Von Jürgen Walk
Solingen, Esslingen und Eberswalde – es gibt nur noch drei Städte in Deutschland, in denen Oberleitungsbusse fahren. Und bei Esslingen war es in den vergangenen Monaten nicht sicher, ob das so bleibt. Die Stadt am Neckar hatte beim belgischen Hersteller Van Hool neue Fahrzeuge bestellt – doch der war in die Insolvenz gegangen. Die Stadt diskutierte Alternativen, hat sich jetzt aber entschieden, doch wieder neue Oberleitungsbusse auszuschreiben.
Esslingen hatte ursprünglich geplant, dass der gesamte städtische Busverkehr bis 2026 zu 100 Prozent elektrisch betrieben wird. Den Entschluss dazu hatte der Gemeinderat 2017 getroffen. Der Stadtverkehr Esslingen wäre damit nach eigenen Angaben das erste, rein elektrisch fahrende, kommunale Verkehrsunternehmen. Nötig dafür waren zum einen neue Oberleitungsbusse, zum anderen muss das Oberleitungsnetz um einige Kilometer ausgebaut werden. Für dieses Vorhaben hatte das Bundesverkehrsministerium bereits Fördergelder von 27,4 Millionen Euro zugesagt. Die Bestellung der Fahrzeuge ging an den belgischen Hersteller Van Hool.
Doch im Frühjahr meldete Van Hool Insolvenz an. Das Unternehmen wurde aufgeteilt, die Bussparte vom Konkurrenten VDL übernommen, der sich aber in seiner neuen Strategie praktisch nur noch auf Reisebusse konzentrieren will. Also musste sich Esslingen nach Alternativen umsehen.
Die Alternativen passten nicht richtig
Eine neue Ausschreibung für Oberleitungsbusse starten? Oder stattdessen auf Batteriebusse setzen und die Oberleitungen mittelfristig abbauen? Dazu muss aber auch ein neuer Betriebshof geplant und gebaut werden. Oder gar einige Dieselbusse kaufen? Das wurde bald verworfen.
Aber auch Wasserstoffbusse waren nicht das Mittel der Wahl – wegen der nicht vorhandenen Infrastruktur, der unklaren Verfügbarkeit und der unbekannten Preisentwicklung von Wasserstoff. Im Hintergrund stand natürlich immer auch die Frage: Was passiert mit den zugesagten Fördermitteln, wenn diese nicht rechtzeitig abgerufen werden?
Nun hat der Esslinger Gemeinderat mit deutlicher Mehrheit entschieden, am ursprünglichen Vorhaben festzuhalten. Demzufolge sollen in einem ersten Schritt 52 von 62 neuen Oberleitungsbussen angeschafft werden. Auch das Oberleitungsnetz wird ausgebaut. Schon direkt im Januar soll die europaweite Ausschreibung der Fahrzeuge auf den Weg gebracht werden, berichtet Johannes Müller, Technischer Werkleiter des Städtischen Verkehrsbetriebs Esslingen (SVE).
Mit dem Ausbau der Oberleitungen hat die Stadt bereits begonnen, in drei weiteren Arealen stehen diese Arbeiten noch aus. Sind alle Baumaßnahmen dann erledigt, "können unsere Oberleitungsbusse das gesamte Stadtgebiet elektrisch bedienen“, erklärt der Werkleiter. Erhalten bleibt dank dieser Entscheidung des Gemeinderats auch die Bundesförderung. Der Bund hat die Bewilligung angesichts der Insolvenz des Busherstellers bereits bis Ende 2026 verlängert.
"Mit dieser Technik können wir unseren städtischen Nahverkehr bereits ab dem Jahr 2026 emissionsfrei betreiben", erklärt Ingo Rust, als Erster Bürgermeister auch für den SVE zuständig. "Damit sind wir im gesamten Bundesgebiet ein absoluter Vorreiter in Sachen umweltfreundlicher Mobilität und tragen einen bedeutenden Teil dazu bei, als Stadt bis zum Jahr 2040 Klimaneutralität zu erreichen."



