2023 ließen fünf Thüringer Bäder ihre Gemeinwohlorientierung erstmals wissenschaftlich analysieren und nach den Kriterien des "Public Value" bewerten. Ein Jahr später erhielten die Jenaer Bäder und Freizeit GmbH, die Stadtwerke Erfurt Bäder, das Stadt-Bad Gotha, die Thüringentherme Mühlhausen und die Vitalpark Eichsfeld-Therme dafür das Go-Zertifikat des gemeinnützigen Vereins Forum Gemeinwohl.
Heute, zwei Jahre später, befinden sich die fünf Einrichtungen im Rezertifizierungsprozess. Die Zwischenbilanz fällt positiv aus: Die Gemeinwohlkriterien sind inzwischen fester Bestandteil von Führung, Arbeitsorganisation und strategischen Entscheidungen. Was als wissenschaftlich begleiteter Entwicklungsprozess begann, hat sich zu einem wichtigen Baustein der Organisationsentwicklung und Arbeitgebermarke entwickelt.

Martin Fromm
Vorsitzender des Arbeitskreises Thüringer Bäder
Mehr als ein sicherer Arbeitsplatz
Immer mehr Beschäftigte suchen heute nicht nur einen sicheren Arbeitsplatz, sondern auch eine Tätigkeit mit gesellschaftlichem Sinn. Genau hier setzt das Gemeinwohlprofil an. Es macht sichtbar, welchen Beitrag eine Organisation für die Gesellschaft leistet – und welchen Anteil die Beschäftigten daran haben.
Die Forschungsarbeiten von Timo Meynhardt, Professor für Wirtschaftspsychologie und Leadership an der HHL Leipzig Graduate School of Management und einer der führenden Public-Value-Forscher im deutschsprachigen Raum, zeigen, dass eine gelebte Werte- und Gemeinwohlorientierung die Arbeitgebermarke stärkt. Sie schafft Identifikation innerhalb der Organisation und im Wettbewerb um Fachkräfte ein klares Profil.
Gerade kommunale Unternehmen verfügen hier über ein besonderes Potenzial, denn ihr Auftrag ist traditionell auf das Wohl der Allgemeinheit ausgerichtet. Das Gemeinwohlprofil macht diesen Beitrag sichtbar und nachvollziehbar.
Auch Martin Fromm, Vorsitzender des Arbeitskreises Thüringer Bäder, sieht darin einen wichtigen Erfolgsfaktor für die Personalgewinnung: "Bei den Bädern zu arbeiten bedeutet mehr, als nur Geld zu verdienen."
Reifematrix als Orientierung
Damit Gemeinwohl glaubwürdig nach außen wirken kann, muss es zunächst innerhalb der Organisation verankert werden, so Meynhardt. Im Mittelpunkt des Zertifizierungsprozesses stehen deshalb nicht Gäste oder Öffentlichkeit, sondern das Unternehmen selbst. Analysiert werden Unternehmensleitbild, Strategie, Unternehmenskultur, Führungsverständnis, Kompetenzen der Mitarbeitenden sowie interne Steuerungs- und Verbesserungsprozesse.
Bei den Bädern zu arbeiten bedeutet mehr, als nur Geld zu verdienen.
Ergänzt wird die Zertifizierung durch qualitative Interviews mit regionalen Stakeholdern. Die Ergebnisse fließen in eine Reifematrix ein, die den Entwicklungsstand der Organisation sichtbar macht und konkrete Ansatzpunkte für die weitere Entwicklung liefert.
Für Eduard Frantz, stellvertretender Vorsitzender des Forums Gemeinwohl, entsteht dabei weit mehr als ein Zertifikat: "Dadurch, dass die relevanten Stakeholder und Entscheidungsträger in den Kommunen aktiv eingebunden werden, entsteht schon im Prozess ein umfassenderes Verständnis füreinander, ein näheres Aneinanderrücken und eine Atmosphäre, gemeinsam etwas für die kommunale Gesellschaft zu bewegen."
Unternehmenskultur als Schlüssel
Für Meynhardt entscheidet vor allem die Unternehmenskultur darüber, ob Gemeinwohlorientierung erfolgreich umgesetzt wird. Public Value müsse zunächst innerhalb der Organisation gelebt werden, bevor er nach außen sichtbar werden könne.
Deshalb begleiten speziell qualifizierte Go-Guides den gesamten Entwicklungsprozess. In Workshops und Schulungen reflektieren Mitarbeitende gemeinsam Werte, Zusammenarbeit und Führungsverständnis. Gleichzeitig werden interne Abläufe überprüft, Kommunikationswege verbessert und Prozesse weiterentwickelt.
Jedes Bad leistet jeden Tag Gemeinwohl. Jetzt haben wir es schwarz auf weiß.
"Das Thema entwickelt sich aus dem Betrieb heraus", sagt Meynhardt. Mitarbeitende seien die wichtigsten Botschafter der Werte einer Organisation.
In den Thüringer Bädern wurden nach Einführung des Gemeinwohlprofils zusätzliche Kommunikationsschulungen angeboten und interne Abläufe optimiert. Die Gemeinwohlkriterien begleiten heute viele Entscheidungen im Arbeitsalltag und sind zu einem festen Bestandteil der Organisationsentwicklung geworden.
Neue Argumente für Politik und Öffentlichkeit
Die stärkere Verankerung der Gemeinwohlorientierung verändert auch die Kommunikation nach außen. "Die Gemeinwohlkriterien sind auch Thema in jedem politischen Gespräch, wenn es um Investitionen und die Finanzierung geht“, sagt Fromm. "Jedes Bad leistet jeden Tag Gemeinwohl. Jetzt haben wir es schwarz auf weiß."
Nach Angaben von Sabine Richter vom Forum Gemeinwohl verlaufen Diskussionen über notwendige Preisanpassungen inzwischen deutlich sachlicher. Gleichzeitig beginne sich der Gemeinwohlgedanke auf Lieferanten und Partner auszuwirken, die ihren eigenen gesellschaftlichen Beitrag zunehmend reflektierten und kommunizierten. Richter spricht von einem "Dominoeffekt", der weit über die einzelnen Organisationen hinausreiche.
Mehr als eine Kostendiskussion
Die Gemeinwohlorientierung löst allerdings nicht die wirtschaftlichen Herausforderungen der kommunalen Bäder. Steigende Energie- und Personalkosten, Sanierungsstau und angespannte kommunale Haushalte setzen viele Einrichtungen weiterhin unter Druck. Dennoch hat sich nach Einschätzung von Martin Fromm die Perspektive verändert: "Mit den Gemeinwohlkriterien sind wir aus der reinen Kostendiskussion herausgekommen."
Denn öffentliche Bäder verursachen zwar Kosten, schaffen zugleich aber einen erheblichen gesellschaftlichen Mehrwert. Sie fördern Gesundheit, ermöglichen Schwimmausbildung, schaffen soziale Begegnungsräume und tragen wesentlich zur Lebensqualität vor Ort bei.
Für die Thüringer Bäder ist das Gemeinwohlprofil heute weit mehr als eine Auszeichnung. Die laufende Rezertifizierung bestätigt, dass die wissenschaftlich fundierte Gemeinwohlorientierung dauerhaft in den Organisationen verankert ist und im Arbeitsalltag gelebt wird. Gleichzeitig macht sie Entwicklungspotenziale sichtbar und gibt den Einrichtungen konkrete Impulse für ihre weitere Organisationsentwicklung.
