"Die Bundesregierung ist gut beraten neben dem notwendigen Ausbau der erneuerbaren Energien und der absolut notwendigen Berücksichtigung von Speichertechnologien auch den Ausbau gesicherter Leistung forciert in den Blick zu nehmen". Dies unterstrich Kerstin Andreae, Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung am Dienstag bei der virtuellen Jahresabschlusskonferenz des Verbands.
Nötig sei zur Stützung der Versorgungssicherheit sowie auch zum Klimaschutz ein stärkerer Zubau flexibler Gaskraftwerke, die H2-ready sind, betonte die BDEW-Chefin. Denn zum einen gehe es darum, bis 2030 den Wegfall von 40 Gigawatt gesicherter Leistung (entsprechend dem Monitoringbericht der alten Bundesregierung aus dem Jahr 2019) aufgrund der Abschaltung von Kohle- und Atomkraftwerken zu kompensieren.
Wegfallender Atomstrom
Zudem anderen könne so verhindert werden, dass wie schon in diesem Jahr der Anteil des klimaschädlicheren Kohlestroms weiter zunehme. Lieferten doch Braun- und Steinkohlekraftwerke in diesem Jahr 20,8 Prozent mehr Strom als im Vorjahr, Gaskraftwerke hingegen voraussichtlich 5,9 Prozent weniger.
Für das Jahr 2022 stellt sich diese Problematik besonders, weil ja in Kürze die letzten Atomkraftwerke vom Netz gehen, mit einem Atomstromanteil in 2021 von 11,9 Prozent (plus 7,2 Prozent gegenüber 2020).
Bis zu 32 GW neue Gaskraftwerke bis 2030 nötig
Die BDEW-Chefin verwies auf den gestiegenen Zubaubedarf flexibler H2-ready Gaskraftwerke: Wurde dieser vom letzten vorliegenden Monitoringbericht zur Versorgungssicherheit bis 2030 auf 15 GW veranschlagt, so geht der BDEW auch aufgrund der angehobenen Stromverbrauchsprognosen nun von einem Zubaubedarf von 30 bis 32 GW bis 2030 aus.
Zwar gäbe es noch "Spiel bei der Effizienz", sprich einem etwas geringeren Ausbaubedarf durch verstärktes Demand-Side-Management sowie weiteren Maßnahmen zur Flexibilisierung. Doch klar sei, dass mehr flexible Gaskraftwerke gebaut und der dafür notwendige Investitionsrahmen geschaffen werden müsse, so die BDEW-Chefin.
Keine "ganz normale Situation" bei der Gasversorgung
Doch trotzdem gab sich Andreae optimistisch, dass die Energiebranche die Klimaschutzzieleauch künftig einhalten kann. In diesen Jahr liegen die CO2-Emissionen der Energiewirtschaft nach BDEW-Schätzungen bei 247 Millionen Tonnen CO2 eq. und damit unter dem im Klimaschutzgesetz verankerten Sektorziel für 2022 in Höhe von 257 Millionen Tonnen.
"Wir können nicht davon sprechen, dass dies eine ganz normale Situation ist", kommentierte Andreae die aktuelle und für die nächsten Monate prognostizierte prekären Situation bei der Gasversorgung. Die Preisausschläge auf den Märkten seien deutlich. "Klar ist, auch in diesem Winter gilt, jeder Gaskunde wird eine warme Wohnung haben", betonte jedoch die BDEW-Chefin.
Strategische EU-Gasreserve höchstens auf dem Prinzip der Freiwilligkeit
Die Gaswirtschaft verfüge über ein breites Instrumentarium zur Gewährleistung einer stabilen Versorgung. Dabei seien Gasspeicher ein Instrument. Allerdings seien die Füllstände der Gasspeicher derzeit niedrig – vergleichbar mit dem Niveau aus dem Jahr 2013, räumte Andreae ein. Daneben gebe es unterschiedliche Lieferländer und einen Mix von langfristigen und kurzfristigen Lieferverträgen auf den Handelsplätzen.
Die Diskussion um die strategische Gasreserve, die ja derzeit sehr stark geführt werde, nehme immer Bezug auf die strategische Ölreserve in den Jahren 1972/73, so Andreae. Der Unterschied zu damals sei jedoch, dass es heute einen liberalisierten EU-Binnenmarkt gebe. Deshalb sei es sehr wichtig, dass die EU-Kommission hier, „wenn überhaupt, dann auf Basis von Freiwilligkeit“ seitens der Gasnetzbetreiber, im Blick habe, dass der Beschaffungsmechanismus im Bereich Gasreserve sehr stark von der konkreten Ausgestaltung abhänge.
Vorteile eines liberalisierten EU-Binnenmarktes nicht einreißen
Andreae hält es jedenfalls für schädlich, die "vielen Vorteile" welche der liberalisierte EU-Binnenmarkt auch im Energiebereich bringe, jetzt kurzfristig einzureißen. "Trotzdem ist die Situation keine einfache und wir schauen hier sehr genau hin, im engen Austausch mit dem Bundeswirtschaftsministerium", unterstrich sie.
Im Hinblick auf die Kunden und auf die Situation für Unternehmen wie Gas.de, welche ihrem Versorgungsauftrag beim Gas nicht mehr nachkommen können, lobte Andreae das System Grund- und Ersatzversorgung, welches Kunden auffange. "Wir sehen jedoch, dass Versorger unter Druck geraten, weil sie dann teuer nachkaufen müssen und deswegen bei ihrer Preisgestaltung in ein Problem geraten", räumte Andreae ein.
Beschluss zur EU-Taxonomie nochmals verschoben
Bei der anstehenden Entscheidung zur EU-Taxonomie für Gas und Kernkraft baut Andreae auf den Kompromiss eines Budgetansatzes. Allerdings sei die für den 22. Dezember erwartete Entscheidung der EU-Kommission hierzu nochmals verschoben worden. (hcn)



