Erdgasnetz: Bereits heute wären kleine H2-Beimischquoten technisch möglich.

Erdgasnetz: Bereits heute wären kleine H2-Beimischquoten technisch möglich.

Bild: © pixel-kraft/Adobestock

Der große Wasserstoffmarkt lässt noch auf sich warten. Elektrolyseure entstehen langsamer als geplant, das Wasserstoff-Kernnetz befindet sich erst im Aufbau. Dennoch könnte sich für Stadtwerke bereits heute ein Geschäftsfeld eröffnen: die Beimischung kleiner Mengen grünen Wasserstoffs in bestehende Erdgasverteilnetze. Im Markt scheint das jedoch bislang kaum ein Thema zu sein.

Technisch gilt das Beimischen dagegen als unproblematisch. Der Deutsche Verein des Gas- und Wasserfaches (DVGW) teilte auf Anfrage mit, Beimischungen von bis zu 20 Volumenprozent seien grundsätzlich möglich. Laut dem Deutschen Wasserstoffverband (DWV) wurden sogar "bis zu 30 Prozent und mehr" nachgewiesen.

Votum für "pragmatischen Einstieg"

Auch Marcel Corneille, Geschäftsführer des Kölner Ingenieurbüros Emcel, sieht die technischen Fragen weitgehend geklärt. "Heute geht es vor allem darum, unter welchen Bedingungen Wasserstoff wirtschaftlich ins Gasnetz eingespeist werden kann.", sagte Corneille im Gespräch mit der ZFK. Viele haben noch im Kopf, dass dies wirtschaftlich nicht funktioniere.

Allerdings hätten sich die Rahmenbedingungen dafür in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Schon ein bis zwei Prozent Wasserstoff ließen sich problemlos beimischen und ermöglichten einen "pragmatischen Einstieg". "Bevor man gar nichts macht, weil die großen Wasserstoffmärkte noch nicht da sind, kann man heute bereits Wasserstoff ins Gasnetz einspeisen und damit fossiles Erdgas ersetzen", so der Emcel-Chef.

Erfahrungswerte für künftige Quoten

Er verweist dabei auch auf mögliche regulatorische Vorgaben. Sollten Quoten für grüne Gase eingeführt werden, benötigten Stadtwerke entsprechende Erfahrungen, so Corneille.

Unter günstigen Bedingungen könne sich die Wasserstoff-Beimischung zudem ohne Förderung rechnen. Auch gebe es Kunden, die für klimafreundlichere Gasangebote einen Aufpreis akzeptierten. "Das sehen wir seit Jahren beim Ökostrom – und wir glauben, dass es auch beim Gasmarkt funktionieren kann."

Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) erklärte auf Nachfrage: Ohne Wasserstoff und Biomethan werde Klimaneutralität kaum erreichbar sein, insbesondere für Kraftwerke sowie Industrieunternehmen ohne Anschluss an das Wasserstoff-Kernnetz.

Technisch lägen die Einschränkungen weniger bei den Verteilnetzen als bei einzelnen Endgeräten und speziellen Industrieanwendungen, führte eine VKU-Sprecherin aus.

VKU: Wasserstoff bleibt knapp

Der Verband verweist allerdings auch auf offene Fragen. Wasserstoff bleibe knapp, gleichzeitig konkurrierten Haushalte, Industrie und Energiewirtschaft um die verfügbaren Mengen. Zudem fehlten wichtige politische Leitplanken – etwa zur Finanzierung künftiger Wasserstoffverteilnetze oder zur Ausgestaltung einer Grüngasquote.

Ähnlich differenziert fällt die Einschätzung des DWV aus. Dass bislang offenbar nur wenige Netzbetreiber kleinere Wasserstoffmengen einspeisen, habe demnach mehrere Gründe. Neben der weiterhin begrenzten Verfügbarkeit erschwerten vor allem regulatorische Unsicherheiten den Markthochlauf, sagte ein DWV-Sprecher.

Haftungsrisiken und Mehraufwand

Und diese seien sehr hoch, etwa aufgrund "noch ausstehender Umsetzungen von Herkunftsnachweissystemen auf nationaler und europäischer Ebene". Dazu kämen unter anderem Haftungsfragen. "Der Netzbetreiber trägt ein Haftungsrisiko, wenn keine ordnungsgemäße Gasversorgung vorliegt", betont der Verbandssprecher.

Entstehende Prüfpflichten erzeugten außerdem Aufwand, den "viele Netzbetreiber möglicherweise scheuen" und Sonderanwendungen wie Erdgas-Fahrzeugtanks oder Gasturbinen mit schadstoffarmen Vormischbrennern schränkten den Wasserstoffeinsatz ein und erhöhten damit die Komplexität einzelner Anwendungen.

Aus Sicht des DWV kann eine Wasserstoff-Beimischung für kleinere Elektrolyseure wirtschaftlich sinnvoll sein, wenn keine reinen Wasserstoffleitungen anliegen. Großelektrolyseure würden heute ohnehin schon am Wasserstoff-Kernnetz geplant. Ob kleine Beimischungsmengen aber langfristig relevant bleiben oder eher eine Übergangstechnologie darstellen, sei noch offen.

Einigkeit beim Ziel

Einigkeit herrscht unter den befragten Verbänden, DVGW, VKU und DWV, weitgehend darüber, dass der Hauptfokus jedoch auf vollständig umgestellten Wasserstoffnetzen liegen müsse. Durch die Beimischung von Wasserstoff dürften keinerlei Anreize entstehen, "fossile Infrastruktur länger am Leben zu erhalten als wirklich nötig", so der DWV-Sprecher. Der Umbau hin zu reinen Wasserstoffleitungen müsse Priorität haben.

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper