„Solarenergie wird der neue König des weltweiten Strommarktes. Nach heutigen Rahmenbedingungen wird Photovoltaik nach 2022 jedes Jahr einen Rekord bei neuen Kapazitäten aufstellen“, sagte Fatih Birol, Chef der Internationalen Energieagentur (IEA) bei der Vorstellung des World Energy Outlook 2020.
Photovoltaik sei mittlerweile in den meisten Ländern durchgängig kostengünstiger als neue Kohle- oder Gaskraftwerke. Sie werde die günstigste Stromquelle, die die Welt je gesehen habe, unterstrich Fatih laut einer Pressemitteilung der IEA.
Nur kurzfristiger Dämpfer für die Erneuerbaren durch Corona
Corona habe die Wachstumsraten der erneuerbaren Energien nur kurzfristig gebremst, prognostiziert die IEA. Ihre Aussichten zeigten sich deutlich stabiler als die von Öl, Gas und Kohle. So erreichten die Erneuerbaren im Gegensatz zu den fossilen Energien das Vorkrisenniveau voraussichtlich bereits im kommenden Jahr wieder und legten dann weiter kräftig zu.
Laut einem eher konservativen „Stated Policies Scenario“ der IEA deckten die Erneuerbaren innerhalb der kommenden Dekade 80 Prozent des steigenden Strombedarfs. Wenn Regierungen und Investoren ihre Bemühungen für saubere Energien laut dem „Sustainable Development Scenario“ noch weiter verstärkten, könnte „das Wachstum der Photovoltaik und Windkraft sogar noch weit spektakulärer“ ausfallen, so Birol.
Herausforderung der nötigen Investitionen bei anhaltender Rezession
Entsprechend prognostiziert die IEA in ihrem „Sustainable Development Scenario“ ein starkes Wachstum von grünem Wasserstoff, CO2-Speicherung und -abtrennung sowie ein „neues Momentum“ für die Kernkraft.
Doch sieht die Studie auch bei den Erneuerbaren die Herausforderung der nötigen Investitionen, vor allem in dem Falle, dass sich die Corona-Pandemie weiter hinziehe. Insbesondere Investitionen in noch junge Technologien wie grüner Wasserstoff oder die CO2-Speicherung könnten dann leiden.
Kräftige Investitionen in Stromnetze nötig – Kohle schrumpft
Zudem unterstreicht der World Energy Outlook, dass das starke Wachstum der Erneuerbaren mit „kräftigen Investitionen“ in Stromnetze Hand in Hand gehen müsse. Denn ansonsten drohten Engpässe in der Transformation des Stromsektors mit negativen Folgen für die Versorgungssicherheit.
Für die fossilen Energien sind die Aussichten weit weniger rosig als für die Erneuerbaren, macht die IEA-Studie deutlich. 2020 fällt die Kohle-Nachfrage mit sieben Prozent so niedrig aus wie seit mehr als zehn Jahren nicht. Die Studienautoren rechnen damit, dass sich die Nachfrage nicht wieder erholt und am stärksten in Europa und den USA zurück geht. So ist die Zahl der Kohlekraftwerke weltweit im ersten Halbjahr 2020 erstmals geschrumpft.
Ende des Ölbooms – Erdgas wächst, doch weniger als erwartet
Auch der Ölboom wird laut IEA bald der Vergangenheit angehören. „Die Ära des weltweiten Wachstums der Ölnachfrage wird in der kommenden Dekade zu einem Ende kommen“, konstatiert Birol. Wenn sich die Wirtschaft nach Corona wieder schnell erhole, könne die Ölnachfrage zwar wieder anziehen, doch würde dann voraussichtlich ab 2030 wieder abflachen.
Die IEA erwartet, dass Erdgas weiter zulegt, vor allem aufgrund einer wachsenden Nachfrage aus Asien. Allerdings hänge dies davon ab, wie schnell sich Länder und Regionen wie China, Indien und Südostasien von der COVID-19-Krise erholten. Bis 2030 rechnen die Studienautoren damit, dass die Nachfrage nach Gas aufgrund der Rezession um mindestens zwei Prozent weniger zulegen wird als bisher prognostiziert.
Kehler bleibt optimistisch
Optimistisch interpretiert jedoch Timm Kehler, Vorstand der Brancheninitiative Zukunft Erdgas, die IEA-Prognosen. „Der World Energy Outlook zeigt, dass es auch in der Krise eine stabile Nachfrage nach Erdgas gibt“, erklärte Kehler in einer Pressemitteilung. Die IEA erwarte zwar für 2020 einen Rückgang beim Erdgas von 3 Prozent, doch sei dies weit weniger als bei Öl oder Kohle.
Zudem prognostiziere der Bericht in seinen beiden Hauptszenarien bei Gaskraftwerken einen erforderlichen Zuwachs von 8 Prozent bis zum Jahr 2030 in der EU. Auch erkenne der Bericht die Rolle von Erdgas bei einer schnellen Einsparung von CO2 an und unterstreiche die Bedeutung von grünen Gasen, also Biogas und Wasserstoff, für das Gelingen der Dekarbonisierung, so Kehler. (hcn)
