Blick auf das Heizkraftwerk Nord der Stadtwerke München in Unterföhring.

Blick auf das Heizkraftwerk Nord der Stadtwerke München in Unterföhring.

Bild: © SWM

Der Steinkohleblock 2 des Heizkraftwerks (HKW) Nord in Unterföhring bei München darf laut einem Antrag des Übertragungsnetzbetreibers (ÜNB) Tennet Ende 2022 nicht vom Netz genommen werden, weil er "systemrelevant" für die Stromversorgung ist. Über ein entsprechendes Schreiben an den Betreiber Stadtwerke München (SWM) informierte ihr Chef Florian Bieberbach die ZfK in einem Interview, das am Montag in der gedruckten Ausgabe erscheint. Bieberbach sagte: "Formal muss das noch die Bundesnetzagentur bestätigen, aber Tennet wird bei der Bundesnetzagentur beantragen, dass unser Block als systemrelevant eingestuft wird. Es ist damit zu rechnen, dass die Systemrelevanz auch von der Regulierungsbehörde bestätigt wird."

Die Münchner hatten sich im November 2017 in einem Bürgerentscheid mehrheitlich für die Abschaltung des Kohleblocks Ende 2022 und damit für einen vorzeitigen lokalen Kohleausstieg entschieden. Bereits 2012 hatten die SWM mit ihrer "Fernwärmevision 2040" geplant, den in Kraft-Wärme-Kopplung betriebenen größten der drei Blöcke im HKW Nord 2035 auslaufen zu lassen und die Wärmeversorgung weitgehend auf Geothermie umzustellen. Fünf solche Anlagen sind im Ballungsgebiet bereits in Betrieb. Eine weitere Einheit ist am Kraftwerksgelände im Bau. Sie soll nächstes Jahr ans Netz gehen.

Es geht auch um 420 MW Wärme

Bei einem frühen Kohleausstieg 2022 aber würden, so, argumentieren die SWM, 420 MW Fernwärmeleistung fehlen. Insgesamt kann das HKW Nord bis zu 900 MW Wärme auskoppeln. 36 Prozent der Münchner Haushalte bekommen Fernwärme. Das HKW Nord als eines von drei Heizkraftwerken versorgt zwei Wärmenetze im Norden der Landeshauptstadt.

Die Stadtwerke halten den Kohleblock auch für die sichere Stromversorgung bis etwa 2028 für unverzichtbar. Sie fühlen sich jetzt durch das Schreiben von Tennet bestätigt. Der ÜNB untersagt den SWM ihr formales Stilllegungsbegehren, weil der Block "systemrelevant" sei. Dies gelte zunächst für 2023, sagte Bieberbach der ZfK. 2023 ist das erste Jahr nach dem deutschen Atomausstieg. Spätestens Ende 2022 muss auch das 1485-MW-Kernkraftwerk Isar 2 bei Landshut vom Netz, an dem die SWM mit 25 Prozent beteiligt sind. Die elektrische Leistung aller drei HKW-Blöcke zusammen beträgt 360 MW. Die anderen beiden werden mit Restmüll befeuert.

SWM-Konzept: Stetig weniger Kohle verfeuern

Gleichzeitig präsentieren die SWM am Freitag ein alternatives Kohleausstiegs-Konzept: Die Strategie ist demnach, "zum frühestmöglichen Zeitpunkt" auszusteigen und so dem "Bürgervotum so weit wie möglich gerecht zu werden", aber auch dem Versorgungsauftrag, der Ökonomie und der Ökologie. Ein exaktes Abschaltdatum für Block 2 wird nicht genannt. Dies hänge vielmehr von der für Herbst angekündigten Kohleausstiegsgesetzgebung des Bundes sowie von der Fertigstellung der Höchstspannungs-Gleichstrom-Übertragungsleitungen (HGÜ) von Nord- nach Süddeutschland ab, die große Mengen Windstrom auch nach Bayern bringen sollen. Die SWM erwartet die HGÜ für "circa 2028".

Die SWM haben ein Konzept für einen allmählichen lokalen Kohleausstieg entwickelt, das sie "Kohleminderungspfad" nennen. Beispielsweise sollen durch längere Stillstände des Kohleblocks außerhalb der Heizperiode – also den Verzicht auf Stromproduktion – 75.000 Tonnen weniger Steinkohle verfeuert werden. 2028 sollen 450.000 Tonnen Kohle erreicht sein. Derzeit sind es laut Website etwa 800.000 Tonnen. Diese Reduktion spare auch 1,5 Mio. Tonnen CO2 ein.

Dreistellige Millioneninvestition in Geothermie

"Intensiv" arbeiten die SWM auch an der "wirtschaftlichen" Erschließung weiterer Geothermie-Potenziale in München und südlichen Nachbargemeinden. Das Fernwärmenetz wird bereits an die Geothermie angepasst. In die Energiequelle investieren die SWM einen "hohen dreistelligen Millionenbetrag". "Bis nach 2030" wird zudem das Dampfnetz weiter auf das effizientere Heißwasser umgestellt. Die Stadtwerke präsentieren ihren Alternativplan am 16. Juli im Ratsausschuss für Wirtschaft und Arbeit.

In dem ZfK-Gespräch geht SWM-Chef Bieberbach unter anderem auch auf folgende Fragen ein:

  • zur regionalen Gewichtung der Münchner Erneuerbaren-Offensive,
  • zur Vermarktung von Erneuerbaren-Anlagen, die aus der gesetzlichen Förderung fallen, in der Tochter Hanse Windkraft ("Post-EEG-Geschäft"),
  • zum Engagement der SWM in der Offshore-Produktion von Öl und Gas,
  • zur Sinnhaftigkeit von Gaskraftwerken in Süddeutschland und
  • zum öffentlichen Nahverkehr in München.

Das vollständige Interview ist nur in der gedruckten ZfK-Juliausgabe zu lesen, die am Montag erscheint, und ist Abonnenten vorbehalten. Sie erhalten auf Anforderung an info@zfk.de von Montag an ein PDF des Gesprächs. (Hier geht's zum Abo.) (geo)

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