Vom Homeoffice oder von unterwegs aus zu arbeiten, ist heute auch bei kommunalen Unternehmen alltäglich. Eine Nachfrage bei Stadtwerken ergab, dass es trotz der mittlerweile gängigen Arbeit außerhalb des Büros in den wenigsten Unternehmen klare Regeln gibt. Eine Frage, die bleibt, ist auch, ob im Homeoffice die Produktivität leidet oder steigt.
Frau Schüth, ist das mobile Büro ein Produktivitäts-Killer oder -Booster?
Die Meinungen dazu sind nach wie vor unterschiedlich. Die in den vergangenen Jahren publizierten Studien und Umfragen zur Produktivität im Homeoffice weisen teilweise konträre Ergebnisse auf: Eine Studie des Ifo-Instituts identifiziert Homeoffice in Vollzeit als langfristigen Produktivitätskiller (Ifo, 2023), wohingegen die Befragten einer Fraunhofer-Studie die Produktivität zu 51,3 Prozent als gleichgeblieben, zu 32,3 Prozent als etwas gestiegen und zu 6,5 Prozent als stark gestiegen empfanden (Fraunhofer IAO, 2023).

Was haben die Untersuchungen Ihres Instituts ergeben?
Das Ifaa (2024) kam mittels einer Analyse aktueller Studien und angewandter Konzepte zu dem Schluss, dass anhand genannter Studien kein wissenschaftlich haltbarer Beleg für die These erbracht werden kann, dass die Beschäftigten im Homeoffice produktiver sind als im Büro: Denn die Datenbasis der Studien beruht hauptsächlich auf einer subjektiven Selbst- beziehungsweise Fremdeinschätzung, und es werden keine konkreten Parameter für die Ermittlung der Produktivität sowohl im Büro als auch im Homeoffice genannt.
Wie könnte man zu fundierteren Ergebnissen kommen?
Für belastbare Aussagen müssten also mindestens die Parameter der Produktivität genannt und messbar operationalisiert werden. Hier bedarf es weiterer arbeitswissenschaftlicher Forschung, die sich mit den genannten Fragestellungen empirisch und soziotechnisch auseinandersetzt. Deshalb kann eine pauschale Aussage dazu, ob Homeoffice ein Produktivitäts-Killer oder -Booster ist, nicht getroffen werden.
Ist unabhängig von der Frage der Produktivität zurzeit ein rückläufiger Trend des Homeoffice zurück ins Büro zu erkennen?
Vier Jahre nach der Pandemie hat sich die Situation tatsächlich gewandelt: Wurde die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten bzw. Beschäftigte ins Homeoffice zu schicken, von Unternehmen und Angestellten auch kurz nach der Pandemie noch sehr geschätzt und rege genutzt, ist der Trend mittlerweile rückläufig: Im Herbst 2024 arbeiten laut dem Bayerischen Forschungsinstitut für Digitale Transformation (Bayerisches Forschungsinstitut für Digitale Transformation – Bidt 2024) nur noch 39 Prozent der Beschäftigten in Deutschland ab und zu im Homeoffice und lediglich 23 Prozent tun dies mehrmals pro Woche.
Was sind die Ursachen?
Die Gründe für diesen Rückgang sind vielfältig: So zweifeln Unternehmen, dass das Niveau von guter Zusammenarbeit und Produktivität aus der Ferne gehalten werden kann. Viele Beschäftigte empfanden die Isolation und die fehlenden Kontaktmöglichkeiten zudem als belastend, fühlten sich im Homeoffice abgelenkt oder vermissten eine feste Struktur.
Es ist dennoch davon auszugehen, dass auch in Zukunft der Anteil der Beschäftigten, die orts- und zeitflexibel arbeiten wollen, dauerhaft auf höherem Niveau bleiben wird, oder?
Immer mehr Beschäftigte wollen ihren Arbeitsort, ihre Arbeitszeit und ihre Arbeitsaufgaben zumindest zeitweise selbständig organisieren und somit das Arbeits- und Privatleben besser miteinander vereinbaren. Dem entgegen stehen jedoch auch viele Beschäftigte, die gern zurück ins Büro wollen, entweder, weil ihre Tätigkeiten schnelle Absprachen und einen regen Austausch erfordern oder aber auch, um die sozialen Kontakte zu pflegen. Es ist jedoch zu erwarten, dass orts- und zeitflexible Arbeit immer mehr zum Normalfall für einen großen Teil der Beschäftigten wird.
Wie stehen die Unternehmen dazu?
Viele Unternehmen und Beschäftigte haben erkannt, dass die Einführung und Umsetzung von mobilen Arbeitskonzepten auch auf Dauer zum Erfolg führen können, wenn geeignete betriebliche und persönliche Rahmenbedingungen vorhanden sind. Dazu zählen flexible Arbeitszeitgestaltung, Arbeits- und Gesundheitsschutz, Datensicherheit, Arbeitsorganisation und die häusliche Arbeitsumgebung des Beschäftigten. Das Ifaa hat hierzu ein Rahmenkonzept entwickelt. (Ganzheitliche Gestaltung mobiler Arbeit, Ifaa Institut für angewandte Arbeitswissenschaft, Springer Vieweg).
Was bedeutet das für die Führungskräfte?
Bei einer zeitlich und räumlich flexiblen Arbeitsgestaltung müssen sich Führungskräfte auf eine veränderte Führungssituation einstellen. Eine der wichtigsten Aufgaben wird darin bestehen, den Beschäftigten als Coach zur Verfügung zu stehen. Es müssen klare Zielvereinbarungen existieren. Gemeinsam Ziele zu vereinbaren und nachzuverfolgen, wird für alle Ebenen wichtiger.
Führungskräfte müssen in der Lage sein, aus der Distanz unterstützend und gezielt einzugreifen. Festhalten möchte ich aber auch, dass nicht jeder Beschäftigte die für mobiles Arbeiten erforderlichen persönlichen Kompetenzen mitbringt und diese gegebenenfalls erlernt werden müssen. Dies sollte dann in Absprache mit der Führungskraft geschehen.
Was raten Sie Arbeitgebern?
Unternehmen sollten individuell prüfen, welche Tätigkeiten sich für die mobile Ausübung eignen und wie diese optimal gestaltet werden können. Denn Homeoffice sollte nur dann stattfinden, wenn sich dadurch für Arbeitgeber und Beschäftigte Vorteile ergeben und die Produktivität nicht leidet.
Denn mobiles Arbeiten mit freier Zeit- und Ortswahl benötigt klare Strukturen, verbindliche Absprachen, Planbarkeit und wie gesagt auch geänderte Kompetenzen für Führungskräfte und Beschäftigte. Nur so können betriebswirtschaftliche Vorteile und die Bedürfnisse der Beschäftigten in Einklang gebracht werden.
Das Interview führte Christina Hövener-Hetz.
Das Interview ist zuerst in der April-Printausgabe der ZfK erschienen. Zum Abo geht es hier.
