Seit wenigen Tagen ist das Deutschland-Ticket erhältlich. Vielerorts bildeten sich zum Verkaufsstart lange Schlangen in Kundenzentren der Verkehrsunternehmen. „Derzeit entwickeln sich ähnliche Mythen, wie sie auch schon das 9-Euro-Ticket begleitet haben“, heißt es bei Rogator, einem Unternehmen für Online-Befragungen. In der Studie „OpinionTRAIN“ geht Rogator diesen Mythen nach..
Ein häufiger Vorwurf in Richtung Deutschland-Ticket ist die Höhe des Preises im Vergleich zum 9-Euro-Ticket. Frühere Studienergebnisse ließen erkennen, dass mehr als zwei Drittel der ehemaligen 9-Euro-Ticket-Besitzerinnen und -Besitzer einen Preis von 49 EUR nicht akzeptieren würden. Zu erwarten war daher, dass die Nutzungsabsicht in einkommensschwachen Segmenten oder im Bereich von Sozialhilfe- oder Wohngeld-Berechtigten unterproportional ist.
Nachfrage ist auch bei ärmeren Menschen hoch
Doch die neue Studie widerspricht: Die Ergebnisse lassen keinen nennenswerten Zusammenhang zwischen der Höhe des Haushaltsnettoeinkommens und der Nutzungsabsicht erkennen. Berechtigte für ein Sozialticket zeigen sogar ein Kaufpotenzial von 35 Prozent, welches über dem Bundesdurchschnitt von 27 Prozent liegt.
Erwartungsgemäß dagegen ergeben sich hohe Kaufabsichten bei intensiver Nutzung des ÖPNV und der Bahn. Je größer der Wohnort und besser das ÖPNV-Angebot, desto höher ist die Kaufabsicht. Dieser Zusammenhang zeigte sich bereits beim 9-Euro-Ticket.
Das bedeutet im Umkehrschluss aber nicht, dass das Deutschland-Ticket nur von Großstädtern genutzt wird. 58 Prozent der potenziellen Nutzerinnen und Nutzer wohnen in Orten mit weniger als 100.000 Einwohnern.
Bahncard-Kunden fahren zweigleisig
Hohe Kaufabsichten finden sich auch bei Besitzerinnen und Besitzern einer Bahncard. Diese Gruppe der Bahn-Stammkunden umfasst ungefähr 5 Mio. Menschen. Erwartbar ist, dass sich mehr als die Hälfte dieser Kundengruppe ein Deutschland-Ticket zulegen. Für die wenigsten bedeutet das 49-Euro-Ticket aber ein Verzicht auf die Bahncard. Der typische Fall dürfte die parallele Nutzung sein.
Der Erfolg des Deutschland-Tickets wird aber auch davon abhängen, wie stark Menschen mobilisiert werden, für die Busse und Bahnen bisher keine relevante Verkehrsmittel-Alternative dargestellt haben. Beachtenswert: Selten- und Nicht-Nutzer des Nahverkehrs machen mehr ein Viertel der Potenzial-Nutzer aus. Diese beabsichtigen, Busse und Bahnen zukünftig häufiger zu nutzen. Hier ergeben sich relativ gesehen besonders starke Verlagerungseffekte und letztendlich auch mögliche Klimaeffekte.
Neukunden vom Nahverkehr überzeugen
Gerade in der Einführungsphase komme es darauf an, die neu hinzugewonnen Kunden von der Leistungsfähigkeit des Nahverkehrs zu überzeugen, meint Andreas Krämer, Co-Autor der Studie und CEO der exeo Strategic Consulting. Grundlage der Studie ist eine Online-Befragung von Personen (18-80 Jahre) in Deutschland. Diese wurde seit der ersten Untersuchung im Mai 2020 mehrmals wiederholt. In der aktuellen fünften Untersuchungswelle wurden 1990 Personen befragt. (wa)
