Sechs Wochen nach dem Startschuss hat die Bundesnetzagentur beim Energy Sharing einen bemerkenswerten Kurswechsel vollzogen: Die Abwicklung der gemeinschaftlichen Stromnutzung soll nun nicht mehr vorrangig über die Netzbetreiber erfolgen, wie es zuvor diskutiert und in Anwendungshilfen vorbereitet worden war.

Damit reagiert die Regulierungsbehörde auf die hohe Komplexität und den erheblichen IT-Anpassungsbedarf eines netzbetreiberbasierten Ansatzes. Stattdessen setzt die Behörde auf das bestehende Lieferanten- und Bilanzkreismodell, das auch als Dienstleistungsmodell bekannt ist. Doch was heißt das genau und wo sind mögliche Spannungsfelder? Ein Überblick:

Nochmal von vorn: Was genau ist Energy Sharing?

Der Grundgedanke ist einfach: Menschen sollen einen niederschwelligen Zugang zu erneuerbarer Energie erhalten. Zugleich eröffnet Energy Sharing Betreiberinnen und Betreibern kleiner Erneuerbare-Energien-Anlagen eine Perspektive jenseits der festen Einspeisevergütung, die irgendwann ausläuft.

Ihnen soll es möglich sein, Strom zu einem frei verhandelbaren Arbeitspreis etwa an Nachbarn oder an Verbraucherinnen und Verbraucher im gleichen Netzgebiet zu liefern. Ab 1. Juni 2028 soll dieses Modell sogar auf benachbarte Netzgebiete ausgeweitet werden. So steht es im Energiewirtschaftsgesetz (§ 42c EnWG).

Ein Blick nach Österreich oder Italien zeigt, dass dafür auch reduzierte Netzentgelte oder gezielte Fördermechanismen denkbar gewesen wären. Denn die Idee der EU war, bilanziell möglichst einfach und partizipativ abzubilden, was physikalisch ohnehin geschieht: Strom soll den kürzesten Weg zwischen Erzeugung und Verbrauch nehmen.

Was steckt hinter dem Dienstleistungsmodell?

Im Dienstleistungsmodell beauftragen Betreiber von Erneuerbare-Energien-Anlagen einen Direktvermarkter. Dieser erfasst nicht nur die Einspeisung bilanziell, sondern wickelt auch die Stromlieferung an Sharing-Abnehmer ab, vermarktet Überschussstrom und übernimmt die Reststromlieferung, wenn die Anlage den Bedarf nicht deckt.

Allerdings sieht das Energiewirtschaftsgesetz eigentlich vor, dass die Belieferung auf Grundlage eines Liefervertrags zwischen Anlagenbetreiber und Letztverbraucher erfolgt. Zudem ist der Reststromlieferant nach dem Gesetz frei wählbar. Genau diese Wahlfreiheit bildet das von der Bundesnetzagentur favorisierte Modell jedoch nicht ausdrücklich ab.

Zwar weist die Regulierungsbehörde darauf hin, dass Energy Sharing nicht zwingend über einen Direktvermarkter laufen müsse und grundsätzlich auch in Eigenregie organisiert werden könne, sofern alle energiewirtschaftlichen Pflichten eingehalten werden. Praktisch dürfte das aber nur für wenige Akteure realistisch sein, denn die Eröffnung und Steuerung eines eigenen Bilanzkreises ist aufwendig und anspruchsvoll.

Was sind die Vorteile des Dienstleistungsmodells?

Der Vorteil des Dienstleistungsmodells liegt in der Umsetzung: Grundlegende IT-Umstellungen und neue Marktkommunikationsprozesse sind nicht erforderlich. Die bestehende Lieferanten- und Bilanzkreissystematik bleibt das Rückgrat der Abwicklung. Für kommunale Energieversorger bedeutet das vor allem Entlastung: Andere dringende Themen können priorisiert und damit Ressourcen geschont werden. Außerdem reduziert sich die Vertragsstruktur faktisch von vier auf drei Verträge: Sharing-Liefervertrag, Reststromvertrag sowie Direktvermarktungs- oder Dienstleistungsvertrag.

