Einen zweistelligen Millionenbetrag haben die Stadtwerke Villingen-Schwenningen (SVS) zu Beginn des Auktionsverfahrens als Sicherheitsleistung bereitstellen müssen, um CO₂-Zertifikate für die Sektoren Wärme und Verkehr zugeteilt zu bekommen. Der mittelgroße Kommunalversorger aus dem Schwarzwald hat das Geld zu einem Zinssatz von 3,8 Prozent aufgenommen. Die finanziellen Mittel fehlen für andere Investitionen und verteuern die Teilnahme am nationalen Emissionshandel.
In den bisherigen Auktionsrunden konnte sich das Unternehmen gerade einmal mit rund 29 Prozent der erforderlichen Zertifikate eindecken. "Zu Beginn des Verfahrens lag unsere Zuteilungsquote noch bei rund sieben Prozent, inzwischen ist sie auf etwa vier Prozent gesunken", sagt SVS-Geschäftsführer Gregor Gülpen. Für die rund 13.000 Gaskunden benötigen die SVS nach eigenen Angaben rund 118.000 Zertifikate, mit deren Besorgung ein Intermediär beauftragt ist.

Für Stadtwerke ist das ein klarer Wettbewerbsnachteil.
Gregor Gülpen
Geschäftsführer Stadtwerke Villingen-Schwenningen
Der Grund: Im Markt sind auch einige Finanzinvestoren unterwegs, die die Zertifikate als Anlageobjekt betrachten und diese später mit Gewinn weiterverkaufen. Diese haben aufgrund ihrer Finanzkraft oftmals auch deutlich weniger Probleme mit den hohen Liquiditätsanforderungen als kleinere und mittlere Stadtwerke. "Für kommunale Unternehmen ist das ein klarer Wettbewerbsnachteil", verdeutlicht Gülpen. Aufgrund der nach wie vor überzeichneten Auktionen würden die SVS den gesamten Bedarf voraussichtlich nicht über Auktionen decken können. "Die fehlenden Zertifikate müssen wir deshalb am freien Markt zu deutlich höheren Preisen nachkaufen", sagt der SVS-Geschäftsführer. Das führe zu zusätzlichen Kosten. Diese müssten letztlich die Endverbraucher tragen.
Sicherheitsleistung und Zuteilungsquote
Mit der Einführung des europäischen Emissionshandelssystems ETS 2 im Jahr 2028 werde die Bedeutung von Emissionszertifikaten weiter wachsen, so Gülpen. Er fordert deshalb eine deutliche Anpassung der Auktionsverfahren. Zentral sei vor allem, dass die Ausschreibungen die Versorgung der tatsächlich verpflichteten Unternehmen sicherstellten und gleichzeitig spekulative Marktverzerrungen begrenzten. "Das zentrale Ziel des Emissionshandels muss die Reduzierung von CO₂-Emissionen sein – nicht die zusätzliche Belastung kommunaler Energieversorger bei der Erfüllung gesetzlicher Vorgaben", so Gülpen weiter.
Sorge vor Anhebung des Nachkaufpreises
Besorgniserregend findet der SVS-Chef, dass der aktuelle Referentenentwurf zur Novelle des Brennstoffemissionshandelsgesetzes (BEHG) ab dem kommenden Jahr die Problematik noch verschärfen könne. Geplant sei dort eine Anhebung des Nachkaufpreises von derzeit 68 auf 73 Euro pro Tonne CO₂. "Für Stadtwerke bedeutet das weiter steigende Kosten und eine zunehmende Überzeichnung bei den Auktionen." Gleichzeitig werde das Geschäft mit Emissionszertifikaten dadurch für Finanzinvestoren noch attraktiver.
Ähnlich hatte sich der Verband VKU vor einigen Wochen geäußert und deutliche Anpassungen bei der Novelle des BEHG gefordert. Mit der Novelle will die Bundesregierung die Weichen für den CO₂-Preis beim Heizen und Tanken ab 2027 stellen. Am Mittwoch, 12. August, soll der Entwurf voraussichtlich im Bundeskabinett verabschiedet werden.
Thüga kritisiert "Überbietungswettbewerb"
Auch die Stadtwerke-Gruppe Thüga sieht Reformbedarf. Die mangelhafte Umsetzung beim Auktionsdesign führe zu einem aggressiven Überbietungswettbewerb, so ein Thüga-Sprecher auf ZFK-Anfrage. Die gewinnorientierte Teilnahme von Nichtverpflichteten an den Auktionen sorge für einen Zertifikatemangel. Zusätzlich sei in der Auktion eine Besicherung der gesamten Gebotsmenge notwendig. Konkret bedeute das bei einer Zuteilungsquote von fünf bis sieben Prozent: Für ein Zertifikat für 65 Euro müssten bis zu 1.300 Euro als Sicherheit hinterlegt werden.

Wir haben bisher vor allem Wert darauf gelegt, unsere Liquidität nicht zu sehr zu belasten.
Fabian Gerardu
Leiter Markt bei den Stadtwerken Rotenburg an der Wümme
Mit einer ähnlichen Situation wie die SVS sehen sich die Stadtwerke Rotenburg (Wümme) in der Nähe von Bremen konfrontiert. Der Kommunalversorger aus dem Norden setzt auf eine etwas andere Strategie bei der Zertifikatebeschaffung als die Stadtwerke aus dem Schwarzwald: Für rund 50.000 Tonnen CO₂ benötigen die Rotenburger Zertifikate; rund 10.000 Gaskunden beliefert das Unternehmen mit Erdgas.
