Herr Runte, Herr Becker, es scheint, als springe die Welt von einem Konflikt zum nächsten. Globale Politik wirkt unberechenbar. Wie stellen Sie sich darauf ein – wie reagieren Sie im Handel?
Runte: Wir können grundsätzlich gut mit Entwicklungen umgehen, die wir langfristig als Trend prognostizieren können. Viele der aktuellen geopolitischen Ereignisse lassen sich aber nicht belastbar berücksichtigen. Schauen wir auf die genannten Preissprünge, die auf die Schließung der Straße von Hormus sowie die zerstörten LNG‑Produktionsanlagen in Katar zurückzuführen waren.
Hinzu kamen rund sechs bis acht Ereignisse, bei denen Äußerungen von Präsident Trump zu entsprechenden Marktreaktionen und Preissprüngen geführt haben. Solche Entwicklungen lassen sich kaum verlässlich einplanen. Für uns bedeutet das, dass wir bestimmte Aktivitäten herunterfahren. Wir verzichten teilweise auch bewusst auf Handelsgeschäfte, weil sich solche Schwankungen, die durch kurzfristige politische Äußerungen ausgelöst werden, nicht sinnvoll vorhersagen lassen.
Sven Becker: Was Herr Doktor Runte gesagt hat, bedeutet für uns als Unternehmen auch, dass es schwieriger wird, die außergewöhnliche Performance fortzuschreiben, die wir im Eigenhandel 2023/24 und mit Ausläufern 2025 realisieren konnten. Als kommunales Unternehmen werden wir in unserem Handelsgeschäft nicht auf politische Wetten setzen. Das Verhalten von Präsident Trump ist oft erratisch. Auf der Basis solcher schwer vorhersehbaren Entwicklungen können wir keine belastbaren Handelspositionen einnehmen. Deshalb haben wir unsere Eigenhandelsaktivitäten bewusst defensiver ausgerichtet.

Als kommunales Unternehmen werden wir in unserem Handelsgeschäft nicht auf politische Wetten setzen.
Sven Becker
Sprecher der Geschäftsführung Trianel
Im vergangenen Jahr sprachen Sie im Kontext der Preisvolatilität über das "neue Normal". Was ist für Sie 2026?
Runte: Als wir im vergangenen Jahr vom "neuen Normal" gesprochen haben, meinten wir vor allem das höhere Gaspreisniveau und die damit verbundenen höheren Strompreise. Das hat sich seit dem 28. Februar grundlegend geändert – seitdem verzeichnen wir Preissprünge und Marktverzerrungen. Wir hatten dabei zwei verschiedene Effekte, die sich zum Teil gegenseitig verstärken: Zum einen die teilweise Schließung der Straße von Hormus, durch die etwa 20 Prozent der exportierten LNG‑Kapazität transportiert werden, zum anderen die beschädigten Produktionsanlagen wie die LNG‑Produktionsanlagen Ras-Laffan in Katar, mit Auswirkungen auf die Exportkapazitäten und Gaspreise bis 2029.
Zusätzlich sehen wir kurzfristige Preissprünge durch politische Äußerungen und weitere Kampfhandlungen. Im Moment erleben wir deshalb eine Mischung aus kurzfristiger Volatilität und langfristigen strukturellen Effekten. Es fällt mir deshalb schwer, das "neue Normal" unter diesen neuen Voraussetzungen wirklich zu definieren.
Was kommt erschwerend hinzu?
Runte: Hinzu kommt, dass die EU mit einigen regulatorischen Vorgaben zusätzliche Herausforderungen schafft. Ein Beispiel ist die Methanverordnung, deren Verschärfungen ab 2027 greifen sollten. Das erleichtert die Beschaffung nicht unbedingt. Wenn man mit Katar, USA oder verschiedenen anderen Ländern verhandeln und diese Risiken zusätzlich einpreisen muss, dann haben wir es mit einer ganz anderen Herausforderung bei der Beschaffung zu tun. Die EU ist schon dabei, die Vorschriften aufzuweichen – sonst wären wir international nicht wettbewerbsfähig.
