Seit dem russischen Großangriff auf die Ukraine im Februar 2022 sieht sich Litgrid mit einer, so Vorstandschef Andrius Šemeškevičius, "unfassbaren Menge an Angriffen" konfrontiert. Durchtrennte Unterseekabel in der Ostsee, verirrte Drohnen aus dem Kriegsgebiet, hybride Operationen gegen Energieinfrastruktur: Die Bedrohungslage hat sich seither grundlegend verändert und betrifft längst nicht mehr nur die unmittelbaren Nachbarn Russlands.
Im zweiten Teil des ZFK-Gesprächs spricht Šemeškevičius darüber, was Litauen von der Ukraine lernt, wie die Zusammenarbeit mit Polen und dem deutschen Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz funktioniert und warum ihn nicht der bekannte, sondern der unbekannte Feind nachts wachhält.
Wie hat sich die Bedrohungslage seit dem russischen Großangriff auf die Ukraine 2022 entwickelt?
Aus meiner früheren Zeit im Telekommunikations- und IT-Sektor kenne ich die zunehmende Gefahr aus dem Osten schon lange. Aber seit dem Großangriff auf die Ukraine 2022 sehen wir uns mit einer unfassbaren Menge an Angriffen konfrontiert. Durch die starke baltische Unterstützung für Kiew geraten wir zusätzlich stärker ins Visier unserer Feinde.
Wie schützen Sie sich?
Als Übertragungsnetzbetreiber ergreifen wir alle erdenklichen Maßnahmen, die uns zur Verfügung stehen, wie Segmentierung oder klare interne Verfahren. Trotzdem gibt es bei Cybersicherheit nie einen hundertprozentigen Schutz, weil sich die Bedrohungen ständig weiterentwickeln.
Worin liegen die unterschiedlichen Herausforderungen beim Schutz vor physischen und digitalen Angriffen?
Physischen Schutz baut man im Grunde einmal in zehn Jahren. Wenn ein Beton-Sarkophag fertig ist, kann man sagen: Dieses Objekt ist geschützt. Im Cyberbereich ist das völlig anders. Cyberverteidigung ist jeden Tag, jede Stunde.
Die Bedrohungslage ist leider weitaus komplexer. Wir haben hybride Angriffe in weiten Teilen Europas gesehen. In osteuropäische Ländern haben sich zudem Drohnen direkt aus dem Kriegsgebiet verirrt. Deshalb dürfen wir die Gefahren nie isoliert betrachten. Die hybride Bedrohung ist real und stellt derzeit das größte Risiko für Europa dar.
Unterseekabel in der Ostsee wurden bereits mehrfach angegriffen. Kann man solche Infrastruktur angemessen schützen?
Eine Methode ist etwa die Ummantelung mit Spezialbeton, damit die Kabel nicht mehr einfach durchtrennt werden können. Aber die Angriffe sind schwer abzuwehren, da sie häufig von vermeintlich zivilen Schiffen durchgeführt werden – sie sind Teil der hybriden Bedrohung.
Der wirtschaftliche Schaden, der durch solche Angriffe entsteht, ist immens. Unsere Geografie macht den Schutz sehr schwer. Für Verbindungen haben wir eben entweder die Ostsee oder unsere polnischen Freunde. Deshalb bauen wir mit Harmony Link einen zweiten, über Land verlaufenden Interkonnektor mit Polen auf.

Andrius Šemeškevičius
CEO bei Litgrid
Andrius Šemeškevičius ist seit Februar 2026 Vorstandsvorsitzender von Litgrid, dem litauischen Übertragungsnetzbetreiber mit Sitz in Vilnius. Zuvor leitete er elf Jahre lang als Technikvorstand den Telekommunikationskonzern Telia Lietuva. Šemeškevičius hat Informatik an der Technischen Universität Vilnius studiert und Executive-Programme an der Universität Oxford sowie der Wharton School der Universität Pennsylvania absolviert.
Wie verteidigt man die Ostsee gegen solch hybride Angriffe?
Wir unterstützen die Regierung dabei, die Lage in der Ostsee zu beobachten und im Ernstfall schnell zu reagieren. Diese arbeitet wiederum mit Finnland, Estland und Schweden zusammen. Sie verstehen, dass ich hier nicht ins Detail gehen kann. Die Zusammenarbeit macht uns stärker. Aber die Ostsee ist nun mal groß und die Kabel lang, ein gewisses Risiko wird immer bleiben.
Sie kooperieren eng mit der Ukraine. Was lernen Sie dort für den eigenen Netzschutz?
Wir senden Ausrüstung. Im Gegenzug teilen die Ukrainer ihr Know-how mit uns. Es gibt regelmäßige Besuche und ständigen Austausch, denn die kritische Energieinfrastruktur ist in der Ukraine das Angriffsziel Nummer eins. Wir gehen davon aus, dass bei einer Sabotage gegen unsere Länder ebenfalls der Energiesektor im Fokus stünde. Eine konkrete Maßnahme, die wir von unseren ukrainischen Freunden gelernt haben, ist die dezentrale Steuerbarkeit unserer Energiesysteme. Aber auch hier bitte ich um Verständnis, dass ich nicht in Details einsteigen kann.
Wie eng ist die Zusammenarbeit mit Polen und Deutschland?
Mit Polen haben wir eine ausgezeichnete Zusammenarbeit – unsere Kollegen tauschen sich regelmäßig aus, um voneinander zu lernen. Mit Deutschland kooperieren wir vor allem beim baltisch-deutschen Stromleitungsprojekt, insbesondere mit dem Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz. Das ist sehr konstruktiv: Die Erfahrung der Kollegen von 50Hertz hilft uns sehr dabei, das Projekt nach vorne zu bringen.
Zum Schluss: Was ist Ihr Worst-Case-Szenario, was hält Sie nachts wach?
Ich denke nicht in Worst-Case-Szenarien. Ich habe ein starkes Team und ich weiß, dass sie jeden Tag ihr Bestes tun. Trotzdem schlafe ich nicht besonders gut, es gibt immer neue Herausforderungen, die man im Blick haben muss.
Wenn ich wirklich mal das Gefühl habe, dass wir in einem Bereich komplett geschützt sind, muss ich davon ausgehen, dass wir etwas übersehen haben.
Denn das Risiko kommt meist aus der Ecke, an die man gar nicht denkt. Für die bekannten Risiken haben wir Pläne, wir wissen, was zu tun ist. Aber die Herausforderung liegt im Unbekannten. Das hält mich wach.
Herr Šemeškevičius, vielen Dank für das Gespräch.