Es klang verheißungsvoll, was die Projektverantwortlichen in Südliches Anhalt, einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt mit 13.000 Einwohner:innen und 24 Ortsteilen, versprachen. Sie wollten Wärme neu denken, mit Wind- und Solarenergie, Großwärmepumpen und Wärmenetzen. Sorgenfrei in jeder Jahreszeit sollte die Wärmeversorgung sein, komfortabel und bezahlbar: "Einmal entscheiden. Einfach genießen", hieß es in der Werbung.
Doch wirklich entschieden ist noch wenig. Die Frage, wie viele Menschen in Südliches Anhalt tatsächlich an das geplante Nahwärmenetz angeschlossen werden, ist offen – jetzt, da die AfD stärker wird.
An diesem Frühlingstag sitzt Matthias Volk im Besprechungszimmer im Rathaus des Ortsteils Radegast. Volk ist Mitte 30, blond, trägt Hemd. Er leitet das Wärmewende-Vorhaben, das den Namen "Projekt Fuhne" trägt. "Wir wollten in ganz Südliches Anhalt eine Wärmeversorgung aufbauen", sagt er. "Für alle Ortschaften."

Volk arbeitet für den Erneuerbaren-Projektierer GP Joule, der in der Region Wind- und Solaranlagen errichten will. Der erzeugte Strom soll eine Großwärmepumpe antreiben. Diese Wärme soll ein lokales Wärmenetz versorgen. Im Ortsteil Quellendorf sind nach Angaben des Unternehmens bereits rund 70 Prozent der Haushalte angeschlossen. Bis die Wärmepumpe in Betrieb geht, versorgen Gaskessel das Wärmenetz. Später sollen sie nur noch die Spitzen abdecken.
Dieses System könnte ein Vorbild sein für die klimaneutrale Wärmeversorgung in anderen deutschen Gemeinden auf dem Land. Und tatsächlich startete das Projekt Fuhne 2023 als Vorzeigeprojekt: Zum Spatenstich kam Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) und sprach von einer "Energieregion", die ihn "schon jetzt begeistert". Auch die Agentur für Erneuerbare Energie führte Fuhne als Best-Practice-Beispiel im Statusreport Föderale Energiewende 2024/2025.
Südliches Anhalt steht beispielhaft für das ländliche Deutschland: Nördlich von Halle an der Saale gelegen, erstreckt sich die Stadt über fast 200 Quadratkilometer – das entspricht fast der Fläche von Magdeburg. Der Unterschied: Die Landeshauptstadt hat 18-mal so viele Einwohner:innen.
Laut Zensus heizten vor vier Jahren noch 52 Prozent der Menschen in Südliches Anhalt mit Öl, 26 Prozent mit Gas und nur zwei Prozent mit Fernwärme. Das wollte GP Joule ändern – und gründete eigens für das Projekt Fuhne eine Tochtergesellschaft: die Renergiewerke. Für die Wärmeversorgung in Quellendorf sei sein Unternehmen in Vorleistung gegangen, sagt Volk. Sie hätten zeigen wollen: "Wir meinen das hier ernst."
Batteriespeicher sollen Projekt ergänzen
Zum Zeitpunkt der Planung habe man den Strom aus Solar- und Windanlagen noch gewinnbringend am Markt verkaufen können, erklärt Volk. So habe GP Joule die Investition quersubventionieren wollen. Gleichzeitig profitierten die Bürger:innen von der günstigen Wärme: Die angeschlossenen Haushalte zahlten allein den Arbeitspreis der Wärme.
Mittlerweile sei die Marktsituation für grünen Strom anders. "Vor drei, vier Jahren hatten wir hohe Stromverkaufspreise", erinnert sich Volk. "In der Spitze lagen sie bei über 200 Euro pro Megawattstunde. Jetzt liegen die PPA-Preise teilweise nur noch bei 35 Euro."
Damit Projekt Fuhne doch noch rentabel werden könne, wolle GP Joule nun zwei Batteriespeicher in Südliches Anhalt bauen, sagt Volk. Diese sollten als reguläre Marktteilnehmer mit dem überschüssigen Strom handeln. Erst mit den Batteriespeichern wären die geplanten Solarparks wirtschaftlich. Ohne dessen Einnahmen, erklärt Volk, ließe sich die Wärmeversorgung nicht langfristig finanzieren.
Stimmung ist gekippt
Als Projekt Fuhne 2023 startete, war nicht nur die Situation am Strommarkt eine andere: Auch der politische Rückhalt war da. Damals habe der Stadtrat "nahezu geschlossen dahinter" gestanden, erzählt Volk. "Wir hatten ein sehr gutes Gefühl."
Nach der Kommunalwahl 2024 kippte die Stimmung in Südliches Anhalt: Teile des neuen Stadtrats standen dem Projekt "deutlich zurückhaltender gegenüber", sagt Volk. Das habe eine intensivere Abstimmung zur Folge gehabt.
Bei der Wahl 2024 erhielt die AfD die meisten Stimmen. In der vorherigen Wahlperiode war die AfD im Stadtrat von Südliches Anhalt gar nicht vertreten gewesen; die CDU hatte den Stadtrat dominiert.
Das macht sich nun auch in der Wärmepolitik bemerkbar. Wie die AfD zu Energie- und Wärmewende steht, lässt sich im Wahlprogramm des Landesverbands Sachsen-Anhalt für die Landtagswahl im September nachlesen. Die Partei lehnt "staatlichen Zwang und Dirigismus im Wärmesektor" ab und fordert einen "technologieoffenen Wärmemarkt", in dem auch Erdgas und Heizöl eine Zukunft haben. Eine AfD-geführte Landesregierung würde das Wärmeplanungsgesetz abschaffen und Förderungen für Wärmepumpen streichen. In Umfragen liegt die Partei mittlerweile nicht mehr nur in Sachsen-Anhalt mit Abstand vorne, sondern in ganz Deutschland.