Für kommunale Energieversorger schafft die Bundesnetzagentur vor allem Klarheit über die eigene Rolle. Netzbetreiber werden ausdrücklich von weiteren Umsetzungspflichten entlastet. Ihre Aufgaben beschränken sich damit auf Netzanschluss, Netznutzung, Messwertbereitstellung und Marktkommunikation. Die Sorge vor großen IT-Projekten und bilateralen Sonderlösungen ist damit zunächst vom Tisch.

Gleichzeitig wandert die Verantwortung für Energy Sharing auf die Lieferantenebene. Kommunale Energieversorger, die als Lieferant auftreten, müssen nun strategisch entscheiden, ob und wie sie entsprechende Produkte entwickeln wollen.

Viele Stadtwerke betrachten Energy Sharing bislang als Nischenprodukt ohne nennenswerte Kundennachfrage. Sie verweisen zu Recht auf die Komplexität: klare Lieferbeziehungen, viertelstündliche Messwerte, Reststromversorgung und eine nachvollziehbare Abrechnung bleiben unverzichtbar.

Technisch dürfte die Einbindung in bestehende IT-Systeme und Marktkommunikations-Prozesse zwar machbar sein, verlangt aber eine saubere Prüfung von Schnittstellen und Datenflüssen, insbesondere wenn mehrere Lieferanten, Direktvermarkter oder künftig gebietsübergreifende Konstellationen beteiligt sind.

Wo könnte es zu Spannungen kommen?

Kurzfristig bringt der Kurswechsel der Bundesnetzagentur mehr Sicherheit und entlastet vor allem Netzbetreiber sowie deren IT-Abteilungen. Mittelfristig entsteht jedoch ein Spannungsfeld: Lieferanten sind nicht verpflichtet, Energy-Sharing-Produkte anzubieten. Ob sich ein tragfähiger Markt entwickelt, bleibt daher offen. Für Bürgerenergieprojekte und kleinere Akteure kann genau das zur Hürde werden, wenn kein passender Dienstleister gefunden wird oder die Kosten für einen eigenen Bilanzkreis zu hoch sind.

Langfristig stellt sich die Frage, ob das freiwillige Dienstleistungsmodell den Zielen des Energiewirtschaftsgesetzes tatsächlich gerecht wird, nämlich Energy Sharing als breite Beteiligungsform zu etablieren. Rechtliche Auseinandersetzungen sind daher nicht ausgeschlossen. Ein zentraler Kritikpunkt ist, dass das von der Bundesnetzagentur favorisierte Standardmodell die freie Wahl des Reststromlieferanten nicht sicherstellt. Das könnte mit geltendem EU-Recht kollidieren. Fachleute halten es deshalb für möglich, dass Gerichte oder auch die EU-Kommission eine stärkere Verpflichtung der Netzbetreiber oder alternative Umsetzungswege einfordern.

Fazit: Klarheit, aber keine einfache Lösung

Die Bundesnetzagentur hat mit ihrem Kurswechsel einen pragmatischen Weg für die Umsetzung von Energy Sharing aufgezeigt. Einfach wird das Modell dadurch aber nicht. Die offenen rechtlichen Fragen und die freiwillige Marktrolle der Lieferanten machen Energy Sharing vorerst zu einem Nischenprodukt. Entscheidend bleibt, ob und wie das Gesetz an die neuen Rahmenbedingungen angepasst wird, ob es möglicherweise wieder grundlegend verändert oder sogar aufgegeben wird und welche Folgen mögliche rechtliche Anfechtungen hätten.

Unsere Kolumnistin Constanze Adolf leitet den Stabsbereich Energiewirtschaft: Strategie & Wissen bei Items, einem Dienstleister für die Energiewirtschaft. In der Kolumne "Megawatt & Paragrafen" bringt die promovierte Politologin regelmäßig auf den Punkt, was Stadtwerke, Netzbetreiber und kommunale Entscheider über neue Gesetze, Verordnungen, politische und energiewirtschaftliche Trends wirklich wissen müssen. Ihr letzter Beitrag: "Mispel-Verzug: Wieder droht eine Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit"

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