Thorsten Kornblum, Präsident des VKU und Oberbürgermeister von Braunschweig

Thorsten Kornblum, Präsident des VKU und Oberbürgermeister von Braunschweig

Bild: © Daniela Nielsen/Stadt Braunschweig

VKU-Präsident Thorsten Kornblum sieht Stadtwerke vor enormen Investitionen in die Energie- und Wärmewende, die sie angesichts klammer Kommunalkassen nicht allein stemmen können. Er fordert mehr Förderung und eine attraktive Eigenkapitalverzinsung durch die Bundesnetzagentur. Die gemischte Eigentümerstruktur mit Veolia und Thüga bewertet der Oberbürgermeister von Braunschweig und Aufsichtsratschef von BS Energy positiv, Digitalisierung und KI sieht er als Chance – auch für kleinere Stadtwerke.

Die Finanzlage bei den Kommunen ist äußerst angespannt. Wie können angesichts dieses Szenarios Kommunen und Stadtwerke die Herausforderungen der Energie- und Wärmewende umsetzen?

Es kommen riesige Investitionen auf uns zu, bei denen noch nicht klar ist, wie die insgesamt gestemmt werden sollen. Früher waren die Stadtwerke für die allermeisten Kommunen eine sichere Einnahmequelle, die Ausschüttungen waren hoch. Nun müssen viele Kommunen viel stärker in die Thesaurierung gehen, damit das Eigenkapital der Stadtwerke gestärkt wird und diese mehr Fremdkapital aufnehmen können. Andere Kommunen leiten sogar trotz angespannter Finanzlage noch zusätzliche Investitionsmittel an die Stadtwerke weiter. Doch wir benötigen noch mehr Unterstützung.

Wir als Stadtwerke kommen da nicht allein durch. Wenn ich mir allein den Fernwärmeausbau anschaue: Dort explodieren die Baukosten, gerade im Tiefbau.

Der Deutschlandfonds ist ein erster sehr guter Schritt, in einem weiteren Schritt muss der Fonds für Energiewendeprojekte noch besser nutzbar werden. Daneben ist die Bundesförderung für effiziente Wärmenetze (BEW) ein wichtiger Hebel. Zusammengefasst ist es so: Wir als Stadtwerke kommen da nicht allein durch. Wenn ich mir allein den Fernwärmeausbau anschaue: Dort explodieren die Baukosten, gerade im Tiefbau. Das erleben wir überall.

Wo sehen Sie mit Blick auf Effizienz und Finanzkraft die Rolle der Bundesnetzagentur?

Angesichts der prekären Finanzlage ist es umso notwendiger, dass die Bundesnetzagentur mit einer attraktiven Eigenkapitalverzinsung den Netzausbau unterstützt und nicht zusätzlich belastet. Sonst bekommen wir den Ausbau der Verteilnetze nicht in der geforderten Geschwindigkeit hin. Gerade die Verteilnetze tragen die Hauptlast der Transformation durch die Integration von Wärmepumpen, Elektromobilität, Photovoltaik und notwendiger Digitalisierung.

Auch bei der Abschreibung für die Erdgasnetze ist ein Höchstmaß an Flexibilität erforderlich. Bei allem Respekt vor der europarechtlich geschützten Unabhängigkeit der Bundesnetzagentur: Die Energiepolitik der Bundesregierung und die Vorgaben des Regulierers müssen aus einem Guss sein und dürfen sich nicht konterkarieren.

Die Kommune als Gesellschafter hat im Fall gemeinsamer Projekte immer das Problem, dass auch ein Teil der Rendite weg ist.

Müssen sich Stadtwerke angesichts der Finanzlage nicht viel stärker privaten Kapitalgebern öffnen, sei es auf einzelne Projekte bezogen oder auch insgesamt als Investor an dem ganzen Stadtwerk?

Da kann ich keine allgemeingültige Empfehlung geben. Das muss immer individuell vor Ort entschieden werden. Die Kommune als Gesellschafter hat im Fall gemeinsamer Projekte immer das Problem, dass auch ein Teil der Rendite weg ist. Und in dieser historisch angespannten Finanzlage ist jeder Euro, der weg ist, ein Euro, der fehlt.

Durch den steuerlichen Querverbund werden wesentliche Säulen der Daseinsvorsorge wie der ÖPNV oder die Schwimmbäder über die Stadtwerke am Leben gehalten. Von daher muss man sich das vor Ort genau anschauen und durchrechnen.

Kurzvita

Thorsten Kornblum, geboren 1982 in Lingen (Ems), ist seit 1. November 2021 Oberbürgermeister von Braunschweig. Der promovierte Jurist war zuvor Dezernent der Stadt und arbeitete von 2013 bis 2020 im Niedersächsischen Innenministerium, unter anderem als persönlicher Referent von Boris Pistorius. Seit 1. April ist er Präsident des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU). Das Amt übernahm er von Ulf Kämpfer.

