Patrick Graichen wechselt ins Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz.

Patrick Graichen wechselt ins Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz.

Bild: © Agora Energiewende/Detlef Eden

Man sei derzeit dabei im Rahmen der anstehenden Novelle des Energiesicherungsgesetzes (EnSiG) Hemmnisse für eine verstärkte Verbrennung und Vergasung von Biomasse in bestehenden Biogasanlagen abzubauen, sagte Graichen in einem online Live-Interview der Berliner Energietage.

"Da ist tatsächlich ein Potential. Die Frage ist, wie groß ist es tatsächlich. Wie kann es kurzfristig mobilisiert werden", so Graichen. Man werde jedenfalls alle Hürden, die es bisher gebe, wie Größenbegrenzungen oder die Frage, wieviel Biomasse vor Ort gelagert werden kann, mit der EnSiG-Novelle abschaffen.

Ergebnisse des AKW-Stresstests bis spätestens Anfang September

Graichen unterstrich erneut, dass er das Potential für eine Gassubstitution durch einen diskutierten dreimonatigen Streckbetrieb der drei am Netz verbliebenen deutschen Atomkraftwerke als minimal einschätzt. Für ernstzunehmender hält er einen möglichen temporären AKW-Streckbetrieb für eine eventuell erforderliche Stabilisierung der Netze aufgrund der AKW-Ausfälle in Frankreich, Logistikproblemen bei der Versorgung der Kohlekraftwerke sowie einer drohenden Gasmangellage.

Dies werde intensiv im Rahmen des laufenden Stresstests geprüft, dessen Ergebnisse bis Ende dieses Monats bzw. Anfang September vorliegen sollen, so Graichen.

Weitere Einsparmaßnahmen für Gas

In punkto Gaseinsparung unterstrich Graichen, dass man hier die Anstrengungen noch deutlich verstärken müsse. Bisher sei es schon gelungen, 8 bis 10 Prozent einzusparen, nötig seien 20 Prozent, wobei ja die Heizsaison erst anstehe. Graichen verteidigte den aktuell verstärkten Stromexport nach Frankreich, um dort eine Unterdeckung zu verhindern. Dies sei essenzieller Bestandteil des europäischen Strommarkts.

Zum Aspekt weiterer möglicher Zwangs-Einsparmaßnahmen für Gas sagte Graichen: "Bevor wir in die Abschaltlogik kommen und der Bundeslastverteiler entscheiden muss, welche Industrien, tatsächlich kein Gas mehr oder weniger Gas bekommen, werden wir definitiv nochmals weitere Maßnahmen ergreifen". Auch innerhalb des Bereichs der geschützten Kunden (u.a. Privathaushalte, Schulen, Krankenhäuser oder Energieversorgungsunternehmen) stelle sich die Frage, ob ein Anspruch auf allen Gasverbrauch, den man haben möchte, bestehe oder ob der "Luxusbereich zurückstehen" müsse.

Graichen: Hochpreisphase die nächsten 18 bis 24 Monate

Die derzeit sehr hohen Energiekosten, insbesondere bei Gas und Strom, sieht Graichen als ein "riesiges" Problem und kündigte an, dass die Bundesregierung "sehr rasch" Entscheidungen über ein weiteres Entlastungspaket beschließen werde. Nun gehe es darum, Lösungen zu finden, die "uns die nächsten 18 bis 24 Monate durch diese Hochpreisphase durchtragen". Graichen geht davon aus, dass sich danach die Lage wieder normalisiert, wenn die Einsparungen wirken und die angekündigten LNG-Mengen auf dem globalen Markt sind.

Die derzeit sehr stark gestiegenen Preise auf dem Gasmarkt sieht der Staatssekretär als "ein Vorwegnehmen des Nicht-Weiterbetriebs von Nordstream 1" nach der derzeitigen, angeblich nötigen Wartung.  Gleichzeitig zeigte sich Graichen hoffnungsvoll, dass die derzeitige Gaskrise als Booster für den Klimaschutz wirken kann.

BDEW ebenfalls für verstärkte Biomethan-Einspeisung

Mittlerweile reagierte der BDEW auf die Ankündigung von Graichen, regulatorische Hürden für Biomethan abzubauen. "Wir begrüßen die Ankündigung von Staatssekretär Patrick Graichen, alle bestehenden Hemmnisse zur Biogas-Nutzung abzubauen. Die Erhöhung von Erzeugung und Nutzung von Biomethan trägt nicht nur dazu bei, schnell unabhängig von Gasimporten aus Russland zu werden, sondern ist auch ein wesentlicher Baustein zur zügigen Treibhausgas-Minderung“, erklärte BDEW-Chefin Kerstin Andreae. Es sei daher wichtig, dass schnell einen Regulierungsrahmen zu bekommen, der ermögliche die bislang ungenutzten Potenziale in der Erzeugung von Biomethan zu heben.

Bis zum Jahr 2030 können in Deutschland nach BDEW-Einschätzung  pro Jahr 100 Terawattstunden Biomethan erzeugt und ins Gasnetz eingespeist werden. Dies entspreche etwa einem Fünftel der Erdgasmenge, die Deutschland im vergangenen Jahr an russischem Erdgas verbraucht hat. Andreae verwies auf das 10-Punkte-Programm des BDEW zur verstärkten Biomethan-Einspeisung. Für die darin vorgeschlagenen Maßnahmen würden nahezu keine weiteren Flächen für den Anbau von Lebensmittel und Futterpflanzen benötigt. (hcn)

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