Wenn die Politik jetzt nicht zügig die Voraussetzungen zur Sicherstellung von gesicherter Leistung oder mehr Flexibilitäten schaffe, sei das Klimaziel 2030 gefährdet, sagte Stefan Kapferer, Vorsitzender der BDEW-Hauptgeschäftsführung, am Montag auf der Hannover Messe. Dann werde die Politik 2027 genauso kurzatmig versuchen, eine Lücke zu schließen, befürchtet er. Sein Appell an die Bundesregierung lautet Planungssicherheit für Investoren und ein Marktdesign für gesicherte Leistung zu schaffen. Zudem muss der Netzausbau dringend beschleunigt werden.
Laut dem BDEW-Chef ist man bei der Energiewende an einem "Turning Point" angekommen. "Es beginnt ein Prozess, an dem konventionelle Kraftwerke aus dem System gedrängt werden", so Kapferer. Und dieser Prozess werde sich "sehr stark beschleunigen". Das bisherige Zwei-Wege-System mit einem Teil für konventionelle und einem anderen für die erneuerbare Erzeugungsleistung komme an ein Ende. Beide Systeme müssten deshalb zusammengeführt werden.
Sehenden Auges in die Unterdeckung
Der Verband präsentierte in Hannover seine jährliche Analyse zum Kraftwerkspark in Deutschland. Diese sogenannte Kraftwerksliste gibt laut BDEW deutliche Hinweise auf den Handlungsbedarf. "Wir laufen sehenden Auges spätestens im Jahr 2023 in eine Unterdeckung bei der gesicherten Leistung hinein“, klagt Kapferer. In konkreten Zahlen heißt dies: Dem bis 2023 zu erwartenden Zubau an Kraftwerkskapazität in Höhe von etwa 4400 MW stehen bereits absehbare und schon erfolgte Stilllegungen mit einer Kapazität von rund 18 600 MW gegenüber. Der Analyse zufolge sinkt bis 2023 die konventionelle Kraftwerkskapazität von heute knapp 90 000 auf 75 300 MW.
Dies liegt dann unter der von der Bundesnetzagentur für den Beginn der 2020er Jahre prognostizierten Jahreshöchstlast von etwa 81 800 MW. Dieser Wert könne laut BDEW nur noch dadurch erreicht werden, in dem die Bonner Behörde beantragte Stilllegungen von rund 6800 MW aufgrund von Systemrelevanz nicht genehmigt. Nach der Einschätzung Kapferers steigt die Gefahr, dass die BNetzA Stilllegungen untersagt. Dies sei jedoch kein erstrebenswerter Zustand.
Kein Verlass auf das Ausland
Noch lässt sich dies in einem europäischen Strommarkt kompensieren, aber auch hier sind die Optionen begrenzt. Unter anderem mit Blick auf die Schwierigkeiten mit der Kernkraft in Belgien weist Kapferer auf den Abbau von Kapazitäten im EU-Ausland hin. "Wir können uns in solchen Phasen nicht darauf verlassen, aus diesen Ländern Strom in nennenswertem Umfang importieren zu können“, so Kapferer.
Mit der Perspektive der 2030-iger Ziele wird der Handlungsbedarf noch größer. Dann sollen die Erneuerbaren einen Anteil von 65 Prozent am Strommarkt erreicht haben. Hinzu kommt der Kohleausstieg. Die Umsetzung der Minderung der CO2-Emission im Stromsektor um 61 bis 62 Prozent bis 2030 bedeutet in etwa eine Halbierung der Kohlestromproduktion. Übersetzt in konkrete Zahlen heißt dies, dass die Kapazität der entsprechenden Kraftwerke von derzeit rund 41,5 GW auf etwa 20 GW zurückgefahren werden muss. Diese Herausforderungen sei jedoch in der Aufgabenliste an die Kohlekommission noch nicht hinreichend berücksichtigt, betont Kapferer.
Vom Netzausbau bis zum Zubau von Gaskraftwerken
Wer den Kohleausstieg organisieren wolle, müsse die dafür benötigten Grundlagen schaffen, so Kapferer. Der BDEW fasst seine diesbezüglichen Forderungen in einer Prioritätenliste zusammen:
- Priorität 1 Netzausbau: Immer noch seien erst 40 Prozent der Vorhaben des Energieleitungsausbaugesetzes (Enlag) umgesetzt.
- Priorität 2 Kraft-Wärme-Kopplung: "Die KWK braucht einen neuen Schub", fordert Kapferer. Erforderlich sei unter anderem eine Verlängerung des KWK-Gesetzes bis 2030 und über die aktuelle Deckelung hinaus.
- Priorität 3 Speicherausbau: Zur Verbesserung der Rahmenbedingungen gehöre insbesondere, die unsinnige Doppelbelastung für Speicher bei den Netzentgelten zu beenden.
- Priorität 4 Ausbau der Erneuerbaren: Der Ausbau auf 65 Prozent an der Stromerzeugung bis 2030 sei wichtig, allerdings dürfe dies nur absolut synchron mit dem Netzausbau erfolgen.
- Priorität 5 Zubau von Gaskraftwerken: Dies sei "an einzelnen Stellen" vonnöten. Allerdings will sich Kapferer heute nicht darauf festlegen, wo und welchem Umfange diese entstehen sollen. (mn)
