"Wir sind vieler Dinge inzwischen überdrüssig", sagte Stefan Küppers, Vorstandsvorsitzender des Forums Netztechnik/Netzbetrieb im VDE und Geschäftsführer Spezialtechnik/Digitalisierung bei Westnetz zum Beginn dem diesjährigen Fachkongresses "Zählen, Messen, Prüfen" (ZMP) des Verbands VDE|FNN in Leipzig. Dies sei der dritte ZMP-Kongress, bei dem er verkünde, es gehe los mit dem Smart Meter Rollout. Es gelte jetzt aber darum, nicht Trübsal zu blasen, sondern die Sache anzupacken. "Lassen Sie uns in den Rollout starten – jetzt", forderte Küppers die Teilnehmer des Fachkongresses auf.
Einiges hätte sich inzwischen getan: Es gebe ein zertifiziertes Gateway, die zwei anderen erwarte er im September. Zudem sei der erste Monitoringbericht zum Digitalisierungsbarometer erschienen. Daraus lassen sich zwei Erkenntnisse schließen: Der Kundennutzen muss in den Fokus rücken und es sei ein übergreifendes Projektmanagement für bessere Zusammenarbeit nötig.
Neuvergabe der 450-MHz-Frequenz
Weitere Baustellen, die noch zu meistern sind: der Ordnungsrahmen sei festzulegen, Marktprozesse müssen gestaltet, Hard- und Software entwickelt werden und die Steuerbarkeit endlich mehr Priorität erhalten.
Ein Thema, das ebenfalls auf der Agenda steht: Die Vergabe der 450-MHz-Frequenz, um die nicht nur die Energiewirtschaft als KRITIS-Infrastruktur, sondern auch die Bundeswehr und die innere Sicherheit buhlen. Dieses Jahr noch wird sich die Bundesnetzagentur entscheiden, an wen sie die Frequenzen vergibt. Im ungünstigsten Falle, so hieß es unter Teilnehmern der Konferenz, entscheide sich die Agentur, die drei vorhandenen Spannungsbänder unter den drei Bereichen aufzuteilen. Dies sei die schlechteste Lösung.
Neuer Lenkungskreis Metering und Digitalisierung gegründet
Ziel des VDE|FNN ist es, dass der Frequenzbereich den Energieversorgern zugewiesen wird. Dies sagte Peter Wilms, Vorsitzender des im September neugegründeten Lenkungskreises Metering und Digitalisierung des VDE|FNN sowie Leiter Technologie bei Innogy Metering.
Der neue Lenkungskreis hat sich die Chancen der Digitalisierung für den Netzbereich auf die Fahnen geschrieben. Dazu gehören die Bewirtschaftung von Flexibilitäten und damit deren Steuerung, Informationssicherheit sowie Kommunikationstechnologien und die Weiterentwicklung der Kommunikationsplattform über das intelligente Messsystem.
Ziele des Lenkungskreises
Konkret sollen Anwendungsfälle für die nächste Generation der Gateways priorisiert werden, der Kundennutzen gesteigert sowie nachhaltige Gateways durch Update-Fähigkeit und interoperable Geräte angestrebt werden.
Bundeswirtschaftsministerium gibt Versäumnisse zu
Gerlind Heckmann, Vertreterin des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWi) nannte den Titel der diesjährigen ZMP "Tschüss Labor, Hallo Welt" sehr treffend. "Es wird Zeit, dass wir aus dem Labor in die reale Welt kommen", forderte sie. Auch aus Berliner Sicht trete nun die Digitalisierung in der Energiewirtschaft ein. "Wir arbeiten im BMWi mit Hochdruck daran, dass die iMSys auf den Markt kommen", bekräftigte sie.
Heckmann gab aber auch zu: "Die Zusammenarbeit aller Akteure muss intensiver werden, der Plattformgedanke wird nicht überzeugend gelebt." Derzeit sei man dabei, sich strukturell anders aufzustellen, man habe die Kritik am Bundeswirtschaftsministerium und seiner schlechten Koordination bei der Energiewende zur Kenntnis genommen und nehme sie ernst.
Akteure zusammenbringen
Allerdings müsse die Digitalisierung der Energiewende auch als Chance begriffen werden. "Sowohl für Verbraucher, als auch für innovative Geschäftsmodelle." Derzeit sei man im BMWi sehr stark dabei, die Akteure zusammenzubringen, dazu gehören auch die Behörden, so Heckmann, um den Prozess voranzutreiben.
Größte Herausforderung sei die Standardsetzung bei der künftigen Plattform. "Offene Standards sind der Schlüssel", bekräftigte Heckmann. Individuallösungen seien hingegen falsch. Deutschland soll Vorreiter werden und auch international den Maßstab setzen.
Umdenken ist gefragt
Wo es bereits eine erfolgreiche Digitalisierung gibt, machte Helmut Edelmann, Director Utilities bei der Unternehmensberatung E&Y, deutlich: in der Musikindustrie. Von der Schallplatte bis hin zu Streamingdiensten, die sich per Sprachsteuerung überall herunterladen lassen, habe dort eine komplette Digitalisierung stattgefunden – in mehreren Schritten.
Allerdings sei die die Tonqualität einer Schallplatte nicht mit gestreamten Diensten vergleichbar, wenn auch für den Hörer letztlich so gut wie nicht zu erkennen. "Digitalisierung ist immer mit einem Informationsverlust verbunden", so Edemann. Allerdings seien auch nicht alle Informationen für die Verbraucher relevant. Wer versuche, analoge Informationen und Prozesse 1:1 auf digitale Medien zu übertragen, werde die Vorteile der Digitalisierung nicht heben, ist sich Edelmann sicher.
Plattformgedanke wird noch nicht richtig gelebt
Um das ganze Potenzial der Digitalisierung in der Energiewirtschaft zu heben, brauche es einen Paradigmenwechsel. "Ich muss Themen anders angehen", konkretisiert Edelmann. Im Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende habe dieser Paradigmenwechsel noch nicht stattgefunden, so sein Urteil. Es gebe viele manuelle Prozesse sowie Medienbrüche, der Vernetzungsgrad sei gering. Zudem seien die Gateways nicht nur für die digitale Abrechnung im Strombereich gedacht, sondern auch für Gas, Wasser und Wärme.
Sein wichtigstes Anligen: Den Plattformgedanken mit dem Gateway im Zentrum stärker zu leben. Ansonsten sei nicht nur die Digitalisierug der Energiewende, sondern die ganze Energiewende, in Gefahr. (sg)