Die Zahl der bisher eingekauften Zertifikate deckt aber bisher noch keine zehn Prozent der benötigten Mengen ab. Die Sicherheitsleistung der Stadtwerke Rotenburg habe bisher immer im sechsstelligen Bereich gelegen, sagt der Leiter Markt, Fabian Gerardu: "Wir haben bisher vor allem Wert daraufgelegt, unsere Liquidität nicht zu stark zu belasten. Wenn wir bereits mehr Zertifikate hätten, könnten wir natürlich die künftigen Endkundenpreise schon besser kalkulieren."
Sehr niedrige Zuteilungsquoten
Viele Marktteilnehmer seien davon ausgegangen, dass sie mit dem Höchstpreis von 65 Euro in die Auktion gehen müssten, um überhaupt Zuteilungen zu erhalten, verdeutlicht er. Dass die bisherigen Zuteilungsquoten aber bisher derart niedrig ausgefallen sind, habe ihn sehr überrascht. Eigentlich war ursprünglich ein Preiskorridor von 55 bis 65 Euro von der Börse EEX festgesetzt worden.
Bereits vergangenen Sommer habe er damit kalkuliert, einen relevanten Anteil der Zertifikate für 65 Euro pro Tonne zu ersteigern, so Gerardu. Jetzt sieht er sich gezwungen, einen Großteil der Zertifikate zum Preis von 68 Euro in der Nachkaufphase zu erwerben. Da bei den Auktionen aber auch viele große, finanzkräftige Marktteilnehmer mit anderen Liquiditätsvoraussetzungen mitgeboten haben, gebe es mittlerweile am Sekundärmarkt bereits Angebote zu beispielsweise 67 Euro.
Beschaffung am Sekundärmarkt
Der Finanzmarktakteur kann die Zertifikate gewinnbringend weiterverkaufen; das Stadtwerk spart einen Euro pro Tonne im Vergleich zur Nachkaufphase. "Das entspricht aber nicht dem, was wir unter freiem Wettbewerb verstehen. Spekulanten machen diese Gewinne zulasten der Stadtwerke", kritisiert Gerardu. Die aktuellen Überzeichnungen der Auktionsrunden sorgten für die Bindung von zu viel Liquidität aufseiten der Stadtwerke und führten zu Mehrkosten durch die Beschaffung der fehlenden Mengen am Sekundärmarkt.
Wünschenswert wäre daher, die Preisbindung der Nachkaufphase mit unbegrenzt verfügbaren Zertifikaten, beginnend ab November, zu senken oder den Zugang zu Auktionen lediglich den Unternehmen zu genehmigen, die rechtlich auch verpflichtet sind, entsprechende CO₂-Zertifikate zu beschaffen.
Mengenrisiken nehmen zu
Bisher seien die CO₂-Kosten für Erdgas vergleichsweise gut planbar gewesen; das habe sich mit dem Übergang zu einem stärker marktbasierten Beschaffungsregime verändert, sagt der Leiter Markt aus Rotenburg. Das erschwere die Preisplanung und erhöhe auch die Mengenrisiken. Bisher seien die CO₂-Zertifikate im späten Herbst beschafft worden. Nun müsse bereits im Sommer festgelegt werden, welchen Anteil des erwarteten Zertifikatebedarfs im Auktionszeitraum beschafft werden soll.
"Zu diesem Zeitpunkt ist die Güte unserer Verbrauchsprognose für das nächste Jahr aber eine andere als sechs oder acht Wochen vor Jahresende", verdeutlicht Gerardu. Das erhöhe das Risiko, zu viel oder zu wenig Gas einzukaufen. Und wenn die Prognose stark vom tatsächlichen Verbrauch abweiche, könne das Stadtwerk auch zu viele oder zu wenige Zertifikate einkaufen. Die Strategien im Markt reichten deshalb von einer eher offensiveren Beschaffung größerer Mengen bis zu konservativeren Ansätzen, bei denen bewusst weniger im Auktionszeitraum beschafft und stattdessen zu höheren, aber planbareren Preisen beschafft werde.
Auch Kontrahentenrisiken werden diskutiert
Letztere Strategie verfolgt man bei den Stadtwerken Rotenburg. Ein Thema, das man in der Branche intensiv diskutiert, ist angesichts der hohen Sicherheitsleistungen auch das Kontrahentenrisiko selbst gegenüber etablierten Dienstleistern. Insbesondere kleinere GmbH-Strukturen werden hier mittlerweile oftmals aus Risikoperspektive anders bewertet als beispielsweise Banken.
Viele Vertriebsverantwortliche erinnern sich zudem noch genau an die Insolvenz eines großen Biomethanhändlers vor einigen Jahren. "Wir binden deshalb die kaufmännische Leitung und die Geschäftsführung frühzeitig in den Beschaffungsprozess für die Zertifikate ein, gerade auch hinsichtlich Liquiditäts- und Dienstleisterrisiken", sagt Gerardu.
Spannungsfeld: Margenverluste versus Wettbewerbsfähigkeit
Herausfordernd ist laut dem Leiter Markt in dem neuen System auch die Frage, wie die CO₂-Kosten in die Preise eingerechnet werden. Einige Stadtwerke arbeiteten mit Werten zwischen 65 und 68 Euro, andere mit einem Mischpreis aus Auktionsbeschaffung, späterem Nachkauf und Restbeschaffung. Dabei entsteht ein Spannungsfeld: "Wer zu niedrig kalkuliert, riskiert Margenverluste; wer zu hoch kalkuliert, gefährdet möglicherweise die Wettbewerbsfähigkeit", verdeutlicht Gerardu. Da der Kommunalversorger, wie viele andere Stadtwerke auch, immer nur mit 90 bis 95 Prozent der notwendigen Gasmengen ins Frontjahr geht, müssen die restlichen fünf bis zehn Prozent der Zertifikate dann 2027 nachgekauft werden. Ab Januar müssen hierfür 70 Euro pro Tonne bezahlt werden.