Ein neuer, im Rahmen der Studie „Renewable Space Heating under the Revised Renewable Energy Directive“ von der TU Wien, dem Fraunhofer ISI, e-think, dem Öko-Institut und Viegang Maagoe entwickelter Datensatz zeigt, dass in der EU fast 50 Prozent der Heizwärme durch Erdgas erzeugt werden. Die Erdgasabhängigkeit variiert jedoch stark zwischen den einzelnen Ländern und reicht von null bis 90 Prozent.
Die Studie will nach Angaben der Autoren zu einer besseren Informationsgrundlage zur Gestaltung politischer Dekarbonisierungs-Maßnahmen beitragen. Alle 27 EU-Länder werden mit ihrer jeweiligen Struktur der Raumwärmenachfrage und -versorgung in den Blick genommen.
Niederlande hängen sehr stark am Erdgas
Die zentralen Ergebnisse der Analyse: Der Raumwärmesektor ist EU-weit stark von Erdgas abhängig. Unter Berücksichtigung der Primärenergie macht Erdgas fast 50 Prozent des Energiebedarfs für Raumwärme aus. Darin enthalten ist auch das für die Fernwärme- und Stromerzeugung verwendete Erdgas. Diese Erdgasabhängigkeit des Raumwärmesektors weicht in den einzelnen Ländern oft deutlich vom EU-Durchschnitt ab, so die Forscher. In den Niederlanden werden laut der Studie fast 90 Prozent des Raumwärmebedarfs durch Erdgas gedeckt. Länder wie Malta, die Slowakei, Italien und Ungarn liegen jeweils über 60 Prozent.
Mit einem Anteil von etwa 50 Prozent liegt Deutschland nahe am EU-Durchschnitt. Zu den am wenigsten abhängigen Ländern gehören Schweden und Finnland mit 5 bzw. 10 Prozent. Auch in vielen osteuropäischen Mitgliedstaaten ist die Erdgasabhängigkeit deutlich geringer als im EU-Durchschnitt: In der Slowakei, Bulgarien, Estland, Litauen und Polen liegt der Erdgasanteil bei der Raumwärme unter 30 Prozent.
Erneuerbare in der Nische
Verglichen mit Erdgas spielen Erneuerbare bei der Raumwärmeversorgung in den meisten Ländern immer noch eine untergeordnete Rolle. Der Anteil erneuerbarer Energien am Primärenergieträgermix der EU wird auf 23 Prozent geschätzt, während 77 Prozent auf fossilen Brennstoffen basieren. Biomasse ist mit einem Anteil von etwa 16 Prozent die wichtigste erneuerbare Energiequelle.
Aufstrebende Energieträger und -technologien wie Wärmepumpen, Solarthermie und Geothermie fristen in den meisten Ländern noch ein Nischendasein mit einem Gesamtanteil von etwa 4 Prozent am Endenergiebedarf für Raumwärme in der EU. Für die Dekarbonisierung sind sie jedoch von zentraler Bedeutung. Die Forscher prognostizieren hier einen erheblichen Wandel.
Dämmen und Wärmepumpen einbauen als wichtiger Ansatz
Die Studie enthält auch eine Szenario-Analyse: Eine beschleunigte Gebäudedämmung sowie die umfassende Verbreitung von Wärmepumpen und der Ausbau der Fernwärme sind demnach »No-Regret«-Strategien, die in allen Szenarien wichtig sind.
Auf der Grundlage dieser gesammelten Daten wurden in der Studie sechs Dekarbonisierungs-Szenarien für Raumwärme und Warmwassererzeugung bis 2050 entwickelt, um die langfristigen Perspektiven und die damit verbundenen Kosten besser zu verstehen. Zu diesem Zweck wurden drei detaillierte Energiemodelle verwendet: das Gebäudebestandsmodell Invert der TU Wien, das Energiesystemoptimierungsmodell Enertile des Fraunhofer ISI und das Fernwärmemodell Hotmaps der TU Wien.
Wesentliche Erkenntnisse der Studie
Insgesamt lassen sich nach Überzeugung der Forscher diese wesentlichen Erkenntnisse aus der Modellierung ableiten:
Wenn die Maßnahmen und das Gesamtsystem wie im Modellierungsansatz angenommen optimiert werden, liegen die Kosten, insbesondere für die Szenarien Wasserstoff, individuelle Wärmepumpen, Biomassekessel und Solar sowie Fernwärme und E-Fuels in einer ähnlichen Größenordnung. Weitere Hemmnisse und politische Implikation sind damit zentral zur Entscheidung für oder gegen den jeweiligen Pfad.
Einige Maßnahmen können als »No-regret«-Optionen betrachtet werden: Denn ein hohes Maß an Gebäudedämmung, eine hohe und schnelle Verbreitung von Wärmepumpen und Fernwärme in geeigneten Gebieten sind in allen gerechneten Szenarien wichtiger Teil der Lösung.
Das Best-Case-Szenario liegt mit den niedrigsten Kosten nahe am Elektrifizierungsszenario, allerdings mit einer etwas höheren Verbreitung von Solarwärme und Fernwärme.
Unterentwickelte Märkte
Tobias Fleiter, der die Forschungsanteile des Fraunhofer ISI an der Studie koordinierte, erklärt in einer Pressemitteilung, dass eine rasche Verbreitung von Wärmepumpen und Fernwärme Optionen seien, die alle Mitgliedsstaaten mit hoher Priorität verfolgen sollten. Hier seien die Märkte in vielen Ländern noch unterentwickelt. Finanzielle Anreize und Maßnahmen zur Unterstützung der Markttransformation sowie der Aufbau von Kapazitäten zur Förderung der Planungskompetenz in den lokalen Verwaltungen seien erforderlich. Andererseits müsse der ordnungspolitische Rahmen neue Investitionen in fossile Heizsysteme verhindern, da diese das System für die kommenden 20 Jahre bestimmen werden.
„Schließlich ist die Rolle von Infrastrukturen wie Fernwärme-, Gas- und Stromnetzen von entscheidender Bedeutung, und es werden Konzepte für die Wärmeplanung und die Einbeziehung der Bürger benötigt, um den Ausbau, die Modernisierung und die Stilllegung solcher Infrastrukturen zu koordinieren. Diese Strategien führen nicht nur zu einer Dekarbonisierung des Heizsystems, sondern auch zu einer erheblichen Entlastung in der derzeitigen Gaskrise.“ (amo)



