Drohnenangriffe sind in der Ukraine an der Tagesordnung: In Litauen fürchtet man die Kriegsmaschinen ebenso.

Drohnenangriffe sind in der Ukraine an der Tagesordnung: In Litauen fürchtet man die Kriegsmaschinen ebenso.

Bild: © Julia Demaree Nikhinson/AP/dpa

Bewaffnete Sicherheitskräfte an Umspannwerken, Drohnenabwehrsysteme an kritischen Anlagen, gemeinsame Ersatzteilreserven mit Lettland und Estland: Litauen hat den Schutz seiner Energieinfrastruktur in den vergangenen Jahren systematisch ausgebaut. 113 Millionen Euro an EU-Kofinanzierung fließen in ein Programm, an dem auch Polen beteiligt ist. Das kleine Land an der Ostflanke Europas ist dabei zum Vorreiter geworden: Mit Grenzen zu Belarus und zur russischen Exklave Kaliningrad handelt es aus einer Bedrohungslage heraus, die in Westeuropa kaum vorstellbar ist.

Andrius Šemeškevičius, Vorstandsvorsitzender von Litgrid, dem litauischen Übertragungsnetzbetreiber, erklärt im ZFK-Gespräch, wie sein Unternehmen Cyber-, physischen und sensorischen Schutz verzahnt, warum erneuerbare Energien zur Sicherheitsstrategie gehören – und was Deutschland von Litauen lernen kann.

In der deutschen Energiebranche wird intensiv diskutiert, wer die Netze vor Drohnen und Sabotage schützen soll – Staat oder Betreiber. Wie ist das in Litauen organisiert? 

In Litauen arbeiten wir eng mit den staatlichen Sicherheitsdiensten zusammen. Wir haben unsere Objekte nach Verwundbarkeit eingestuft. Es gibt physischen Schutz, an wichtigen Anlagen sogar Kollegen mit Waffen, hinzu kommen Systeme zur Drohnenerkennung und -abwehr. Als Unternehmen haben wir das Recht, eine Drohne abzuwehren, wenn sie in unser geschütztes Gebiet eindringt. Wichtig ist auch, die Bürger zu informieren: Wer eine zivile Drohne fliegt, muss vorher prüfen, ob das im jeweiligen Gebiet erlaubt ist. 

Wem sind die bewaffneten Kräfte unterstellt?  

Die Sicherheitsleute sind Teil der staatlichen Streitkräfte, mit denen wir Verträge für die Zusammenarbeit geschlossen haben. 

Wie bewerten Sie die Zusammenarbeit mit den Sicherheitskräften? 

Sie funktioniert sehr gut. Mit den Streitkräften machen wir auch gemeinsame Tests und Übungen, um zu klären, was es für den physischen Schutz braucht. Ich wünschte, wir hätten das schon vor 20 Jahren so aufgebaut, nicht erst jetzt. Aber besser jetzt als noch später.  

Worauf sollten andere Länder beim Schutz ihrer Netze besonders achten? 

Aus meiner Sicht gibt es drei Ebenen: Cybersicherheit, physischen und sensorischen Schutz; letzteren etwa durch Drohnenerkennung. Beim physischen Schutz muss jedes Land nach seiner eigenen Geografie entscheiden. Die Perimeter von Umspannwerken müssen an jeder Stelle geschützt werden, etwa gegen einen Lkw voller Sprengstoff. In unserer Lage, mit Grenzen zu Belarus und zur russischen Exklave Kaliningrad, denken wir zusätzlich an den Schutz vor Drohnen, die Sprengstoff abwerfen können. 

Andrius Šemeškevičius im Porträt.
Andrius Šemeškevičius ist CEO beim litauischen Übertragungsnetzbetreiber Litgrid.Bild: © Litgrid

Andrius Šemeškevičius

CEO bei Litgrid

Andrius Šemeškevičius ist seit Februar 2026 Vorstandsvorsitzender von Litgrid, dem litauischen Übertragungsnetzbetreiber mit Sitz in Vilnius. Zuvor leitete er elf Jahre lang als Technikvorstand den Telekommunikationskonzern Telia Lietuva. Šemeškevičius hat Informatik an der Technischen Universität Vilnius studiert und Executive-Programme an der Universität Oxford sowie der Wharton School der Universität Pennsylvania absolviert.

Wie sieht Ihr Resilienzprogramm konkret aus? 

Es ist in etwa 15 Projekte unterteilt. Insgesamt kommen wir auf rund 150 Einzelmaßnahmen an mehr als 60 Standorten, die für unser Land und unser Energiesystem kritisch sind. Alle Details kann ich dazu nicht offenlegen.  

Gibt es Details, die Sie teilen können? 

Ein Teil der Resilienzstrategie ist die Bevorratung kritischer Bauteile. Manche Komponenten lassen sich nicht ab Lager kaufen, die Lieferzeit beträgt drei bis fünf Jahre. Wird ein Netzknoten beschädigt, können wir ihn so trotzdem schnell ersetzen. Mit unseren lettischen und estnischen Kollegen haben wir uns in einigen Bereichen für gemeinsame Reserven entscheiden – das bringt Effizienz und Tempo, und mit demselben Geld deckt man eine größere Vielfalt an Bauteilen ab. Eine zentrale Maßnahme ist außerdem Harmony Link, unser Onshore-Interkonnektor mit Polen: Er schafft mehr Resilienz für unsere Synchronisation mit Kontinentaleuropa und als positiven Nebeneffekt mehr Energiehandel zwischen Litauen, den baltischen Staaten und Polen. 

