ZfK: Frauen sind besser qualifiziert denn je. Wie ist es zu erklären, dass in diesen Zeiten immer noch verhältnismäßig wenige Frauen in herausgehobenen Führungspositionen bei kommunalen Versorgern zu finden sind?
Katherina Reiche: Das ist ein Thema, das nicht nur die Kommunalwirtschaft betrifft: Die AllBright-Stiftung hat in den 160 größten börsennotierten Firmen in Deutschland zusammen 697 Vorstandsmitglieder gezählt, darunter waren allein 60 Männer mit den Vornamen Thomas oder Michael – aber insgesamt nur 56 Frauen. Ein sich selbst erhaltendes System: Ein Thomas rekrutiert instinktiv einen Thomas, der ihm ähnlich ist, und so weiter – der sogenannte "Thomas-Kreislauf", in dem Frauen wenig Chancen haben.
Ohne die Leistung der Frauen wäre der Wirtschaftsstandort Deutschland nicht Weltspitze. Als Unternehmerinnen schaffen Frauen neue Produkte und Dienstleistungen. Als Entscheiderinnen arbeiten sie an der Zukunft unseres Landes mit. Frauen stellen rund die Hälfte der Bevölkerung und 46,5 Prozent der Erwerbstätigen – und sie sind sehr gut ausgebildet: Mehr als die Hälfte der Abiturienten, rund 50 Prozent der Hochschulabsolventen und rund 45 Prozent der Promovierenden sind weiblich. Immer wieder bestätigen Studien, dass Unternehmen, in denen Frauen auch ganz oben mit entscheiden, wirtschaftlich erfolgreicher sind als Unternehmen, in denen weibliche Mitarbeiter auf der Karriereleiter stehen bleiben. Ein Grund dafür ist sicher auch, dass gemischte Führungsgremien für einen frischen Wind in der Unternehmenskultur sorgen – und das motiviert. "Mixed Leadership" muss selbstverständlich werden.
Die Kommunalwirtschaft öffnet, bewegt und vernetzt sich. Das zeigt die wachsende Zahl an Frauen an ihrer Spitze. Die größeren Städte liegen hier vorne: In der Metropolregion Frankfurt/Rhein-Main wird zum Beispiel der Energieversorger Entega unter anderem von Marie-Luise Wolff und der Wasserversorger Hessenwasser von Elisabeth Jreisat geleitet.
Dennoch liegt der Anteil der Frauen in den Führungsetagen der öffentlichen Unternehmen bei unter 30 Prozent, wie im Jahr 2018 die Organisation Frauen in die Aufsichtsräte (FidAR) analysierte. Es gibt also wichtige Hausaufgaben zu erledigen. Die Unternehmen müssen sich weiter öffnen und mehr Frauen für wichtige Posten besetzen. Die Behauptung, es würde sich ja keine qualifizierte Frau für eine bestimmte Position finden, entpuppt sich spätestens dann als faule Ausrede, wenn man denn ernsthaft sucht – und findet! Die Branche muss zeigen, wie attraktiv und spannend sie ist.
Bei wichtigen Branchenverbänden, zum Beispiel dem VKU oder auch dem BEE, haben Frauen wichtige Führungspositionen inne. Wo sehen Sie die Gründe für die Entwicklung?
Mir fallen eine ganze Reihe erfolgreicher Frauen ein, die Verantwortung übernehmen, die gestalten und führen. Und das auffallend oft innerhalb agiler Unternehmensstrukturen. Unternehmen, die Offenheit, Flexibilität und Diversität fest in ihrer Kultur und Arbeitsweise verankert haben, gehen beim Thema "Frauen in Führung" voran. Die Vorteile liegen auf der Hand: Erfolg kommt durch divers besetzte Teams und Führungspositionen – bezogen auf Fachrichtungen, Qualifikationen und eben auch Geschlecht.
Der VKU hat diese Entwicklung erkannt und gestaltet diese im Verband: Flexible Arbeitszeitmodelle statt 9-to-5-Job, Kollaboration statt Silodenken, Weiterbildungsmöglichkeiten und agile Arbeitskonzepte fördern die Entwicklung aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Kulturwandel betrifft jede Organisation, aber das Rad muss nicht immer neu erfunden werden. Unternehmen können hier voneinander lernen.
Wie unterstützt der VKU seine Mitgliedsunternehmen bei dem Thema?
Stadtwerke und kommunale Unternehmen sind attraktive Arbeitgeber. Sie bieten gut bezahlte und sichere Arbeitsplätze, und zwar überall im Land. Diese Stärken müssen wir zeigen. Wir müssen uns noch mehr bemühen, Frauen und Mädchen für Naturwissenschaften und Technik und speziell auch für unsere Branchen zu begeistern.
Anlässlich des diesjährigen Weltfrauentags haben wir gemeinsam mit der Berliner Stadtreinigung (BSR) und unter Schirmherrschaft von Franziska Giffey, Bundesministerin für Familien, Senioren, Frauen und Jugend, Frauen in (bislang) männerdominierten Berufen in der Kommunalwirtschaft zum Thema gemacht. Auf einem BSR-Betriebshof haben wir Erfahrungen von Müllwerkerinnen aus ganz Deutschland ausgetauscht. Traditionell war es früher nicht denkbar, dass auch Frauen den Job an der Tonne machen können. Unser Netzwerktreffen hat gezeigt: Es geht und es werden immer mehr.
Auch die Frauen selbst müssen "springen", haben Sie in einem Gastbeitrag für die "Netzwerkerinnen" (erschienen im Ch. Goetz Verlag) formuliert. Nehmen Frauen die Herausforderung, in eine Spitzenposition zu kommen, zu selten an? Und woran liegt es?
Noch nie hatten wir eine solch ambitionierte Frauengeneration wie heute. Doch die Hürde für Frauen ist nicht das Reinkommen, die Hürde ist das Hochkommen. Es sind oftmals nicht nur gläserne Decken, die den Frauen den Aufstieg verbauen. Unternehmen müssen sich ändern. Und Frauen müssen kommen und bleiben wollen.
Ich möchte Frauen ermuntern, ihren Weg zu gehen. Es gilt, Chancen zu ergreifen, Herausforderungen anzunehmen und den Wandel von innen mitzugestalten. Frauen haben in den letzten Jahrzehnten unglaublich viele Bereiche geprägt, egal ob in Wirtschaft, Politik, Kultur oder Gesellschaft. Die Erfolge sind jedoch kein Grund, sich zufrieden zurückzulehnen. Die Wegbereiterinnen haben das Aufbrechen von Strukturen nicht geschafft, indem sie auf Samtpfötchen durch die Welt geschlichen sind. Sie haben sich mit Disziplin, mit Ehrgeiz, mit großer Konsequenz und Rückgrat ihren Weg gebahnt. Wir sollten mehr über diese und unsere Erfolge sprechen.
Die Fragen stellte Elwine Happ-Frank
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Das Interview mit VKU-Hauptgeschäftsführerin Katherina Reiche ist Teil eines umfassenden Themenschwerpunkts und der Titel-Story in der am heutigen Montag erscheinenden Juni-Ausgabe der ZfK.



