Thomas Pietsch: "Gebiete mit zu geringer Versorgungsdichte oder Absatzmenge pro Leitungskilometer bauen wir nicht aus".

Thomas Pietsch: "Gebiete mit zu geringer Versorgungsdichte oder Absatzmenge pro Leitungskilometer bauen wir nicht aus".

Bild: @ SWM Magdeburg/Viktoria Kühne

Rolle rückwärts bei der Wärme – was macht das mit Stadtwerken? Die Bundesregierung hat einschneidende Änderungen am gesetzlichen Rahmen vorgenommen, Stichwort 65-Prozent-Vorgabe. Thomas Pietsch, Sprecher der Geschäftsführung der Städtischen Werke Magdeburg GmbH & Co. KG (SWM Magdeburg), setzt bei der Transformation auf das bestehende Fernwärmenetz und den Markt – fordert jedoch verlässliche Regeln für die Preisgestaltung.

Sie verfügen in Magdeburg bereits über ein 162 Kilometer langes Fernwärmenetz. Wie kam es dazu?

Wir haben ein fossil gespeistes Fernwärmenetz aus DDR-Zeiten geerbt. In den 1990er-Jahren wurde über dezentrale Lösungen nachgedacht. Wir haben uns früh entschieden, am Netz festzuhalten, und viel kommunikative Arbeit geleistet. Einen Anschluss- und Benutzungszwang zugunsten der Fernwärme haben wir nie eingeführt. Wir stellen uns dem Wettbewerb.

Die Entscheidung für ein Müllheizkraftwerk war ein wichtiger Schritt. Die Anlage Rothensee ist seit 2005 in Betrieb. Damit war das Commitment verbunden, das Fernwärmenetz zu modernisieren und auszubauen. Wir planen, bis 2045 zwei Drittel der Haushalte in Magdeburg mit leitungsgebundener Wärme zu versorgen.

Das Netz war also nicht nur eine Altlast, sondern wurde zu einem strategischen Asset?

Bis zu den frühen 2000er-Jahren sank der Fernwärmeabsatz. Modernisierungen reduzierten den Bedarf, Kunden wechselten zu Erdgas oder eigenen Lösungen. Seit Mitte der 2000er-Jahre gewinnen wir durch Akquise, Netzausbau und Kommunikation wieder Kunden – auch im Wettbewerb mit unserem eigenen Erdgasprodukt.

Unsere Langfristszenarien zeigten früh, dass Erdgas perspektivisch knapp und teurer werden könnte. Fernwärmepreise haben deshalb eine natürliche Obergrenze. Wenn eine Megawattstunde mehr als 300 Euro kostet und ein Radiator aus dem Baumarkt günstiger ist, beschädigt das das Produkt Fernwärme.

Wir haben deutlich mehr Nachfrage, als wir bedienen können

Verzeichnen Sie trotz der Debatte über Kosten und Regulierung einen Nachfragerückgang?

Unsere Kunden sind vor allem die organisierte Wohnungswirtschaft. Dort ist die Nachfrage hoch: Wir haben mehr Anschlussbegehren, als wir bedienen können. Wir schließen zuerst Quartiere mit hoher Anschlussdichte an. Der Engpass liegt weniger bei der Finanzierung als bei Material, Dienstleistungen und Genehmigungen. In Magdeburg erschweren gesperrte Brücken und stark genutzte Verkehrsadern die Bauarbeiten. Neben dem Fernwärmenetz bauen wir auch das Stromnetz aus.

Wo liegen die wirtschaftlichen Grenzen des Ausbaus?

Gebiete mit zu geringer Versorgungsdichte oder Absatzmenge pro Leitungskilometer bauen wir nicht aus. Wir sind nicht für die Volkswirtschaft zuständig, sondern für die Betriebswirtschaft.

Eine Investition muss auch bei Ersatz und Betrieb wirtschaftlich tragfähig sein. Wir stellen uns deshalb so auf, dass wir Gebiete grundsätzlich ohne Förderung erschließen können. Förderung beschleunigt den Ausbau, ist aber nicht seine Grundlage. Bei geringer Anschlussdichte suchen wir andere Lösungen.

Welche Lösungen kommen dort infrage?

Elektrisch basierte Lösungen, insbesondere Wärmepumpen. Auch Tiefengeothermie ist interessant, in Magdeburg aber wegen fehlender geeigneter wasserführender Tiefenschichten nicht möglich.

