Das Gebäudeenergiegesetz (GEG) scheint das politische Sorgenkind der Stunde. Insbesondere seit der Springer-Verlag ein verzerrtes Bild des ersten Referentenentwurfes veröffentlicht hat. Die vergangenen Wochen wurden von populistischer Panikmache dominiert und es zeigt sich, dass einschlägige Studien keine Betrachtung in der öffentlichen Debatte finden. Dabei steckt hinter dem GEG ein größeres Unterfangen und ein ebenso bedeutsamer Schlüssel zur Klimaneutralität: Die Wärmewende. Gesellschaft, Wirtschaft und Politik streben die Klimaneutralität im Jahr 2045 in allen Sektoren an.
Der Kostenpunkt der Klimaziele im Wärmesektor ist nicht neu, durch Technologie und Innovationen wird dieser aber erschwinglich und folglich auch in der notwendigen Geschwindigkeit umsetzbar. Er ist für uns Messwert und Scheideweg zum Erfolg. Die Wärmewende fordert die privaten Haushalte gleichermaßen wie die Industrie heraus. Statt zu überfordern, müssen wir fördern und unterstützen.
Recht zügig erste Preiseffekte durch CO2-Preis
Zusätzlich können sich schon in Kürze erste Preiseffekte durch den CO2-Preis abzeichnen: Sobald im Jahr 2024 der CO2-Preis auf 55 Euro/t steigt, wird eine Wärmepumpe mit einer PV-Anlage bereits in Altbauten in der Regel günstiger sein. Ab einem Preis von 85 Euro/t bietet eine Wärmepumpe auch ohne eine PV-Anlage einen Preisvorteil gegenüber anderen Technologien bei der Altbausanierung.
Am Anfang braucht es Förderprogramme und Zuschüsse
Die Universität Stuttgart hat hierbei unterschiedliche Szenarien betrachtet: Diesen Punkt könnten wir bereits Anfang der 2030er Jahre erreichen. Für die Anfangszeit, bis eine Kostendegression bei Wärmepumpen eingesetzt hat, braucht es staatliche Förderprogramme und Zuschüsse, die aber noch nicht ausreichend zur Verfügung stehen.
Die jährlichen Betriebskosten einer Wärmepumpe für ein 150m² teilsaniertes Haus liegen hingegen bei der Luftwärmepumpe ca. 600 Euro unterhalb der Betriebskosten eines Gaskessels mit 100 Prozent Biomethan und ca. 1.000 bis 4.800 Euro unterhalb einer mit Wasserstoff betriebenen Gastherme. Die Bandbreite ergibt sich aus den möglichen Höhen eines Industriestrompreises zur Erzeugung von Wasserstoff. Hinzu kommt der 5-8fach bessere Effizienzgrad einer Wärmepumpe im Vergleich zu anderen Technologien.
Berechnungen von Accenture
Neben den Wärmepumpen braucht es auch eine Vielzahl von unterschiedlichen Lösungen: Im Gebäudesektor gibt es keine one-size-fits-all-Lösung. Deswegen hat die SPD-Bundestagsfraktion Quartierslösungen und Experimentierklauseln frühzeitig in die Gesetzgebung eingebaut.
Im gleichen Tenor wird die Technologieoffenheit in die Gesetzgebung eingebaut. Neben der Wärmepumpe müssen Bioenergie basierte Lösungen wie bspw. Bio-KWK und Wärmenetze offenhalten. Das ist sowohl sozial und finanziell erforderlich als auch eine technisch-marktliche Notwendigkeit. Diverse einschlägige Studien gehen davon aus, dass im Zieljahr 2045 überwiegend Wärmepumpen (ca. 50 Prozent) und Wärmenetze (ca. 20 bis 30 Prozent) für die Wärmeversorgung genutzt werden, wie Accenture auf Basis von mehreren unterschiedlichen Studien ausgewertet hat.
Grüne Gase spielen untergeordnete Rolle
Grüne Gase werden dabei untergeordnet auch eine Rolle spielen, ihr Einsatz muss allerdings gezielt in die lokalen Gegebenheiten passen. Von einem flächendeckenden Einsatz unter Berücksichtigung einer volkswirtschaftlichen Gesamtbetrachtung kann heute allerdings nicht ausgegangen werden.
Wenn wir die Wärmewende nicht nur im politischen Berlin, sondern im realen Leben schaffen wollen, müssen lokale Signale genauer betrachtet werden: Mit dem Wärmedekarbonisierungsgesetz wird der Gesetzgeber im Herbst den rechtlichen Rahmen schaffen und eine Synchronisation zwischen dem GEG und der kommunalen Wärmeplanung schaffen, wie es der Niedersächsische Energieversorger EWE seit Beginn der Debatte fordert.
Individuelle Gegebenheiten zwingend mitbetrachten
Während Niedersachsen bei der Fernwärmeversorgung in Wohngebäuden 44 Prozent unterhalb des Bundesdurchschnitts liegt, liegt Brandenburg 63 Prozent oberhalb. Auch innerhalb Bayerns zeigt sich kein vielfältiges Bild ab: Während im Landkreis Schweinfurt knapp 70 Prozent der privaten Wohngebäude für eine Wärmepumpe geeignet sind, sind es in Kaufbeuren nicht einmal 50 Prozent. Individuelle Gegebenheiten und Voraussetzungen müssen zwingend bei der Wärmewende mitbetrachtet werden.
Das heißt konkret: Das GEG als Ermöglichungsgesetz ist ein essenzieller Startpunkt der Wärmewende, zeigt aber in der gesamten Debatte, wie wichtig bei einer Gesetzesentwicklung die Konsultation von Experten und Praktikern ist. Klimaneutral und bezahlbar. Technologieoffen und zielgerichtet. Praxisorientiert und kommunal. So kann das scheinbar einstige politische Sorgenkind zum Strebergesetz der Bundesregierung werden. (hil)
Die Gastautoren:
Markus Hümpfer, Abgeordneter aus dem Deutschen Bundestag (SPD) und Mitglied im Ausschuss für Klimaschutz und Energie
Justin Müller, Mitglied der Konzernleitung und Leiter Politische Angelegenheiten bei der EWE AG, Oldenburg
