Der Vertrag der Entsorgungsbetriebe der Landeshauptstadt Wiesbaden (ELW) mit der MVA Frankfurt läuft Ende dieses Jahres aus. Was dann mit den Restabfällen der Wiesbadener passiert, ist strittig. Das Umweltdezernat der Stadt hatte zur Klärung ein Gutachten zu den „ökologischen Implikationen von thermischen Abfallbehandlungsanlagen“ in Auftrag gegeben. Nun liegen die Ergebnisse des Freiburger Öko-Instituts vor.
Zunächst untersuchten die Experten die Auslastung der Müllverbrennungsanlagen im Rhein-Main-Gebiet. Im Wesentlichen geht es in der Wiesbadener Diskussion nämlich darum, ob die Landeshauptstadt überhaut eine eigene MVA benötigt oder bereits bestehende Anlagen in der Region noch Kapazitäten verfügbar haben. Laut Gutachten seien MVA bundesweit ausgelastet oder sogar überlastet. Zwar gingen die Restmüllmengen in den vergangenen Jahren leicht zurück, dafür würde jedoch immer mehr Gewerbeabfall anfallen. „Demzufolge ist davon auszugehen, dass in den betreffenden Anlagen insbesondere Gewerbeabfälle die Auslastung gewährleisten“, heißt es im Gutachten weiter. Bei der Verwertung von Sekundärbrennstoffen müsste Wiesbaden derzeit sogar große Anteile in andere Bundesländer auslagern.
Bedarf besteht, Energieeffizienz fraglich
Bedarf wäre also da, doch ein weiteres Argument der ELW ist die „ortsnahe“ und damit klimafreundliche Entsorgung. Bislang werden die Abfälle zur Verbrennung nach Frankfurt transportiert – anschließend wird ein Teil der aufbereiteten Verbrennungsschlacke wieder zurück zur Deponie im Wiesbadener Industriegebiet Dyckerhoffbruch gebracht. Wäre der Bau einer eigenen Anlage in Anbetracht des Hin und Hers unter ökologischen Gesichtspunkten sinnvoller? Die Freiburger Wissenschaftler haben sich zu dieser Frage vorrangig mit dem Entwicklungsgebiet Ostfeld-Kalkofen befasst. Breits jetzt stelle der Dyckerhoffbruch eine Belastung für das benachbarte Wohngebiet dar. Die geplante MVA wäre ein zusätzlicher Emittent. Sie wäre jedoch im Vergleich mit den Emissionen des bestehenden Industrieparks ein geringer Faktor. Eine Überschreitung gültiger Grenzweitere sei dementsprechend nicht zu erwarten.
In Sachen Energieeffizienz könnte die Anlage in Wiesbaden jedoch nicht mit dem Standort Frankfurt mithalten. So müsste die geplante MVA nahezu eine optimale Energienutzung erreichen, um ökobilanziell mit Frankfurt mithalten zu können. Hinzu kommt die Übergangsphase von zirka zwei Jahren, in der die Abfälle in Darmstadt entsorgt werden sollen. Unter diesen Umständen kann Wiesbaden trotz optimaler Auskopplung nicht mehr gleichziehen. Ein weiterer wichtiger Aspekt für den Neubau ist ihr Potenzial für die Fernwärmeversorgung der Region.
Müllverbrennung ist "Übergangstechnologie"
Doch auch in diesem Punkt sieht das Gutachten nur bedingt Chancen. Vor dem Hintergrund der Energiewende und der Stilllegung von Atom- und Kohlekraftwerken wir die Müllverbrennung zunächst als eine "Übergangstechnologie" zur Bereitstellung von Fernwärme angesehen. Allerdings stammt die so gewonnene Energie nur zum Teil aus regenerativen Quellen. Der erneuerbare Anteil im Hausmüll liege in der Regel bei 50 Prozent; bei Sekundärbrennstoff aus Gewerberesten ist der Anteil mit 15 bis 30 Prozent meist noch deutlich geringer. Damit stelle die Müllverbrennung keine langfristige Lösung für eine nachhaltige und karbonfreie Wärmeversorgung dar, so das Gutachten weiter.
Auf Grundlage dieser Ergebnisse wird die weitere Beratung in den Gremien der Landeshauptstadt im kommenden Sitzungszug fortgesetzt. Für den Umweltdezernenten Andreas Kowol stellt das Gutachten eine „gute Möglichkeit“ dar, die Diskussion auf sachlicher Grundlage zu führen. (ls)


