Die IEA warnt vor einem weiteren Gaspreisanstieg und macht das an mehreren Faktoren fest.

Die IEA warnt vor einem weiteren Gaspreisanstieg und macht das an mehreren Faktoren fest.

Bild: © Stefan Sauer/dpa

Europas Gaspreise haben in den vergangenen Wochen deutlich zugelegt und nähern sich dem Jahreshoch. Für Europa ist die aktuelle Gaspreisrallye vor allem ein geopolitisches Ereignis – und weniger das Resultat eines plötzlich anspringenden Verbrauchs, sagte Gergely Molnár, Natural Gas Analyst bei der Internationalen Energieagentur (IEA), bei der Vorstellung des IEA-Gasmarktreports für das dritte Quartal 2026.

Maßgeblich für diese Entwicklung sind aus seiner Sicht die Spannungen im Nahen Osten und die zeitweise Schließung der Straße von Hormus. Der Effekt sei ein weltweiter Angebotsschock, weil LNG-Lieferungen aus Katar sowie den Vereinigten Arabischen Emiraten gegenüber dem Vorjahr um rund 40 Milliarden Kubikmeter eingebrochen seien. Das sei, so Molnár, "ein außergewöhnlich großer Angebotsschock" für einen Markt, der ohnehin empfindlich auf Störungen reagiert.

Zwischenzeitlich hatte es im April Anzeichen für Entspannung gegeben – Waffenstillstands-Hoffnungen und das sogenannte "Istanbul Memorandum" ließen die Preise nachgeben, führte der IEA-Experte weiter aus. Doch mit der erneuten Eskalation Ende Juni kehrte die Nervosität zurück – sichtbar in den Leitpreisen.

"Preisspread schlägt Geografie"

Entscheidend ist dabei nicht nur das Niveau, sondern der Spread zwischen den Regionen. Im Durchschnitt lag der asiatische JKM Molnár zufolge deutlich über dem europäischen TTF-Preisniveau. Diese Differenz wirkte wie ein Magnet: Flexible LNG-Mengen werden dann dorthin umgeleitet, wo die Zahlungsbereitschaft höher ist – und Europa spürt die Verknappung zusätzlich.

Molnár bringt es auf den Punkt: "Preisspread schlägt Geografie" – selbst dann, wenn Europa technisch inzwischen deutlich mehr Importoptionen habe als noch vor wenigen Jahren.

Keine Entspannung in Europa

Trotz dieser vermeintlichen Mengenverknappung kam Europa vergleichsweise gut zurecht. Molnár verwies dabei auf zwei Puffer: Der Weltmarkt hat zusätzliche LNG-Kapazitäten bekommen – vor allem aus den USA, aber auch aus Kanada und Afrika. Zudem seien auch die Pipeline-Lieferungen nach Europa gestiegen, insbesondere aus Norwegen und Nordafrika, teils aber auch wieder aus Russland. Diese Faktoren zusammen hätten einen großen Teil des Katar-Ausfalls abgefedert.

Molnárs Einordnung: Die Versorgung sei nicht kollabiert – aber sie stehe unter strukturellem Stress, weil Europa stärker als zuvor auf den globalen LNG-Wettbewerb angewiesen ist.

Dass die Lage nicht entspannt ist, zeigt Molnár an einer weiteren Zahl: Europas LNG-Importe seien von März bis Juni um rund zehn Prozent zurückgegangen. Die IEA nennt dafür mehrere Gründe, die sich gegenseitig verstärken: geringerer Gasverbrauch, weniger Gasverstromung, langsamere Einspeicherung in die Speicher, geringere EU-Exporte in die Ukraine – bei gleichzeitig höheren Pipelineimporten.

Faktor Gasspeicher

Im Zentrum steht jedoch ein Marktmechanismus, der gerade in Deutschland oft unterschätzt wird: das Preissignal für Speicher. Seit Beginn der Einspeichersaison im April sind die Sommer-Winter-Spreads negativ. Kommerzielle Einlagerung lohnt sich damit deutlich weniger. Entsprechend lägen die Einspeicherungen etwa 17 Prozent unter dem Durchschnitt der Vorjahre. Die Speicherstände seien zwar noch über dem historischen Mittel, aber eben klar unter dem Vorjahr, heißt es im Gasmarktbericht.

Damit rückt die Frage nach dem Winterpfad in den Mittelpunkt. Nach Berechnungen der IEA würden die Speicher bis zum Winter nur rund 75 Prozent erreichen, wenn sich das Tempo der Einspeicherung nicht erhöhen sollte.

Das EU-Ziel von 80 Prozent wäre dann nicht erreichbar. Molnárs Fazit: Soll die Marke dennoch gehalten werden, müsste Europa in der zweiten Sommerhälfte deutlich aggressiver LNG einkaufen – und damit wieder stärker in Konkurrenz zu Asien treten. Für die Preise bedeutet das alles andere als Entspannung.

Ausblick für 2026

Für 2026 skizziert Molnár – im Einklang mit der IEA – ein Basisszenario, in dem sich die Hormus-Exporte schrittweise normalisieren und beschädigte LNG-Anlagen Anfang 2027 teilweise zurückkehren. Dann bleibe die globale LNG-Versorgung "angespannt, aber grundsätzlich ausreichend".

Das Gegenrisiko ist jedoch groß: Sollte sich die Störung bis Ende 2026 verlängern, wäre das laut IEA der stärkste Rückgang des weltweiten LNG-Angebots "in der Geschichte" – mit zehn bis 15 Milliarden Kubikmetern weniger als im Vorjahr, deutlich höheren Preisen und spürbar härteren Marktbedingungen.

Mittelfristig kommt eine zweite Risikoklasse hinzu: der Zeitfaktor. Reparaturen an beschädigter Infrastruktur dauern länger, Katars North-Field-Erweiterung verzögert sich um etwa ein Jahr. Insgesamt könnten dem Weltmarkt 2026/27 rund 100 Milliarden Kubikmeter LNG-Angebot gegenüber früheren Erwartungen fehlen – etwa 15 Prozent des ursprünglich erwarteten Zubaus. Neue Projekte in den USA, Kanada und Afrika kompensieren zwar, aber nicht schnell genug.

Europas Versorgung sei derzeit stabilisiert durch zusätzliche LNG-Quellen und Pipelinegas, doch der Rückgang der LNG-Importe und vor allem die schwache Speicherbefüllung bleiben der neuralgische Punkt. Je länger Störungen andauern und je langsamer neue Kapazitäten tatsächlich verfügbar werden, desto wahrscheinlicher sei ein Gasmarkt, der auch 2027 nicht in den "Normalmodus" zurückfindet, fasste der IEA-Marktexperte zusammen.

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