Als Braunschweiger Oberbürgermeister sind Sie Aufsichtsratschef des heimischen Versorgers BS Energy. Hauptanteilseigner ist mit 50,1 Prozent der französische Umweltkonzern Veolia. Die übrigen Anteile liegen mit 25,1 Prozent bei der Stadt und die restlichen 24,8 Prozent gehören der Thüga. Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem börsennotierten und konzerngeprägten Mehrheitseigentümer?

Die Zusammenarbeit ist sehr gut. Es hat nie irgendwelche Konflikte um den gemeinsamen Weg gegeben. Es herrscht eine große Einigkeit, die Stadtwerke zu stärken. Dazu passt, dass wir auch die Thüga mit an Bord haben, die sehr viele Stadtwerke unter sich vereinigt.

Veolia bringt als Konzern aufgrund der europäischen und weltweiten Perspektive auf den Energiemarkt noch mal eine andere Sicht der Dinge mit. Gerade die Transformation der Erzeugungsstruktur hin zu einer mehr biomassegestützten Wärmeerzeugung zeigt, dass es nicht nur um kurzfristige Rendite, sondern um langfristig nachhaltige Infrastrukturentwicklung geht.

Trotz des privatwirtschaftlichen Einschlages hat die Identifikation der Stadt mit BS Energy und von BS Energy mit der Stadt nicht gelitten. Der Stadtwerke-Vorstand ist in der Stadtgesellschaft fest verankert. Ich finde es sehr gut, dass diese Philosophie einer engen Verbindung und intensiven Vernetzung zwischen Stadtwerk und Kommune auch hier gelebt wird.



Sie sehen also keinen übertriebenen Renditedruck, der die Arbeit erschwert oder die Rahmenbedingungen anders darstellen lässt als bei anderen rein kommunalen Versorgungsunternehmen?

Nein, das habe ich bislang nicht so wahrgenommen. Und wir als Stadt haben ja auch einen Renditedruck, weil wir Ausschüttungen brauchen. Aber natürlich entgehen uns durch diese Konstruktion, die Anfang der 2000er Jahre gewählt wurde, Dividenden. Man hat das damals gemacht, um mit dem eingenommenen Kaufpreis den städtischen Haushalt zu entschulden. Doch natürlich ist dieser Effekt irgendwann aufgebraucht.

Aber Politik beginnt mit dem Betrachten der Wirklichkeit. Deswegen setzen wir weiterhin auf die bestehende vertrauensvolle und zukunftsfeste Partnerschaft. Wir stehen alle vor derselben großen Aufgabe: den erheblichen Investitionen in die Transformation unserer Energie- und Wärmeinfrastruktur. Die bestehende Gesellschafterstruktur verbindet dabei kommunale Verantwortung mit internationaler Infrastruktur- und Transformationsexpertise.

Würden Sie denn gern Anteile zurückkaufen? Andere Städte haben das in den vergangenen Jahren gemacht.

Wie schon gesagt, wir haben gerade bundesweit erhebliche Schwierigkeiten, was die kommunalen Finanzen angeht. Wir sind froh, dass wir Veolia und die Thüga mit ihrem Know-how mit an Bord haben.

KI wird künftig helfen, Netze effizienter zu steuern, Lastspitzen besser vorherzusagen und Instandhaltungsmaßnahmen vorausschauender zu planen.

Der technologische Wandel durch Digitalisierung und KI erreicht ein immer größeres Tempo – können da vor allem die kleineren Stadtwerke mit ihren begrenzten Ressourcen noch mithalten?

Die Entwicklung ist eine riesige Herausforderung für die Stadtwerke, bietet aber auch Chancen, etwa für Kooperationen. Mir ist bewusst, dass Ängste auftauchen können, was die regionale Eigenständigkeit angeht. Aber es gibt sehr gute Best-Practice-Beispiele, wie man dem begegnen kann. Auch KI wird künftig helfen, Netze effizienter zu steuern, Lastspitzen besser vorherzusagen und Instandhaltungsmaßnahmen vorausschauender zu planen.

Aber zunächst muss man die dafür notwendigen Ressourcen schaffen. Das fängt bei neuer Software an und hört bei den IT-Experten auf. Insgesamt ergeben sich enorme Chancen, insbesondere auch, was die Digitalisierung der Stromnetze angeht. Das führt zu einer Digitalisierungsrendite, die den Netzkunden vor Ort letztlich Kostenvorteile bringt.


Das Interview mit VKU-Präsident Thorsten Kornblum führten die ZFK-Chefredakteure Klaus Hinkel und Andreas Baumer.
Das ist der erste Teil des Interviews. Den zweiten Teil können Sie am Dienstag lesen.
Eine gekürzte Fassung ist in der Juni-Print-Ausgabe erschienen. Zum Abo geht es hier.



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