Der Ausstieg aus russischem Erdgas ist in Europa politisch beschlossene Sache. Der Monitoringbericht der Agentur der Europäischen Union für die Zusammenarbeit der Energieregulierungsbehörden (Acer) zeigt jedoch: Vollzogen ist der Ausstieg noch nicht.
Demnach entfielen im Sommer 2026 weiterhin rund elf Prozent der gesamten Gasimporte der Europäischen Union auf Russland. Bezogen auf die Pipelineimporte lag der russische Anteil sogar bei 21 Prozent. Den Wert der russischen Gaslieferungen in die EU veranschlagt Acer im Berichtszeitraum auf rund zehn Milliarden Euro.
Acer fasst die Entwicklung als leichten Rückgang der russischen Versorgung zusammen. Im Vergleich zum Sommer 2025 gingen die russischen LNG-Importe um 2,2 Prozent zurück, die Pipelineimporte um drei Prozent.
Unterschiedliche Zeiträume, unterschiedliche Befunde
In der öffentlichen Debatte ist häufig von steigenden Gasimporten aus Russland die Rede. Das lässt sich vor allem durch unterschiedliche Betrachtungszeiträume und Abgrenzungen erklären. Frühere Auswertungen zeigten für das erste Quartal 2026 mehr russische LNG-Lieferungen als im Vorjahreszeitraum. Für die von Acer betrachtete Sommersaison 2026 ergibt sich dagegen ein anderes Bild: Die Importe waren leicht rückläufig.
Auch die globale Entwicklung darf nicht mit den EU-Importen gleichgesetzt werden. Im Zuge des Ausfalls katarischer LNG-Mengen stiegen die russischen LNG-Exporte weltweit laut Acer um rund fünf Milliarden Kubikmeter. Diese zusätzliche Menge floss jedoch nicht automatisch in die Europäische Union.
Die verbleibenden russischen Pipelineimporte gelangen laut Bericht im Wesentlichen über Turkstream in die EU. Die Leitung ist damit die letzte große aktive Route für russisches Pipelinegas in den europäischen Markt. Gleichzeitig ist die Flexibilität dieser Lieferquelle deutlich geringer als vor der Energiekrise. Acer verweist zudem darauf, dass die Versorgungssicherheit inzwischen stärker von Speichern und LNG-Importen abhängt.
Gesetzlicher Ausstieg erfolgt stufenweise
Der vollständige Ausstieg aus russischen Gasimporten kommt laut EU-Plan nicht mit einem einzigen Stichtag. Die "REPowerEU"-Gasregelung sieht ein schrittweises Verbot für russisches Pipelinegas und russisches LNG vor. Der November 2027 markiert dabei das Ende der geltenden Zeitschiene für den vollständigen Ausstieg.
Die Verordnung verpflichtet Acer außerdem, die verbleibenden russischen Gasverträge, Transitströme und die Folgen der Diversifizierung zu beobachten. Die Agentur will die Auswirkungen des Ausstiegs in ihrem Bericht für 2027 vertieft untersuchen.
Ersatzmengen stehen unter globalem LNG-Druck
Der Rückgang russischer Lieferungen fällt in eine Phase, in der der europäische Gasmarkt ohnehin unter Druck steht. Im Sommer 2026 sanken die LNG-Importe der EU insgesamt um 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Ausfall katarischer Mengen infolge der Störungen an der Straße von Hormus verschärfte die Konkurrenz mit asiatischen Abnehmern. US-LNG blieb mit rund 30 Prozent der gesamten EU-Gasimporte die wichtigste einzelne Bezugsquelle, obwohl auch die US-LNG-Importe um neun Prozent zurückgingen.
Für die europäischen Versorger bedeutet das: Die russischen Mengen müssen ersetzt werden. Ihr Ersatz ist jedoch nicht kostenlos und nicht jederzeit gleich flexibel verfügbar. Acer schätzt, dass die geopolitische Krise im Nahen Osten die Gasimportrechnung der EU im Sommer 2026 um 18 bis 33 Milliarden Euro erhöhte. Rund 30 Prozent der europäischen LNG-Importe stammen laut Bericht aus Spotmärkten. Damit steht Europa bei kurzfristig verfügbaren LNG-Ladungen immer wieder in Konkurrenz zum asiatischen Markt.
Versorgungssicherheit bleibt zentrale Aufgabe
Die verbleibenden russischen Importe sind für die EU mengenmäßig kleiner als vor der Energiekrise, aber noch relevant für die Marktbilanz. Das zeigt sich auch an den Speicher- und Importannahmen des Acer-Berichts. In einer Szenariorechnung setzt die Agentur für den Winter 2026/27 russische Pipelineimporte auf dem Niveau des vorangegangenen Winters an. Im Basisszenario könnten zugleich rund 78 Milliarden Kubikmeter LNG erforderlich sein, um einen vergleichbaren Winterverbrauch und Speicherfüllstand am Ende des Winters wie im Vorjahr zu erreichen.
Für Stadtwerke und andere Gasversorger verschiebt sich damit die zentrale Frage: nicht mehr, ob russisches Gas ersetzt werden muss, sondern wie der Ersatz in einem zunehmend globalisierten und preissensiblen LNG-Markt organisiert wird. Lieferverträge, Importinfrastruktur, Speicherbewirtschaftung und Nachfrageentwicklung werden bis zum vollständigen Ausstieg enger zusammenrücken.
Acer zeichnet ein Übergangsbild
Russisches Gas ist aus dem europäischen Markt weitgehend zurückgedrängt, aber noch nicht verschwunden. Die aktuellen Daten belegen keinen neuen starken Anstieg der russischen EU-Importe. Sie zeigen vielmehr, dass die verbleibenden Mengen trotz des bereits laufenden Ausstiegs noch einen relevanten Beitrag leisten – und dass der vollständige Ausstieg nach der geltenden Zeitschiene im November 2027 erreicht werden soll.