Merlin Lauenburg war zuletzt fünf Jahre bei Viessmann beschäftigt.

Merlin Lauenburg war zuletzt fünf Jahre bei Viessmann beschäftigt.

Bild: © Chris Marxen

Der Smart-Meter-Rollout schreitet in Deutschland nur schleppend voran: Zu langsam, zu teuer, zu kompliziert. Merlin Lauenburg, Deutschlandchef des Energie-Start-ups Tibber, fordert ein Umdenken. Im Interview erklärt er, warum eine verbraucherorientierte Kommunikation unerlässlich ist, welche politischen Impulse nötig wären und weshalb Tibber juristisch gegen Preispraktiken eines grundzuständigen Messstellenbetreibers vorging. Zudem spricht er über dynamische Tarife, die Potenziale zeitvariabler Netzentgelte. Und warum der „Smart Meter Light“ aus seiner Sicht kein Rückschritt, sondern eine dringend benötigte Ergänzung ist.

Herr Lauenburg, Tibber kommt ursprünglich aus Norwegen – dort fahren nur noch E-Autos und fast alle Kunden nutzen dynamische Tarife. Wie fühlt sich das an, wenn man nach Deutschland blickt?

Der Unterschied könnte kaum größer sein. In Norwegen ist die Elektrifizierung weit fortgeschritten, der Smart-Meter-Rollout ist abgeschlossen, 93 Prozent der Menschen nutzen dynamische Stromtarife. Deutschland dagegen tut sich schwer – nicht nur beim Rollout, sondern auch beim politischen Willen. Ein weiteres gutes Beispiel ist Schweden: Dort wurde bereits Anfang der 2000er Jahre beschlossen, dass Stromverbrauch monatlich abgerechnet werden muss. Das Ziel war klar – und die Umsetzung wurde den Unternehmen überlassen. Die Folge: Ein vollständiger Rollout bis 2008 mit einer technisch einfachen Lösung, die auf die viertelstündliche Übermittlung von Verbrauchsdaten fokussiert war. Das zeigt: Wenn der politische Rahmen stimmt, geht es schnell – und kundenfreundlich.
 
 

Apropos kundenfreundlich: In Deutschland hat man bisher kaum das Gefühl, dass der Smart-Meter-Rollout überhaupt bei den Menschen angekommen ist. Teilen Sie diesen Eindruck?

Absolut. Wir haben dazu im vergangenen Jahr eine repräsentative Studie mit YouGov durchgeführt. Das Ergebnis war ernüchternd: 60 Prozent der Menschen wissen nicht, was ein Smart Meter ist. Und rund 40 Prozent können mit dynamischen Stromtarifen nichts anfangen. Das ist kein Kommunikationsversagen, sondern ein strukturelles Problem. Der Rollout ist bislang ein rein technisches Infrastrukturprojekt – ohne Sichtbarkeit, ohne Nutzenkommunikation. In anderen Ländern, wie Schweden, wurde der Rollout gezielt mit verbraucherfreundlicher Kommunikation und klarer Zielsetzung begleitet. Davon sind wir in Deutschland leider weit entfernt.
 
Was müsste sich in Deutschland ändern, damit der Smart-Meter-Rollout auch bei den Verbrauchern akzeptiert wird?
Wir müssen endlich aufhören, den Rollout rein aus Netzsicht zu denken. Der Fokus liegt bislang fast ausschließlich auf Steuerbarkeit und Systemintegration. Der konkrete Nutzen für die Verbraucher hingegen kommt kaum vor. Damit sich das ändert, braucht es drei Dinge: Erstens eine breit angelegte Informationskampagne, die einfach erklärt, was ein Smart Meter ist und warum er hilft. Nicht technisch, sondern alltagsnah. Hier sehe ich die Politik am Zug, genauer gesagt das Bundeswirtschaftsministerium.


Zweitens muss der Zugang einfacher werden: Heute müssen sich viele Menschen mühsam durch Antragsprozesse kämpfen, nur um dann zu hören, dass der zuständige Messstellenbetreiber noch gar keine Geräte installiert.

Und drittens geht es um Erschwinglichkeit. Viele schrecken vor den Kosten zurück. Dabei profitiert am Ende das ganze System – daher wäre es sinnvoll, hier stärker zu fördern oder über Zuschüsse nachzudenken.
 
Sie sind sogar gegen einen Messstellenbetreiber vorgegangen, der zu hohe Kosten für den optionalen Einbau verlangt hat?

Korrekt, konkret ging es um die Bayernwerk Netz, einen grundzuständigen Messstellenbetreiber, der bis zu knapp 900 Euro für die Installation eines Smart Meters berechnet hat. Das ist aus unserer Sicht nicht mit der gesetzlich vorgesehenen Preisobergrenze vereinbar, die bei optionalen Einbaufällen deutlich niedriger liegt.

Wir haben den Fall juristisch prüfen lassen und sind in die zweite Instanz gegangen. Zwar konnten wir das Verfahren aus Kostengründen nicht vollständig durchfechten, aber wir haben etwas bewirkt. Die Preisblätter wurden überarbeitet, die Installationsgebühren reduziert. Für uns war das ein Teilerfolg. Es zeigt aber auch, wie intransparent und uneinheitlich der Markt noch ist. Und wie wichtig es ist, dass sich jemand für faire Bedingungen im Sinne der Verbraucher einsetzt.
 
