Herr Herzer, wie schätzen Sie die aktuelle Fachkräftesituation bei Stadtwerken im ländlichen Raum ein?
Sie ist deutlich angespannter als in städtischen Regionen – das zeigt auch unsere Studie "Die Fachkräftesituation im ländlichen Raum" sehr klar. Unternehmen auf dem Land haben es schwerer, qualifiziertes Personal zu finden. Das gilt natürlich auch für Stadtwerke, die ähnliche Probleme haben wie viele andere kommunale Arbeitgeber.
Besonders in Berufen wie Bauelektrik, Sanitär- und Klimatechnik, Tiefbau, Kanaltunnelbau oder der Wasser- und Abwasserwirtschaft gibt es eine erhebliche Fachkräftelücke – und das bundesweit. Selbst wenn alle qualifizierten Arbeitslosen vermittelt würden, blieben viele Stellen unbesetzt.

Was erschwert es Stadtwerken im Vergleich zur Privatwirtschaft, neue Fachkräfte zu gewinnen?
Ein wesentlicher Punkt ist die geringere Sichtbarkeit. Die Leistungen der Stadtwerke in der Daseinsvorsorge werden oft als selbstverständlich wahrgenommen – dabei steckt eine enorme Berufspalette dahinter, die vielen gar nicht bewusst ist. Außerdem haben kommunale Unternehmen mit einem Imageproblem zu kämpfen: Der öffentliche Dienst gilt häufig als träge und wenig innovativ.
Solche Klischees halten sich hartnäckig und an manchen Stellen ist natürlich auch etwas Wahres dran. Hinzu kommt, dass Stadtwerke im Marketing oder in der Social-Media-Kommunikation oft nicht so flexibel agieren können wie private Unternehmen – vor allem, wenn es um junge Zielgruppen geht.
Welche Maßnahmen sind aus Ihrer Sicht am wirkungsvollsten, um Fachkräfte in den ländlichen Raum zu holen?
Das funktioniert nur im Zusammenspiel: Politik und Wirtschaft müssen gemeinsam an einem Strang ziehen. Politisch geht es darum, die Rahmenbedingungen vor Ort zu verbessern – sei es bei der medizinischen Versorgung, bei Kitas, bei der Pflege oder beim öffentlichen Nahverkehr.
Für Unternehmen ist es entscheidend, sich stärker zu positionieren und gezielt auf potenzielle Bewerbende zuzugehen. Wer Menschen für einen Job im ländlichen Raum begeistern will, braucht gute Argumente – ein Umzug ist keine Kleinigkeit. Deshalb müssen Stadtwerke ihre Stärken klar kommunizieren: sichere Arbeitsplätze, faire Bezahlung, geregelte Strukturen.
Welchen Beitrag leisten internationale Fachkräfte bei der Fachkräftesicherung im ländlichen Raum?
Einen sehr großen. Unsere Studie zeigt: Der Beschäftigungszuwachs in vielen ländlichen Regionen geht fast ausschließlich auf internationale Fachkräfte zurück. Wer hier nicht aktiv wird, vergibt wichtige Chancen.
Entscheidend ist eine echte Willkommenskultur – und die beginnt bei ganz praktischen Dingen: Unterstützung bei der Anerkennung von Qualifikationen, Zugang zu Sprachkursen, Hilfe bei Wohnungssuche, Kita-Plätzen oder der Jobsuche für Partnerinnen und Partner. Wenn diese Unterstützung fehlt, ist die Gefahr groß, dass die neu gewonnenen Fachkräfte nicht bleiben.
Wie gelingt es Stadtwerken, junge Menschen für eine Ausbildung oder ein Studium in ihrer Region zu gewinnen?
Der direkte Kontakt ist hier entscheidend. Kooperationen mit Schulen, Praktika oder Betriebsbesichtigungen sind ideale Wege, um junge Leute frühzeitig abzuholen. Praktika sind nach wie vor eines der erfolgreichsten Instrumente zur Nachwuchsgewinnung. Gleichzeitig ist es wichtig, die sozialen Medien sinnvoll zu nutzen.
Besonders glaubwürdig sind dabei junge Beschäftigte oder Auszubildende, die auf Augenhöhe mit Gleichaltrigen sprechen und authentisch von ihrer Arbeit erzählen. Auch Studienabbrechende können eine wertvolle Zielgruppe sein. Und wer Studierenden die Möglichkeit gibt, praxisnahe Abschlussarbeiten oder Projekte bei den Stadtwerken umzusetzen, bindet frühzeitig Talente.
Was braucht es, um qualifizierte Mitarbeitende langfristig zu halten?
Zuhören, ernst nehmen und mitdenken. Viele Fachkräfte wünschen sich flexible Arbeitsbedingungen – auch wenn das im öffentlichen Sektor nicht immer leicht umzusetzen ist. Wichtig ist, die Bedürfnisse der Mitarbeitenden im Blick zu behalten, frühzeitig ins Gespräch zu kommen und Veränderungen gemeinsam zu gestalten.
Es sind oft die kleinen Dinge, die Bindung schaffen: Identifikation mit dem Arbeitgeber, Wertschätzung, Unterstützung bei familiären Herausforderungen. Gerade ältere Beschäftigte verdienen besondere Aufmerksamkeit – sei es durch neue Aufgabenfelder oder Mentoring-Rollen. In kleineren Organisationen zählt oft mehr das persönliche Miteinander als das große Programm.
Das Interview führte Katja Neuhaus.
Weitere Informationen finden Sie in der KOFA-Studie "Die Fachkräftesituation im ländlichen Raum".
Das Interview ist zuvor in der Juli-Ausgabe der ZfK erschienen. Zum Abo geht es hier.