Mit dem Biomasseheizkraftwerk Ostelbien haben wir 2016 gezeigt, dass regenerative Wärme wettbewerbsfähig sein kann – ohne Anschluss- und Benutzungszwang. Das bereits einmal an einem anderen Ort errichtete Kraftwerk versorgt ein Teilnetz. Die Brennstoffe stammen aus minderwertigem Holz im regionalen Umfeld.

Die günstigere Wärmequelle setzt sich durch.

Wie grün ist die Fernwärme in Magdeburg heute und welche Rolle spielt das Biomasseheizkraftwerk künftig?

Das Teilnetz wird mit dem östlichen und westlichen Fernwärmenetz verbunden. Dadurch können wir die günstigere Abwärme des Müllheizkraftwerks nutzen; Biomasse benötigt dagegen einen kostenpflichtigen Brennstoff.

Das Biomasseheizkraftwerk geht deshalb aus dem Dauerbetrieb und bleibt als Reserve erhalten. Die Verbindung ermöglicht einen Fuel Switch, ohne die Kunden zu belasten. Das Müllheizkraftwerk verarbeitet nach unseren Angaben rund eine Million Tonnen Abfall und liefert kontinuierlich nicht vermeidbare Abwärme.

Ich brauche eine zulässige Regel, keine Verbotsliste.

Warum nennen Sie keinen konkreten Fernwärmepreis für Magdeburg?

Wir haben keinen Anschluss- und Benutzungszwang und keinen einheitlichen, veröffentlichten Tarif. Vor allem sagen uns Gerichte seit 25 Jahren, was wir nicht dürfen. Niemand sagt uns verbindlich, was wir dürfen.

Eine klare Festlegung bei den Preisformeln wäre deshalb hilfreich. Mir ist egal, ob ein Markt- und ein Kostenelement 40 zu 60 oder 50 zu 50 gewichtet werden. Ich brauche eine rechtssichere Regel. Die Branche braucht keine weitere Verbotsliste, sondern eine verständliche Vorgabe.

Warum bieten Sie Festpreise mit Laufzeiten von bis zu zehn Jahren an?

Ein Festpreis senkt unser Risiko als Lieferant, weil eine Preisgleitklausel nicht laufend vor Gericht infrage gestellt werden kann. Risikofrei ist dieser Weg nicht: Kostenentwicklungen über zehn Jahre lassen sich nur abschätzen.

Trotzdem ist der Festpreis von uns bevorzugt. Wenn eine Preisformel zu 50 oder 60 Prozent der Erlöse infrage gestellt werden kann, ist das ein erhebliches Risiko. Ein verlässliches Modell könnte Risikoaufschläge reduzieren und damit auch den Kunden zugutekommen.

Das Erdgasnetz wird perspektivisch außer Betrieb gehen.

Welche Rolle könnte Wasserstoff in den Gasverteilnetzen spielen?

Für die Wärmeerzeugung wird Wasserstoff dort keine wesentliche Rolle spielen. Gute Anwendungen liegen vor allem bei der stofflichen Nutzung. Für eine wenig intelligente Verbrennung in Brennwertthermen wird er voraussichtlich nicht eingesetzt.

Das Erdgasverteilnetz wird perspektivisch außer Betrieb gehen. Ob der vollständige Ausstieg bis 2045 gelingt, bezweifle ich. Das Ziel ist richtig, aber die Geschwindigkeit könnte die deutsche Volkswirtschaft überfordern. Bei der Wärmeversorgung sollten wir auf Anreize statt Verbote setzen. Fernwärme ist in Magdeburg wettbewerbsfähig.

Das Neutralitätsgebot muss weg.

Welche politische Entscheidung würde den Ausbau der klimafreundlichen Fernwärme am stärksten unterstützen?

Das Neutralitätsgebot muss weg. Es stammt aus dem Mietrecht und kann dazu führen, dass eine CO₂-freie Versorgung mit einer Erdgasheizung kostenneutral verglichen werden muss. Das funktioniert nicht, wenn eine klimafreundliche Wärmeversorgung aufgebaut werden soll.

Daneben brauchen wir klare Preisregeln und Anpassungsformeln für Wärmelieferverträge. Über das Verhältnis von Markt- und Kostenelementen würde ich nicht streiten. Wichtig ist, dass sich Politik und Gesetzgeber festlegen – verständlich und rechtssicher.


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