Die Wasserstoffwirtschaft soll auf lange Sicht als Wettbewerbsmarkt funktionieren, fordert der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Langfristig würden so Investitionsentscheidungen „aufgrund von transparenten Preissignalen und Absicherung gegenüber marktlichen Risiken für die Nachfrage- und Angebotsseite ermöglicht“, teilte der Verband am Dienstag anlässlich der Vorstellung eines Diskussionspapiers zur Entwicklung eines Wasserstoffmarktes in vier Stufen mit. Die Nachfrage nach Wasserstoff werde dann auf Basis wirtschaftlicher Entscheidungen erfolgen und das Angebot befördern. Doch zuvor müsse die Politik entsprechende Rahmenbedingungen setzen.
„Aktuell befindet sich der Markthochlauf noch am Anfang: Die Technologien rund um Wasserstofferzeugung, -transport, -speicherung und -nutzung sind in großen Teilen verfügbar und technisch reif. Es fehlt bisher allerdings die Erprobung im Zusammenspiel der verschiedenen Wertschöpfungsstufen“, erklärte Kirsten Westphal, Mitglied der BDEW-Hauptgeschäftsführung. Dies liege auch daran, dass die langfristigen Marktaussichten bisher noch zu ungewiss und die finanziellen Risiken daher zu groß sind.
Europäische Marktdesigndebatte führen - ähnlich wie bei Strom und Gas
„Privatwirtschaftliche Investitionen erfolgen noch nicht in ausreichendem Umfang. Für einen erfolgreichen Wasserstoffhochlauf brauchen wir Mut und Pragmatismus“, so Westphal. Regulatorische Hürden sollten deshalb niedrig gehalten, Angebot und Nachfrage durch konsistente Förderinstrumente angereizt und ein verlässlicher Regulierungsrahmen, zum Beispiel für die zukünftige Wasserstoffinfrastruktur, gesetzt werden.
Zudem benötigten potenzielle Investoren klare Regeln, Standards und Zertifizierungen für den Handel mit Wasserstoff und seinen Derivaten. Dazu gehöre auch ein EU-weites, transparentes und international anschlussfähigen Herkunftsnachweis- und Zertifizierungssystems. „Die kommenden Jahre werden in Deutschland und Europa entscheidend für die Frage sein, ob der Wasserstoffhochlauf im großen Stil gelingen und ob ein Umfeld für Innovationen und Investitionen geschaffen wird. Wir sollten deshalb eine europäischen Marktdesigndebatte führen – ähnlich wie bei Strom und Erdgas“, sagte BDEW-Chefin Kerstin Andreae.
In einem „Diskussionspapier für ein Marktdesign für Wasserstoff“ skizziert der Verband vier Phasen für die Entwicklung des Wasserstoffmarktes:
- Während der Initialphase müssen laut BDEW wichtige Grundvoraussetzungen bis 2023/2024 geschaffen werden, um den Markthochlauf zeitnah zu initiieren. Zu diesem frühen Zeitpunkt einer Hochlaufkurve seien staatliche Unterstützung, regulatorische Flexibilität und ein glaubwürdiges Zielbild essenziell, um Anreize zu setzen, die Finanzierung zu ermöglichen, Risiken zu minimieren und Transparenz zu schaffen.
- Diese Grundvoraussetzungen ebneten den Weg für die anschließende Aufbauphase. Die Aufbauphase dauert laut Definition des Papiers bis Anfang der 2030er Jahre, wenn das H2-Kernnetz und weitere Leitungen auf Fernleitungs- und Verteilnetzebene in Deutschland aufgebaut sind bzw. die Übergangsregelungen aus dem europäischen Wasserstoff- und Gasmarkt-Dekarbonisierungspaket enden, so der BDEW. In der Aufbauphase würden erste internationale Lieferbeziehungen etabliert, Projekte ausgedehnt, die Wasserstoffnutzung in der Industrie angereizt und bedarfsgerecht Gasverteilnetze auf Wasserstoff umgestellt.
- Im Anschluss vollziehe sich in der Ausprägungsphase ab den Jahren 2032/2035 immer mehr die Entwicklung hin zu einer durch überwiegend marktliche Mechanismen gesteuerten Wasserstoffwirtschaft. Bis etwa 2040 würden auch langfristig angelegte staatliche Fördermechanismen nach und nach auslaufen. Die Wasserstoff-Erzeugung werde nun durch die Nachfrageseite angereizt und, so die BDEW-Einschätzung, durch Skalierung und Preissenkungen bei erneuerbarem Strom immer kostengünstiger. In der Folge nehme der internationale Handel mit Wasserstoff zu und der industrielle Mittelstand werde großflächig mit Wasserstoff versorgt. Das Wasserstoff-Kernnetz werde zum H2-Backbone weiterentwickelt und die europäische Einbindung des Netzes verstärkt.
- Rund um das Jahr 2040 soll dann dem BDEW-Papier zufolge die Zielphase eines funktionierenden Wasserstoffmarkts erreicht sein. Dann würden Wasserstoff und seine Derivate in Deutschland, der EU und global in ausreichenden Mengen erzeugt und gehandelt, ein Markt für Wasserstoff (und seine Derivate) sei etabliert und es existiere ein virtueller Handelsplatz. „Zudem ist eine voll funktionsfähige Infrastruktur vorhanden und es hat sich ein europaweites Wasserstoffnetz herausgebildet, das die notwendigen Transport- und Verteilungsaufgaben übernimmt“, prognostiziert der Verband. (hil)