Wie sieht es denn überhaupt mit dynamischen Tarifen aus in Deutschland? Fragen Ihre Kunden danach? Aktuell boomen PV und Elektromobilität ja wieder.

Die Nachfrage ist da und sie wächst. Viele unserer Kunden interessieren sich aktiv für dynamische Tarife, gerade wenn sie ein E-Auto oder eine PV-Anlage besitzen. Aber: In der Realität scheitert es oft an der technischen Voraussetzung. Aktuell verfügen laut Branchenschätzungen nur rund 10 Prozent der E-Auto-Haushalte überhaupt über ein intelligentes Messsystem. Ohne Smart Meter lassen sich dynamische Tarife nicht nutzen – das bremst das ganze Modell aus.

Dabei könnten gerade diese Haushalte massiv profitieren. Mit einem dynamischen Tarif lassen sich beim Laden eines E-Autos bis zu 30 Prozent sparen, in Kombination mit zeitvariablen Netzentgelten sogar bis zu 70 Prozent. Aber solange der Zugang zu dieser Technologie so schleppend verläuft, bleibt das für viele ein theoretisches Versprechen.
 
Zeitvariable Netzentgelte sollen netzfreundliches Verbrauchsverhalten finanziell anreizen. Wie weit ist Deutschland hier und werden diese Tarife genutzt?

Das Potenzial ist enorm. Die Umsetzung ist leider noch nicht so weit. Seit April 2025 sind zeitvariable Netzentgelte gesetzlich möglich. In der Praxis aber fehlt es noch an funktionierenden Prozessen und klaren Zuständigkeiten. Viele Netzbetreiber haben ihre Systeme noch nicht entsprechend umgestellt, der Datenaustausch funktioniert oft nicht reibungslos.

Für Kundinnen und Kunden ist das ein Dschungel: Wer profitieren will, muss seine Anlage erst durch den Installateur beim Netzbetreiber anmelden lassen und dann beim Stromlieferanten den Wechsel zu §14a Modul 3 beantragen. Der wiederum kann den Wechsel nicht selbst vornehmen, sondern muss ihn beim Netzbetreiber anfragen. Kurz gesagt: Es ist kompliziert, intransparent und technisch noch nicht durchgängig machbar. Wir bei Tibber arbeiten daran, diese Entgelte direkt in unsere Preisstruktur zu integrieren. Unser Ziel ist es, dass die Kundinnen und Kunden am Ende nur sehen, was sie sparen – nicht, wie viele Formulare es dafür braucht. Noch ist das aber nicht flächendeckend möglich.
 
Wie erleichtern Sie Ihren Kunden denn den Zugang zum Smart Metering? Wie klären Sie Ihre Kunden auf?

Wir haben den Smart Meter bei uns direkt in den Bestellprozess integriert. Wer sich bei Tibber für einen dynamischen Tarif anmeldet und zum Pflichtrollout gehört, kann das intelligente Messsystem bei uns gleich mitbestellen – ohne zusätzliche Installationskosten. So umgehen wir die typischen Hürden, mit denen viele Verbraucherinnen und Verbraucher sonst konfrontiert sind. In Regionen, in denen der grundzuständige Messstellenbetreiber keine Smart Meter anbietet, arbeiten wir zusätzlich mit wettbewerblichen Messstellenbetreibern zusammen, um eine flächendeckende Versorgung sicherzustellen.

Parallel investieren wir viel in Aufklärungsarbeit: Was ist ein Smart Meter? Was bringt er konkret finanziell und gesellschaftlich? In der Kommunikation legen wir den Fokus nicht auf technische Details, sondern auf den Nutzen: günstigere Mobilität, mehr Transparenz, Teilhabe an der Energiewende.
 
Sie sind ein Verfechter des sogenannten Smart Meter Light, also einer modernen Messeinrichtung, die die Zählerstände selbständig an Messstellenbetreiber, Netzbetreiber und Stromanbieter übertragen kann. Einige gehen davon aus, dass diese Idee den Smart Meter Rollout, der jetzt anläuft, noch zusätzlich ausbremsen wird…

Der aktuelle Rollout kommt nicht schnell genug voran, um die breite Masse zu erreichen. Und die Energiewende auf der Verbrauchsseite hängt hinterher. Der Smart Meter Light ist kein Rückschritt, sondern eine pragmatische Ergänzung: technisch schlanker, kostengünstiger und schneller verfügbar. Er ermöglicht viertelstündliche Verbrauchsdaten ohne aufwendiges Gateway. Das ist genau das, was es braucht, um dynamische Tarife auch für Haushalte ohne große steuerbare Lasten nutzbar zu machen.

Wir bekennen uns klar zum Steuerrollout mit intelligenten Messsystemen im aktuellen Umfang. Doch für eine Anwendung in der Masse ist diese Technik vollkommen überdimensioniert und zu teuer. Für optionale Einbaufälle befürworten wir deshalb, parallel auf etablierte Technik und Prozesse mit dem Smart Meter light zu setzen. Alleine über den regulären Austausch von Messeinrichtungen bei Ablauf von Eichfristen könnte man so deutlich schneller mehr Menschen mit zeitgemäßer Zählertechnik ausstatten und Millionen Haushalte schnell und kosteneffizient flexibilisieren. Dieser Weg hat sich bei vielen unserer europäischen Nachbarn bewährt und ohne ihn wird die Energiewende in Deutschland asymmetrisch bleiben.

Das Interview führte Stephanie Gust

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper