Die Koalition hat ein Reformpaket beschlossen. Beim Smart‑Meter‑Rollout will sie Vorgaben "nachschärfen". Erstmals stellt die Bundesregierung eine weniger komplexe Messlösung in Aussicht: Smart Meter Light.
In der Branche ist diese umstritten: Beschleunigt eine abgespeckte Messlösung den Rollout – oder stört sie den bereits angelaufenen Prozess? Auch die Rollout‑Quoten könnte die Koalition anpassen.
Smart Meter Light: Koalition öffnet Tür
Für jene Kund:innen, die nicht dem verpflichtenden Rollout unterliegen, will die Bundesregierung den Einbau von Smart Meter Light ermöglichen.
Damit soll vor allem eine kostengünstige und sichere Optimierung der Stromrechnung ermöglicht werden, heißt es in dem Papier. Die intelligenten Messsysteme können im Viertelstundentakt Messwerte liefern. Damit können Kund:innen zeitvariable Tarife nutzen.
Smart Meter – was steckt dahinter?
Was ist ein Smart Meter? Ein intelligentes Messsystem (iMSys) – kurz Smart Meter – besteht aus zwei Teilen: einem digitalen Stromzähler und einem sogenannten Smart-Meter-Gateway. Letzteres ist die gesicherte Kommunikationseinheit, die Verbrauchsdaten verschlüsselt an Netzbetreiber, Messstellenbetreiber und Energieversorger übermittelt. Das ermöglicht nicht nur eine automatische Abrechnung, sondern auch flexible Stromtarife und die Steuerung von Wärmepumpen, Wallboxen oder Photovoltaikanlagen.
Wer muss einen Smart Meter einbauen? Nicht jeder Haushalt ist gleichermaßen betroffen. Das Messstellenbetriebsgesetz (MsbG) unterscheidet zwischen Pflicht- und Nicht-Pflichteinbaufällen:
Pflichteinbaufälle sind Messstellen, an denen der Einbau eines Smart Meters gesetzlich vorgeschrieben ist – konkret bei Letztverbrauchern mit einem Jahresstromverbrauch von mehr als 6.000 Kilowattstunden, bei Photovoltaikanlagen ab 7 Kilowatt peak sowie bei steuerbaren Verbrauchseinrichtungen wie Wallboxen und Wärmepumpen. Für diese Messstellen gelten verbindliche Rollout-Quoten mit Fristen und Sanktionsmöglichkeiten.
Nicht-Pflichteinbaufälle sind alle übrigen Haushaltskunden – also der typische Durchschnittshaushalt mit einem Verbrauch unter 6.000 kWh im Jahr. Sie können freiwillig einen Smart Meter erhalten, sind aber nicht verpflichtet dazu.
Smart Meter Light sind abgespeckte Varianten intelligenter Messsysteme.. Sie würden etwa ohne ein hochgesichertes Gateway auskommen. Bisher ist das Prinzip in Deutschland jedoch nur konzeptionell vorhanden. Es gibt bislang kein einziges zugelassenes Smart Meter Light Gerät auf dem Markt.
Verbraucher:innen außerhalb der Pflichteinbaufälle einen kostengünstigen Zugang zu dynamischen Tarifen zu ermöglichen, sei als Ziel nachvollziehbar, sagte Frank Hirschi vom Energie-Beratungsunternehmen Horizonte. "Ein neuer 'Smart Meter Light' wäre zum jetzigen Zeitpunkt allerdings vermutlich eher ein Bremsklotz als ein Beschleuniger."
Geräte für Smart Meter Light müssten derzeit in Deutschland noch "entwickelt, zertifiziert und in neue Backend- und Marktprozesse integriert werden". Dieser Prozess würde wahrscheinlich Jahre dauern und zudem die Rollout-Pläne der Betreiber infrage stellen. "Massentaugliche Prozesse brauchen vor allem stabile Rahmenbedingungen – keine jährliche Neuausrichtung des Smart-Meter-Regimes", schlussfolgert Hirschi.
Auch der Stadtwerkeverband VKU warnt: "Neue regulatorische Eingriffe dürfen jetzt nicht dazu führen, dass das ohnehin hochkomplexe Mammutprojekt erneut ausgebremst oder verkompliziert wird."
Smart Meter Light als Konzept für die Masse
Anders positionierte sich zuletzt Merlin Lauenburg, Chef des Ökostromanbieters Tibber Deutschland, im ZFK-Interview. "Der Smart Meter Light ist kein Rückschritt, sondern eine pragmatische Ergänzung: technisch schlanker, kostengünstiger und schneller verfügbar." In der Masse seien die Standard-Smart-Meter "vollkommen überdimensioniert und zu teuer". Lauenburg plädierte deshalb dafür, bei den optionalen Einbaufällen auf Smart Meter Light zu setzen – also genau das, worauf sich die Koalition nun geeinigt hat.
"Allein über den regulären Austausch von Messeinrichtungen bei Ablauf von Eichfristen könnte man so deutlich schneller mehr Menschen mit zeitgemäßer Zählertechnik ausstatten und Millionen Haushalte schnell und kosteneffizient flexibilisieren." Dieser Weg habe sich bereits in vielen europäischen Ländern bewährt.
Hersteller PPC: Smart Meter Light gefährdet einheitliche Plattform
In der Branche gibt es jedoch auch vehemente Gegner des Smart-Meter-Light-Ansatzes. Ingo Schönberg, Chef des Gateway-Herstellers PPC, ist einer davon. "Wir brauchen keine Parallelwelt für 'Zählerdaten-only', sondern eine homogene Plattform mit intelligenten Messsystemen", sagte er im Gespräch mit der ZFK.
Er befürchtet, dass durch Smart Meter Light eine Zwei-Klassen-Gesellschaft im Messwesen entstehen könnte und so gesetzlich verankerte Sicherheitsstandards, Steuerungsfähigkeit und Interoperabilität untergraben würden.
Einbauquote: Die genaue Ausgestaltung wird nicht ersichtlich
"Bis Ende 2030 soll der Rollout für alle relevanten Messstellen zu über 90 Prozent abgeschlossen sein", heißt es im Papier zum Koalitionsausschuss, das der ZFK-Redaktion vorliegt. Bisher ist im Messstellenbetriebsgesetz geregelt, dass bis zum Jahr 2030 mindestens 95 Prozent der Pflichteinbaustellen mit Smart Metern ausgestattet sein müssen. Im Jahr 2032 soll die Quote bei allen Anschlüssen über 90 Prozent liegen.
Was die Koalitionäre unter "relevanten Messstellen" verstehen, bleibt bislang offen. Auf Rückfrage der ZFK hat sich das Bundeswirtschaftsministerium bis Redaktionsschluss dazu nicht mehr geäußert. Der VKU verweist darauf: "Hier wird es nun auf die konkrete Ausgestaltung ankommen." Und auch in der Opposition sorgt der Zusatz für Unverständnis.
Grünen-Abgeordneter befürworten den Ansatz grundlegend
"Das Ziel, 90 Prozent der 'relevanten Messstellen' bis 2030 auszustatten, ist richtig und wichtig. Aber alles hängt daran, wer überhaupt als 'relevant' gilt", sagte Alaa Alhamwi, der für die Fraktion der Grünen im Wirtschafts- und Energieausschuss sitzt.
Man brauche für ein flexibles Energiesystem nicht nur die Großindustrie, sondern auch die Haushalte. Sollte die Bundesregierung die "relevanten Messstellen" zu eng auslegen, würde sie die Energiewende ausbremsen.