Ein Manometer zeigt den Druck im Erdgasnetz auf dem Gelände des Untergrund-Gasspeichers der VNG in Bad Lauchstädt an.

Ein Manometer zeigt den Druck im Erdgasnetz auf dem Gelände des Untergrund-Gasspeichers der VNG in Bad Lauchstädt an.

Bild: © Jan Woitas/dpa-Bildfunk

Die Sorge wächst, und die Appelle und Warnrufe werden lauter: Bei gerade einmal 50,06 Prozent liegt der durchschnittliche Füllstand der deutschen Gasspeicher. Vor einem Jahr waren es bereits knapp 67 Prozent. EU-weit lag der Füllstand am Mittwoch, 19. August, im Schnitt bei über 61 Prozent.

Die gesetzlich vorgeschriebenen Füllstände zum 1. November 2026 seien deshalb kaum noch erreichbar, warnte der Verband der Fernleitungsnetzbetreiber (FNB) eindringlich – selbst bei einer Einspeicherung von 1,2 Terawattstunden (TWh) pro Tag, dem höchsten Wert, der am Markt jemals beobachtet wurde. Aktuell liege die tägliche Einspeicherung bei weniger als 0,5 TWh. "Bleibt es dabei, wird der Füllstand zum Stichtag deutlich unter 71 Prozent liegen, zumal die Einspeicherleistung mit zunehmender Befüllung zurückgeht", schreibt der Verband.

Händler unter Druck

Zum 1. November müssten die deutschen Gasspeicher nach gesetzlichen Vorgaben grundsätzlich zu 80 Prozent gefüllt sein, mit einigen festgelegten Ausnahmen.

Auch das Bundeswirtschaftsministerium und die Bundesnetzagentur nahmen die Wirtschaft in die Pflicht. Die Füllung der deutschen Speicher sei "sehr gering", räumte eine Sprecherin des Ministeriums in Berlin ein. "Wir beobachten die Lage genau, auch im geopolitischen Kontext, und fordern die Händler auf einzuspeichern." Derzeit seien ungefähr 74 Prozent der Speicherkapazitäten gebucht.

Netzagentur-Chef Klaus Müller appellierte an die Händler. "Es ist ausreichend Gas verfügbar. Deshalb kann ich mir nicht vorstellen, dass ein Gashändler seinen Kunden erklären möchte, dass es im Winter nicht genug Gas gibt, weil er nicht ausreichend vorgesorgt hat", sagte er gegenüber T-Online. "Ich erwarte, dass die Gashändler ihrer Verantwortung nachkommen."

Flüssiggas kann Speicher nicht ersetzen

Der aktuelle Füllstand ist laut dem Verband der Fernleitungsnetzbetreiber der prozentual niedrigste seit mindestens 15 Jahren. Flüssiggas könne die Rolle der Speicher im Winter nicht ersetzen. Die inländischen LNG-Terminals könnten nur knapp zehn Prozent des Leistungsbedarfs aller Kunden an einem Wintertag beitragen. Liefermengen der Händler könnten daher nicht allein mit LNG abgesichert werden, sondern nur durch eine Kombination aus LNG- und Speichermengen.

Über Beschaffung sowie Zeitpunkt und Umfang der Einspeicherung entscheiden die jeweiligen Speicherkunden.

Aus technischer Sicht sei ein Erreichen des 80-Prozent-Ziels bis zum 1. November noch möglich, heißt es auf Anfrage bei EWE Gasspeicher. "Über Beschaffung sowie Zeitpunkt und Umfang der Einspeicherung entscheiden aber die jeweiligen Speicherkunden", so ein Sprecher des Gasspeicherbetreibers. EWE stelle lediglich die Speicherinfrastruktur bereit und vermarkte die entsprechenden Kapazitäten.

Marktdesign statt pauschaler Vorgaben

Der Vorschlag des Verbands der Fernleitungsnetzbetreiber sei sehr pauschal formuliert, so der EWE-Sprecher weiter. Mit Blick auf den kommenden Winter wäre eine Lieferantenverpflichtung vermutlich nur noch schwer umsetzbar. "Unseres Erachtens müsste ein entsprechendes Marktdesign entwickelt werden, sodass eine marktwirtschaftliche Speicherbefüllung möglich wäre", heißt es weiter aus Oldenburg. Eine ähnliche Forderung äußert bereits seit Jahren Deutschlands größter Gasspeicherbetreiber Uniper und nennt Frankreich als Vorbild.

Teures Gas bremst Befüllung

Massiv erschwert wird ein höheres Tempo bei der Gasspeicherbefüllung durch die Verteuerung von Erdgas an den Rohstoffmärkten. In den vergangenen zwei Wochen stieg der Preis um rund 20 Prozent. Der Preis für europäisches Erdgas stieg zeitweilig auf das höchste Niveau seit der Anfangsphase des Iran-Kriegs.