Sie zählen die erneuerbaren Energien selbst zur Energiesicherheit. Wie groß ist ihr Anteil heute? 

Wir decken rund 33 Prozent unseres Strombedarfs allein über Windparks. Die jüngste Krise im Nahen Osten und der damit verbundene Ölpreisschock haben gezeigt: Weil wir so viel erneuerbare Erzeugung aufgebaut haben, sind wir deutlich resilienter gegenüber fossilen Preisschocks. Derzeit haben wir über sechs Gigawatt an installierter Solar- und Windleistung – Tendenz steigend. An guten Tagen ist das drei- bis viermal mehr Kapazität, als das Land verbraucht. Wir sind dadurch zum Energieexporteur geworden. 

Welche Rolle spielen Speicher dabei? 

Wir betreiben eines der größten Pumpspeicherwerke in diesem Teil Europas. Inzwischen wurden in Litauen auch Anreize für Batteriesysteme geschaffen. Aus unserer Sicht sind Batterien entscheidend für die Netzstabilität und für das Kappen von Preisspitzen.  

Gerade in diesem Jahr konnten wir einen großen Erfolg feiern. Zehn Jahre lang haben wir Strom aus der schwedischen Gebotszone importiert, durch unsere erneuerbare Erzeugung konnten wir den Spieß jetzt umdrehen. 

Der Schutz kritischer Infrastruktur ist teuer. Trägt der Staat die Kosten, oder sind es die Unternehmen selbst? 

Wir arbeiten sehr eng mit dem Energieministerium zusammen, das uns ohnehin indirekt kontrolliert. Litgrid ist zwar börsennotiert, aber nur ein kleiner Teil ist im Streubesitz, der Rest liegt beim Staat. Es gibt eine klare Übereinkunft zwischen Politik und Gesellschaft, dass die Sicherheit des Energiesektors wesentlich ist – für Investitionen, für die Industrie, für das tägliche Leben im Land. Deshalb investieren wir auch Millionen Euro jedes Jahr. Insgesamt stecken wir über 150 Millionen Euro in unser aktuelles Resilienzprogramm, dass insgesamt vier Jahre läuft. Das klingt für das kleine Litauen zwar nach viel, ist aber nur ein Bruchteil dessen, was größere Staaten wie Deutschland oder Polen ausgeben müssen.  

Für unser Programm zum Schutz kritischer Infrastruktur, an dem auch Lettland, Estland und Polen teilnehmen, haben wir 113 Millionen Euro an EU-Kofinanzierung erhalten.  

Welche Rolle spielt der Regulierer? 

Der Sektor ist reguliert, deshalb stimmen wir eng ab, welche Investitionen in den Netztarif einfließen können. Vor wenigen Wochen hat der EU-Energierat eine neue Zehn-Jahres-Regulierung verabschiedet. Unser Energieministerium hat mit großem Einsatz durchgesetzt, dass eine eigene Kategorie für Schutz, Resilienz und Wiederherstellung der Energieinfrastruktur Teil dieser Regulierung ist. Es gab durchaus Uneinigkeit zwischen den Mitgliedsländern, einige hielten das Thema für weniger kritisch, andere sahen es wie wir. Am Ende stand ein Kompromiss. Enge Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen politischen Ebenen bringt eben Ergebnisse. 

Wo sehen Sie die größten Verwundbarkeiten für Europa in den kommenden fünf Jahren? 

Das ist schwer vorherzusagen. Wir haben in Europa bereits Stromausfälle gesehen, ein Grund dafür ist die große Menge an Erneuerbaren im System. Wir müssen die Systemstabilität deshalb anders betrachten, brauchen mehr Reserven und schnellere Reaktionen. Wir dürfen uns keine großen Fehler erlauben, weil ein Land im Verbundnetz ein anderes beeinflussen kann. Gleichzeitig gilt: je mehr Verbindungen, desto stabiler insgesamt. Die Erneuerbaren sind also Herausforderung und Chance zugleich, wir müssen aus vergangenen Vorfällen lernen.  

Dazu kommt die Cybersicherheit: Sie ist der einfachste Weg, Schaden anzurichten, weil man aus jedem Land mit Internetzugang angreifen kann. Wir haben deshalb Cybersicherheitsgesetze, nach denen Erzeuger ab einer bestimmten Größe nicht von außerhalb der EU gesteuert werden dürfen und bestimmte Zertifizierungen durchlaufen müssen. Ein Grund dafür: Die meisten Wechselrichter werden in China produziert, auch die zugehörige Software stammt von dort. Würde gleichzeitig eine große Menge an Erzeugern abgeschaltet, könnte das gesamte Netz zusammenbrechen. 

Gibt es in Litauen bereits konkrete Beschränkungen für Technik aus China in der kritischen Infrastruktur? 

Litauen war eines der ersten Länder in Europa, das chinesische Hersteller vom 5G-Ausbau ausgeschlossen hat. Das war Teil der Auktionsregeln, als das Land begann, 5G-Netze aufzubauen. Da ich früher in der Telekommunikation gearbeitet habe, kenne ich das gut. Jetzt sprechen wir über den Energiebereich, wo ähnliche Regulierungen bereits in Kraft sind. Ich gehe davon aus, dass wir davon in Europa noch deutlich mehr sehen werden und müssen. 

Herr Šemeškevičius, vielen Dank für das Gespräch

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