Nach der Kraftwerksstrategie ist vor dem Kapazitätsmarkt. Offiziell hat sich die Bundesregierung noch nicht festgelegt, für welche Art von Kapazitätsmarkt sie sich im kommenden Jahr entscheiden will. Die Zeichen deuten aber auf einen zentralen Kapazitätsmarkt. Für dieses Grundmodell haben sich auch andere europäische Staaten entschieden. Erst im Mai genehmigte die EU-Kommission Spaniens Kapazitätsmarkt, der dem belgischen Vorbild folgt.
Felix Matthes, Koordinator des Bereichs Energie und Klimaschutz am Öko-Institut, ist ein Veteran der deutschen Kapazitätsmarkt-Debatte. Im ZFK-Interview gab er Einblick, welche Trends er wahrnimmt – und was Deutschland aus seiner Sicht eigentlich braucht.
Herr Matthes, offiziell will sich das Bundeswirtschaftsministerium noch nicht auf ein Kapazitätsmarkt-Modell festgelegt haben. Dabei deutet alles auf einen zentralen Kapazitätsmarkt hin, oder?
Nach meinen Beobachtungen ist die Entscheidung zugunsten eines zentralen Kapazitätsmarkts getroffen. Ich fürchte nur, dass wir das noch bereuen werden.
Warum?
Befürworter eines zentralen Kapazitätsmarkts denken, dass wir den belgischen Kapazitätsmarkt einfach kopieren können. Das ist zu einfach gedacht.
Dann erzählen Sie mal, was Deutschland braucht.
Es ist klar, dass wir rund 60 Gigawatt Gaskraftwerke benötigen, der dafür nötige Zubau wird sich gut über zentrale Ausschreibungen akquirieren lassen. Darüber hinaus brauchen wir aber auch eine große Anzahl kleiner Kraftwerke, Speicher und Nachfrageflexibilität. Der große Nachteil zentraler Kapazitätsmärkte ist, dass wir komplizierte Methoden erfinden müssen, um all diese Optionen für den Wettbewerb untereinander vergleichbar zu machen. Das wird eine Herkulesaufgabe.
Was wäre Ihr Vorschlag?
Ich halte nach wie vor den kombinierten Kapazitätsmarkt, also eine Mischung aus zentralem und dezentralem Segment, für den besseren Ansatz. Bei einem kombinierten Kapazitätsmarkt hätten wir alle komplizierten Optionen, die ohne lange Refinanzierungszeiträume auskommen, in den dezentralen Teil verlagern können – wie sich Versorger dort absichern, würde dann in ihrer Verantwortung liegen.
Allerdings ist auch im dezentralen Markt ein Stück weit staatliche Steuerung und ein neues Handelssystem für Kapazitätsnachweise vonnöten.
Das stimmt. Aber wir können Handelssysteme doch ganz gut, wenn wir beispielsweise an den Strommarkt oder den europäischen Emissionshandel denken.
Auch KWK-Anlagen sollen im Kapazitätsmarkt mitbieten. Braucht es dann noch die KWK-Förderung?
Ein langfristiges Nebeneinander von Kapazitätsmarkt und KWK-Förderung halte ich nicht für sinnvoll. Wenn es nach mir ginge, würden wir das KWK-Gesetz schrittweise in ein Dekarbonisierte-Wärme-Fördergesetz umwandeln. Die Kapazitätsfunktion sollten wir dagegen in den Kapazitätsmarkt überführen. Längerfristig muss ein umfassender Kapazitätsmarkt mit der Flurbereinigung der vielen anderen Kapazitätsinstrumente einhergehen. Darunter fällt neben der Biomasseförderung im Erneuerbare-Energien-Gesetz auch das KWK-Gesetz. Wir müssen diesen Wildwuchs beseitigen.