Der Erdgas-Terminkontrakt TTF für die Lieferung in einem Monat wurde an der Börse in Amsterdam zu 64,60 Euro je Megawattstunde (MWh) gehandelt. Das ist der höchste Stand seit Mitte März. Der Iran-Krieg hatte Ende Februar begonnen und den Gaspreis im März zeitweise bis auf etwa 70 Euro getrieben. Vor dem Krieg hatte der Preis bei etwa 30 Euro gelegen.

Lage am Persischen Golf bleibt angespannt

Der Markt spiegelt damit die Ernüchterung wider, dass sich eine dauerhafte Lösung des Konflikts und damit eine Normalisierung der Öl- und LNG-Lieferungen aktuell noch nicht abzeichnen. Der Anstieg der Preise verschärft die ohnehin zunehmend kritische Lage bei der Befüllung der deutschen Gasspeicher.

Je höher die Differenz, der sogenannte Spread, zwischen dem Sommerpreis für die Einspeicherung und dem Winterpreis für die Ausspeicherung ist, desto geringer sind die finanziellen Anreize zum zügigen Befüllen der Speicher.

Deutschland bezieht Gas aus mehreren Quellen

Deutschlands wichtigster Gaslieferant war lange Russland, das mit dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs aber wegbrach. Im Frühjahr 2022 wurden deshalb auf Betreiben des damaligen Wirtschaftsministers Robert Habeck (Grüne) Füllstandsvorgaben eingeführt, die seither gelockert wurden.

Auf die Frage, ob die Gasversorgung für den Winter gesichert sei, äußerte sich eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums nicht klar, sondern appellierte an die Verantwortung der Händler. Das Haus von Ministerin Katherina Reiche (CDU) argumentiert, dass Deutschland inzwischen Gas aus mehreren Quellen beziehe. "Fast die Hälfte unseres Gasbedarfs kommt aus Norwegen. Dazu bekommen wir Pipeline-Gas aus Frankreich und aus Belgien." Dazu werde über die deutschen Terminals Flüssiggas importiert, das zu einem Großteil aus den USA stamme.

Strategische Gasreserve geplant

Man sei jederzeit in der Lage, zu reagieren, versicherte die Sprecherin. "Oberste Priorität ist, die Versorgungssicherheit für den Winter zu gewährleisten." Künftig soll eine strategische Gasreserve die Versorgung sichern. Die Finanzierung ist aber noch unklar.

Bild: © ICIS

Eine Befüllung auf bis zu 70 Prozent bis Anfang November ist technisch möglich, aber wer soll es machen?

Andreas Schröder

Head of Energy Analytics (Gas, LNG) beim Preisinformationsdienst ICIS

"Es wird mit jedem Tag zunehmend knapper für die Erreichung der Ziele. Die Einspeicherung im Juli und August war viel zu langsam", resümierte Analyst Andreas Schröder vom Preisinformationsdienst ICIS. Eine Befüllung der Speicher auf bis zu 70 Prozent bis Anfang November sei technisch möglich, "aber wer soll es machen?"

Schröder zufolge bestehen bei den aktuellen Gaspreisen zu wenige Anreize, um die Gasspeicher ausreichend zu füllen. "Wir sehen, dass die rein kommerziell betriebenen Speicher wie Rehden in Deutschland und Bergermeer in den Niederlanden große Schwierigkeiten haben, Käufer zu finden", sagte er. Dort, wo staatliche Eingriffe vorgenommen worden seien, seien die Füllstände deutlich höher – beispielsweise in Italien, Polen, Frankreich und teilweise in den Niederlanden.

Analyst hält Markteingriffe für gerechtfertigt

Man habe es beim Thema Gasspeicher und Versorgungssicherheit mit einem potenziellen Marktversagen zu tun. Markteingriffe bis hin zu Verpflichtungen durch den Gesetzgeber könnten deshalb gerechtfertigt sein, kommentierte Schröder mit Blick auf die aktuelle Diskussion.

Die genaue Ausgestaltung sei allerdings offen. "Das Risiko ist stets, dass Kosten auf die Endverbraucher zukommen, so wie wir es einst mit der unbeliebten 'Gasumlage' in Deutschland erlebt haben." Die Kosten seien durch strikte Verpflichtungen zur Einspeicherung beim Marktgebietsverantwortlichen THE entstanden. Letztlich seien die Speicher gut befüllt worden, aber alle Gasverbraucher hätten dies bezahlen müssen.

Co-Autor*in:
Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper