Per Stahlseil werden die alten Duewag/Siemens-Fahrzeuge in Bonn vorsichtig auf den Anhänger des Schwertransporters gezogen und für den Abtransport ins Nachbarland vorbereitet.

Per Stahlseil werden die alten Duewag/Siemens-Fahrzeuge in Bonn vorsichtig auf den Anhänger des Schwertransporters gezogen und für den Abtransport ins Nachbarland vorbereitet.

Bild: Stadtwerke Bonn/Maximilian Mühlens

Von Andreas Lorenz-Meyer

Momentan spielt sich nachts auf dem Betriebshof der Stadtwerke Bonn Verkehrs-GmbH im Stadtteil Beuel wiederholt folgende Szene ab: Das Haupttor öffnet sich und mit gelben Blinklichtern kommt ein Sicherungsfahrzeug herausgefahren. Hinten drauf steht "Schwertransport" geschrieben. Und genau dieser folgt wenige Augenblicke später im Schritttempo. Ein Sattelschlepper, der ein 28,50 Meter langes, 2,40 Meter breites und 31,4 Tonnen schweres Stück Bonner Straßenbahngeschichte geladen hat: die Duewag/Siemens-Niederflurbahn vom Typ R 1.1.

Im Dezember hatten die Stadtwerke alle ihre 24 Exemplare inklusive Ersatzteile für 2,2 Millionen Euro an MPK Poznan, den Nahverkehrsbetreiber in der polnischen Stadt Posen, verkauft. Und nun werden sie abgeholt. Eine nach der anderen, immer zur Nachtzeit, denn Schwertransporte dürfen erst ab 22 Uhr fahren. Der erste Abtransport fand Ende Januar statt, der zweite Anfang Februar. Da hat alles wunderbar geklappt, so Oliver Walbröl, Fachbereichsleiter Werkstatt Niederflur.

Er wird in den nächsten Monaten noch einige Transporte technisch und organisatorisch vorbereiten. Die Bahn muss in betriebsbereitem Zustand übergeben werden. "Wir führen deswegen mehrere Abnahmefahrten durch. Bremsmessfahrten bei unterschiedlichen Geschwindigkeiten zum Beispiel." Auch Fahrgastnotbremse, Notsprechstellen und Zugbeeinflussungsanlagen werden getestet und protokolliert. Zur Vorbereitung gehört es auch, die Teile des Inventars auszubauen, die nicht mitkommen sollen: Fahrscheinautomaten, Entwerter und die Funkanlage. "Auch das Schließsystem entfernen wir, da MPK Poznan keine Berechtigung hat, es weiterzuverwenden." Zwar ist es ein Abschied in Raten, doch Wehmut verspürt Walbröl schon, wenn er die altgedienten Fahrzeuge vom Gelände wegfahren sieht. "Sie waren 31 Jahre lang fester Bestandteil des Arbeitsalltags und haben auch das Bonner Stadtbild geprägt."

 

Stufenloser Einstieg:  1994 war das "eine gewaltige Verbesserung"

Die erste R 1.1 traf im Januar 1994 in Bonn ein und ging im April des Jahres auf Jungfernfahrt. Die Herstellerbezeichnung der Koproduktion von Duewag und Siemens lautet NGT6D. Der Schienenfahrzeughersteller Duewagwar für den mechanischen Teil zuständig, Siemens für den elektrischen. Es ist eine dreiteilige Zweirichtungsbahn mit Fahrerkabine vorne und hinten, sechs Achsen und drei Türen pro Fahrzeugseite. "1994 stellte diese Bahn eine gewaltige Verbesserung dar, denn Fahrgäste konnten erstmals ohne Stufen einsteigen", so Walbröl. Eine große Erleichterung besonders für Mobilitätseingeschränkte und Personen mit Kinderwagen. Möglich wurde der stufenlose Einstieg überhaupt erst durch die Niederflurtriebgestelle, da diese Drehstrommotoren hatten, die kleiner waren als die Gleichstrommotoren der "Badewannen" genannten Bahnen, die bis 1994 fuhren.

Unterschiedlich viele R 1.1. waren gleichzeitig im Einsatz: wochentags außerhalb der Ferienzeiten zum Beispiel 21 der insgesamt 24 Niederflurbahnen, an Wochenenden und Feiertagen weniger. Zusammen hat die R-1.1-Flotte eine beeindruckende Strecke zurückgelegt: Im Februar wurde die 40-Millionen-Kilometer-Marke geknackt. Nach der langen Dienstzeit war der Aufwand für die Instandhaltung der betagten Fahrzeuge zuletzt aber doch sehr hoch, zudem entsprachen sie nicht mehr dem neusten Stand der Technik. In ganz Europa hatten die Stadtwerke Bonn deswegen Kaufinteressenten gesucht, schließlich bekam MPK Poznan den Zuschlag. Die Verhandlungen waren intensiv, berichtet Kai Schwerdtfeger, Bereichsleiter Einkauf und Logistik. "Wir sind uns aber immer auf Augenhöhe begegnet. Die Gesprächsatmosphäre war freundlich."

In Polen heißen die Second-Hand Bahnen "Helmuts" – nach Helmut Kohl

Deutsche Straßenbahnen aus zweiter Hand zu kaufen, ist für MPK Poznan nicht Neues, schon zwischen 1996 und 2011 hatte die Firma Dutzende Duewag-Gelenktriebwagen der Rheinbahn Düsseldorf (Baujahre 1957-1959) erworben. Später kamen gebrauchte Ein- und Zweirichtungsfahrzeuge aus Frankfurt am Main dazu. Auch in den Straßen von Łódź fuhren gebrauchte Duewag-Fahrzeuge. In Polen werden die Second-Hand-Straßenbahnen aus dem Nachbarland "Helmuts" genannt, nach Ex-Kanzler Kohl.

Die Nachfolger kommen aus Tschechien

Parallel zum Abtransport der alten Bahnen treffen die Nachfolger, aus Pilsen in Tschechien kommend, in Bonn ein. Insgesamt 28 Fahrzeuge – Projektbezeichnung ForCitySmart 41T – haben die Stadtwerke bei Škoda Transportation bestellt, für über 100 Millionen Euro inklusive Ersatzteile. Bei der europaweiten Ausschreibung hatte sich das tschechische Unternehmen durchgesetzt. Škodas Angebot sei das wirtschaftlichste gewesen, nicht allein bezogen auf den Preis, sondern auf das Gesamtpaket aus Qualität und Preis, sagt Schwerdtfeger. Er muss die Pläne für die Abholung der alten und die Pläne für die Lieferung der neuen Bahnen immer genau im Blick haben und aufeinander abstimmen. "Die Versorgungssicherheit darf zu keinem Zeitpunkt gefährdet sein."

Am 7. Dezember 2024 ist das erste der neuen Fahrzeuge, Triebwagen 2253, auf Strecke gegangen – im Beisein von Bonns Oberbürgermeisterin und dem tschechischen Botschafter. Mittlerweile sind vier Škoda-Fahrzeuge auf den Linien 61 Dottendorf-Auerberg und 62 Dottendorf-Oberkassel Süd/Römlinghoven im Einsatz. Sechs weitere Bahnen befinden sich noch im Inbetriebnahmeprozess auf den Betriebshöfen in Beuel und Dransdorf. 

Was zeichnet die Fahrzeuge aus, die gerade Stück für Stück die R 1.1. ersetzen? Es sind dreiteilige Niederflurbahnen für den Zweirichtungsbetrieb mit acht Achsen, die alle angetrieben sind, erklärt Florian Roitzheim, Projektleiter Škoda-Bahnen. Die 30,60 Meter langen Sonderanfertigungen können maximal 80 Kilometer pro Stunde schnell fahren. Im Mittelwagen sind zwei Multifunktions-Bereiche untergebracht, für Rollstuhlfahrer, Fahrräder, Kinderwagen oder zum Stehen. Jede Bahn hat 60 mit rotem Stoff bezogene Sitzplätze plus vier Klappsitze. Gesamtkapazität: 180 Fahrgäste.

Niederflur-Anteil der neuen Bahnen liegt bei 100 Prozent

Die haben es nun durchaus komfortabler als bisher. Zum Beispiel müssen sie im Sommer nicht mehr so schwitzen, denn es gibt jetzt eine Klimaanlage. Und der Innenraum vibriert weniger, da die Federung in den Triebdrehgestellen besser ist. Die neuen Fahrzeuge bewegen sich zudem viel leiser auf der Schiene als die Vorgänger, so Roitzheim weiter. Quietsch- und Kreischgeräusche sind dank eingebauter Spurkranzschmier- und Schienenkopfbehandlungsanlagen nicht mehr so stark zu hören.

Weitere Neuerung: Der Niederfluranteil bei den Škoda-Bahnen beträgt 100 Prozent. Das heißt, es gibt innen keine einzige Längsstufe an den Sitzen mehr. Die alten Bahnen hatten nur 70 Prozent Niederfluranteil. Hier befand sich an den Fahrzeugenden jeweils noch eine Stufe, die zu überwinden war, um Platz zu nehmen. 

Arbeitsplatz für Fahrer ist ergonomischer

Was sonst noch anders ist? Pro Seite gibt es vier Türen und nicht mehr nur drei. "Dadurch wird das Ein- und Aussteigen vereinfacht und beschleunigt – wir gewinnen Zeit." Die Türen sind zudem vollelektrisch und öffnen sich über Bewegungserkennung. Wann sie ein- oder aussteigen können, erkennen Fahrgäste leicht: Bei freigegebener Tür blinkt ein Leuchstreifen grün – und rot, wenn sie geschlossen wird oder defekt ist. Auch die Fahrer haben es deutlich bequemer. Ihr neuer Arbeitsplatz ist ergonomischer, da wichtige Steuerungselemente in natürlicher Körperhaltung bedient werden können. Die Rückspiegelmonitore sind ohne großes Verdrehen des Kopfes einsehbar. Zudem gibt es ein höhenverstellbares und beheizbares Fußpodest.

Momentan ist Übergangszeit: Alt und Neu teilen sich noch das Streckennetz. Im Laufe dieses Jahres soll der Austausch aber komplett über die Bühne gegangen sein. Bald ist die alte R 1.1 also ganz von den Straßen Bonns verschwunden. Roitzheim fühlt sich und sein Unternehmen mit den neuen Škoda-Bahnen gut gewappnet für die nächsten 30 Jahre – auf diesen Zeitraum sind sie ausgelegt. Ein Betrieb über das Jahr 2055 hinaus ist nicht geplant.

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