Ein reines Aussetzen der Strafbewehrtheit reicht dabei jedoch nicht aus. Wenn die EU-Kommission selbst zur Erkenntnis kommt, dass die bestehenden Regeln in der Praxis nicht funktionieren, dann muss sie diese Regeln auch ändern. Den Unternehmen zu sagen, dass sie zwar gegen die Vorgaben verstoßen, dafür aber nicht bestraft werden, kann keine Lösung sein.
Kleinere Stadtwerke können nicht jede globale Entwicklung dauerhaft monitoren. Spüren Sie mehr Nachfrage nach Ihrer Expertise?
Becker: Unser Geschäftsmodell ist ja, dass wir als spezialisierter Dienstleister Expertenkompetenz für Stadtwerke vorhalten. Gerade beim Thema Risikomanagement spüren wir eine erhöhte Sensibilität, vor allem bei kleineren Stadtwerken. Die Online‑Seminare, die wir ad hoc Anfang März angeboten haben, insbesondere, um die aktuellen Entwicklungen unter Risikomanagement‑Aspekten einzuordnen, hatten Rekordteilnehmerzahlen. Das zeigt den Bedarf, Risikomanagementsysteme zu ertüchtigen bzw. zu modernisieren. Gleichzeitig wird deutlich: Unsere Expertise für eine verantwortungsvolle Beschaffung ist gefragt. Sie hängt mehr denn je mit Risikomanagementfragen zusammen.
Trianel hat eine Repräsentanz in London eröffnet. Ist das mehr ein Symbol – oder operative Notwendigkeit?
Runte: London ist eines der wichtigsten Zentren für den europäischen und weltweiten Energiehandel und verfügt über einen außergewöhnlich großen Talentpool. Als relevantes Handelshaus ist ein Büro in London unerlässlich. Wir holen damit eine Entwicklung nach, die andere Marktteilnehmer schon vor uns vollzogen haben. Das hat weniger mit unserer kommunalen Herkunft zu tun als mit der Wettbewerbsfähigkeit von Trianel.

Mit London holen wir eine Entwicklung nach, die andere Marktteilnehmer schon vollzogen haben.
Oliver Runte
Geschäftsführer Trianel
Becker: Der deutsche Energiemarkt ist zunehmend europäisch und international geworden. Wer die Beschaffung für den deutschen Markt optimieren will, darf nicht nur in Deutschland aktiv sein, sondern muss die vielen internationalen Einflüsse verstehen. Deshalb verfolgen wir schon länger eine Europäisierungsstrategie. Die Repräsentanz in London ist keine Symbolpolitik, sondern ein strategischer Schritt zum Nutzen unserer Gesellschafter.
Beim Thema Gasreserve wagt Deutschland aktuell einen Alleingang. Über das Design gibt es Diskussionen. Welche Fehler dürfte das Wirtschaftsministerium jetzt nicht machen?
Becker: Die politischen Eingriffe in den Speichermarkt haben dazu geführt, dass das Geschäft inzwischen einen Teil seiner wirtschaftlichen Grundlage verloren hat. An sich finanzieren sich die Kapitalkosten der Speicher über Preisdifferenzen zwischen Sommer und Winter. Durch die regulatorischen Vorgaben sehen wir aber an den Märkten mittlerweile anhaltend negative Sommer‑Winter‑Spreads. Dadurch verlieren die Speicher an Wert, was bereits zu Stilllegungen führt.
Wir haben eigentlich einen Bedarf an Speichern, aber die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich grundlegend geändert. Vor diesem Hintergrund halten wir es für notwendig, dass die Gasvorhaltung finanziell honoriert wird. Die Gasreserve ist ein angemessener Schritt, um die Vorhaltung eines Mindestfüllstands zu kompensieren. Die geplanten 24 Terawattstunden halte ich allerdings eher für symbolisch. Aus meiner Sicht ist das Volumen zu gering. Wir benötigen eine deutlich größere Reserve.
Im zweiten Teil des Interviews sprechen Oliver Runte und Sven Becker über die wirtschaftlichen Anreize für Gasspeicher, die Reformen von Netzpaket und EEG, das Kraftwerksprojekt in Hamm sowie die Kosten und die Finanzierbarkeit der Energiewende. Der Text erscheint am 6. August.
In einer gekürzten Fassung ist dieses Interview in der August-Ausgabe der ZFK erschienen. Hier geht es zum e-Paper.