Hilft das Mitte Mai auf den Weg gebrachte REpowerEU-Paket Stadtwerken dabei, sich unabhängig vom russischen Erdgas zu machen? Über diese Frage wurde auf der Gas-Tagung des Handelsblatts kontrovers diskutiert. Eva Hennig, Leiterin Energiepolitik bei der Thüga, outete sich als Biomethanfan. Durch die Erdgaskrise gebe es Rückenwind für das von der Politik lange vernachlässigte Thema. Hierzulande seien von den rund 9500 Biogasanlagen bislang viel zu wenige am Netz. Das müsse sich schnellstmöglich ändern. „Die Strategie der Begrünung der Gasnetze wird sich dadurch nicht ändern. Wir Gaser können eigentlich alles verarbeiten“, betonte sie.
Perspektivisch werde es regionale Unterschiede bei den grünen Gasen geben: In einigen Gebieten gebe es mehr Biomethan, in anderen mehr Wasserstoff. Als wenig hilfreich bezeichnete Hennig die hitzige Debatte über einen Rückbau der Gasnetze, die geführt werde, ehe überhaupt der erste lokale Nutzungsplan auf dem Tisch liege.
Industrie unter Druck
Wie sehr die Industrie unter Druck steht, um vom Erdgas wegzukommen, verdeutlichte Johann Overath, der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Glasindustrie. 77 Prozent des Energieeinsatzes der Branche sei aktuell erdgasbasiert. Der Wunsch, die Produktion zu dekarbonisieren sei riesig. Man hoffe auf den Einsatz von Wasserstoff. Viele Technologien, die grundsätzlich in Frage kämen, seien jedoch noch nicht marktreif, führte Overath aus. Klar sei, dass man Gase auch weiterhin benötigen werde. Nur mit Strom sei die Mammutaufgabe nicht zu bewältigen.
Auf die politische Debatte angesprochen, äußerte sich Overath kritisch. „In Deutschland muss immer alles super-grün, puristisch und perfekt sein. So kommen wir aber nicht weiter.“ Man müsse auch mal fünfe grade sein lassen, etwa indem man in der Phase des Hochlaufs auch auf grauen Wasserstoff setze statt ausschließlich auf grünen.
Holtmeier: Sicherheit in die Märkte bringen
Auch Ex-Gasag-Chef Gerhard Holtmeier, der Beiratsmitglied von Zukunft Gas ist, ging hart mit der Politik ins Gericht. „Wir haben eine akute Krise auf der Stadtwerke-Ebene. Viele Stadtwerke haben schlicht und ergreifend Liquiditätsthemen.“ Bei REpowerEU handele es sich letzten Endes um ein „Notprogramm“, mit dem die Politik einen großen Fehler mache. „Wir versuchen final, Planwirtschaft in die Liberalisierung reinzubringen, statt uns die Frage zu stellen, wie wir langfristige Sicherheit in einen Markt hineinbekommen – wenn wir denn einen Markt wollen.“
Langfristig brauche es Diversifizierung, nicht nur im Einkauf, sondern auch im Endkundenmarkt. „Wir benötigen mehr denn je verschiedene Lösungen für verschiedene Kunden mit verschiedenen Bedürfnissen. Wenn wir wieder nur auf einen Energieträger, also Strom, setzen, wiederholen wir doch nur die Fehler der Vergangenheit.“
Doktert die Politik herum?
Holtmeier vermisst einen „vernünftigen Rechtsrahmen“, der Investitionen ermögliche. Im Moment würden wichtige Projekte nur dann vorangetrieben, wenn Fördergelder fließen. Es sei Aufgabe der Politik, fundamentale Leitplanken zu setzen, statt „nur herumzudoktern“. (amo)