Misstrauen im Stadtrat
Bodo Pfalzgraf steht hinter der Wärmepolitik seiner Partei. Der AfD-Stadtrat ist ein großer Mann, Anfang sechzig und kahlköpfig. Immer wenn er sich für eine Wortmeldung von seinem Platz erhebt, hält er seine Brille in der Hand, setzt sie kurz auf die Nase, um sie dann auf seiner Stirn zu platzieren. Niemand gewann bei der Kommunalwahl 2024 in Südliches Anhalt so viele Stimmen wie er.
In der Stadtratssitzung geht es um einen Auslegungsbeschluss für die geplanten Batteriespeicher von GP Joule. Die sind Pfalzgraf und seiner AfD-Fraktion ein Dorn im Auge. "Man führt uns hinters Licht", ruft er. Man könne den Versprechen des Unternehmens nicht trauen. "Ich verstehe die Diskussion hier gar nicht. Es wird doch gar kein Wärmenetz für die ganze Stadt geben!"
Pfalzgraf wirft GP Joule vor, sich nur selbst bereichern zu wollen – auf Kosten der Anwohner:innen, die schon überall auf Windräder blickten. Nun könnten sie noch nicht einmal mehr eine Gegenleistung dafür bekommen, fürchtet er.
Auch GP-Joule-Vertreter Volk ist da und erklärt, wieso die Pläne sich geändert haben und die Batteriespeicher notwendig geworden sind. GP Joule sei per Vertrag mit der Stadt zur Umsetzung verpflichtet und die Erlöse aus den Batteriespeichern würden die Wärmeversorgung in Quellendorf stabilisieren.
Die Erklärung stellt AfD-Stadtrat Pfalzgraf nicht zufrieden. Er bringt einen Änderungsantrag ein: GP Joule soll verpflichtet werden, alle Informationen zu Betriebsweise, Nutzung und Geschäftsmodell der Batteriespeicher offenzulegen. "Wir fordern Transparenz", sagt Pfalzgraf. Der Änderungsantrag wird beschlossen – mit den Stimmen von AfD und Freier Wählergemeinschaft.
Doris Zimmermann scheint nicht glauben zu können, was sie hier hört. Während die Ortsbürgermeisterin von Quellendorf der Diskussion zuhört, zerknüllt sie ein Blatt Papier zwischen ihren Händen. Schließlich tritt sie vor die Stadträt:innen: "GP Joule ist in Vorleistung gegangen und das nicht nur mit zehn Euro, sondern mit etlichen Millionen Euro." Der Stadtrat solle dem Beschluss zustimmen, damit GP Joule endlich schwarze Zahlen schreiben könne. Die Haltung der AfD könne sie nicht nachvollziehen: "Einige Leute im Stadtrat besitzen selbst einen Betrieb. Sie wollen auch mit ihrer Arbeit Gewinn erwirtschaften."
Zimmermann gehörte zu den Ersten, die ans Wärmenetz angeschlossen wurden: "Ich komme sehr viel günstiger weg als mit der Gasheizung." Als die Stadträt:innen gegen den Entschluss stimmen – trotz des angenommenen Änderungsantrags –, ruft eine Zuschauerin in den Saal: "Wollen wir einen neuen Stadtrat wählen?" Zimmermann hat Tränen in den Augen.

Einen neuen Stadtrat wird Südliches Anhalt regulär erst 2029 wählen. Einen Wärmeplan muss die Kleinstadt dagegen schon Mitte 2028 vorlegen. Wärmenetze würden diese Planung erleichtern. Aber was tun, wenn der Widerstand in Teilen des Stadtrats so groß ist? Eine Frage, die mit wachsenden AfD-Fraktionen auch in anderen Stadt- und Gemeinderäten dringlicher wird.
Zwischenbilanz des Bürgermeisters
Eine Woche nach dem Stadtratsbeschluss klingt der Bürgermeister am Telefon gefasst. "Ist traurig, aber langsam kann man schon drüber lachen", sagt Thomas Schneider. Dass die Stadträt:innen von AfD und Freier Wählergemeinschaft am Ende gegen den von ihnen selbst geänderten Antrag stimmten, das müsse man nicht verstehen.
Er glaubt, dass in der Sitzung gar nicht die Batteriespeicher das eigentliche Thema waren: "Wir sind eher bei einer Grundsatzfrage." Es geht um den Ausbau von erneuerbarer Energie, genauer: Windräder. Die Region muss laut regionalen Planungszielen mehr Windkraft ausbauen als andere Kommunen. Städte wie Dessau haben dafür schlicht keinen Platz. "Das wussten wir als Stadt, als wir die ersten Schritte mit GP Joule unternommen haben", sagt Schneider. "Daher wollten wir über das Mindestmaß hinausgehende Vorteile für die Bevölkerung schaffen." Das Wärmenetz war die Gegenleistung und sollte auch in der Wärmeplanung der Kommune eine Rolle spielen.
Schneider will sich noch mal mit den Fraktions- und Stadtratsvorsitzenden zusammensetzen, um herauszufinden, ob es überhaupt noch Chancen für eine Fortsetzung gibt. Er glaubt: "Es ist noch nicht alles verloren."
Ende Juni wurde die Großwärmepumpe endlich angeschaltet. Ob sie aber jemals mit Strom aus einem neuen Solar-Park betrieben wird, ist ungewiss.