswirtschaftlich sinnvoll, versorgungssicher und gesellschaftlich akzeptiert sind. Dies wird die Verbindlichkeit steigern. Die Politik muss jetzt die rechtlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen für verbindliches Handeln schaffen – Stichwort Anschluss- und Versorgungspflicht im Gas flexibilisieren.
Kramer: Abschließend sollten wir auch dringend über die Finanzierung der Wärmewende sprechen. Stadtwerke stehen im Zuge der Wärmewende vor einem gigantischen Kapitalbedarf, wenn sie erst einmal mit der Umsetzung der beschlossenen Maßnahmen beginnen. Die altbekannten Finanzierungsmöglichkeiten geraten hier unweigerlich an ihre Grenzen. Es gilt, frühzeitig für dieses Thema zu sensibilisieren und gemeinsam mit Kommunen, Bürgern und weiteren zentralen Akteuren nach Lösungen zu suchen. (amo)
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