Eine halbe Million Euro in nur drei Tagen: So schnell konnte die Energieversorgung Halle (EVH) Kapital für eine neue Bürgerbeteiligung einsammeln. Für die Tochter der Stadtwerke Halle ist es die Fortsetzung eines Erfolgskonzepts und bereits die vierte Bürgerbeteiligung.
"Als die EVH vor sechs Jahren erstmals Bürgerinnen und Bürger an ihren Erneuerbaren-Projekten beteiligte, war das Instrument in der Stadtwerkelandschaft noch die Ausnahme", berichtet Torsten Horn, Bereichsleiter Unternehmenssteuerung der EVH und Geschäftsführer der EVH Grüne Energie –Beteiligung. Er und seine Kolleginnen und Kollegen in Halle sind überzeugt davon, dass kommunale Unternehmen mit Bürgerbeteiligungen bei überschaubarem Aufwand einen Beitrag zum Finanzierungsmix leisten können.
Bereits fünf Millionen Euro angelegt
Die EVH bietet Bürgerbeteiligungen seit 2020 an. Das Projekt entstand im Rahmen der "Energie-Initiative Halle (Saale)", einem Zusammenschluss regionaler Akteure zur Förderung der Energiewende. In den ersten beiden Runden seien in Summe 5,2 Millionen Euro eingesammelt worden. Das aktuelle Angebot sei bereits die zweite Nachfolgefinanzierung.

Unser Anlegerkreis umfasst rund 650 Personen.
Torsten Horn
Bereichsleiter Unternehmenssteuerung der EVH
Bestandsanlegern räumte das Unternehmen im Vorfeld den vorgezogenen Zeichnungszugang ein. "Wir haben im Mai die inoffizielle Zeichnung für unsere Anleger gestartet und in drei Tagen eine halbe Million Euro eingesammelt", sagt Horn im Gespräch mit der ZFK. Der Anlegerkreis an allen Beteiligungen umfasse mittlerweile um die 650 Personen.
Eigenkapital schonen, Kunden binden
Die Bürgerbeteiligung der EVH ist eine Kombination aus Finanzierungs- und Kundenbindungsinstrument. Die Nachrangdarlehen wirkten eigenkapitalersetzend und ermöglichten es, Eigenkapital für weitere Investitionen einzusetzen.
Die EVH finanziere ihre Projekte über eine Non-Recourse-Struktur auf Projektebene, erklärt der Manager, in der Regel als Kombination aus Eigenkapital und Bankendarlehen; teils seien Kooperationspartner mit an Bord. Ziel sei eine Finanzierung außerhalb der Bilanz des Konzerns der Stadtwerke Halle, um deren Kennzahlen nicht mit den kapitalintensiven Investitionen in erneuerbare Energien zu belasten. Die Bürgerbeteiligung macht dabei eine Beimischung von etwa zehn Prozent zum eingesetzten Eigenkapital aus.
Mittlerweile ist die Zeichnung für die aktuelle Bürgerbeteiligung für alle geöffnet – bis Ende Juli sollen so drei Millionen Euro zusammenkommen. Die Laufzeit der Anlage beträgt fünf Jahre, der Mindestanlagebetrag liegt bei 500 Euro, der Höchstbetrag je Anleger bei 25.000 Euro. Kundinnen und Kunden der EVH GmbH erhalten eine feste Verzinsung von 3,3 Prozent pro Jahr, Nicht-Kundinnen und -Kunden erhalten 2,3 Prozent. Anleger würden zudem regelmäßig über die umgesetzten Projekte informiert, das Angebot solle spürbar über ein reines Sparprodukt hinausgehen. "Wir wollen damit die Akzeptanz für erneuerbare Energien in der Region stärken", sagt Horn.

Stadtwerke müssen Projekt nicht allein umsetzten
Für Stadtwerke, die das Instrument einführen wollen, sei der interne Aufwand nach Etablierung der Prozesse überschaubar. "Was man an zusätzlichen Kapitalnebenkosten berücksichtigen muss, hält sich wirklich in Grenzen", sagt Horn, "es ist im Vergleich zum Eingesammelten sehr gering". Voraussetzung sei allerdings, dass die Marketingaufwendungen begrenzt blieben – bei Nachfolgeemissionen mit Bestandsanlegern falle dieser Posten deutlich niedriger aus als bei einer Neuakquise.
Der Aufwand sollte sich in Grenzen halten.
Torsten Horn
Eigene Kompetenzen müssten Stadtwerke für den Einstieg nicht aufbauen, sagt Horn. "Es gibt Partner vor Ort oder auf dem Markt, die das als White-Label-Produkt umsetzen." Die EVH habe sowohl die Plattform als auch weitere Dienstleistungen eingekauft. Damit sei auch keine eigene Lizenz der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht erforderlich. "Es ist wichtig, wenn man die Beteiligung als zusätzliches Finanzierungsinstrument sieht, den Aufwand zur Abwicklung so schlank wie möglich zu halten", erklärt Horn, "es ist eine Beimischung zur Gesamtfinanzierung und darf nicht mehr Aufwand machen als die klassische Eigenfinanzierung."
Worauf es bei der Projektauswahl ankommt
Aus Sicht Horns eignet sich das Instrument der Bürgerbeteiligung vor allem für Projekte mit robustem Geschäftsmodell und gesichertem Kapitalfluss. Bei einem Projektportfolio wie dem der EVH sei das Risiko breiter gestreut als bei einzelnen Projekten, erklärt Horn.
Für kleinere Gesellschaften kann das Risiko höher sein.
Torsten Horn
Bei der Auswahl geeigneter Projekte rät der Manager zu Zurückhaltung. Grundsätzlich sei eine Bürgerbeteiligung überall dort möglich, wo in sich abgeschlossene Projekte vorlägen – denkbar sei auch eine Beteiligung an einer Großwärmepumpe. Entscheidend sei jedoch ein tragfähiges Geschäftsmodell: "Man hat eine Verantwortung gegenüber den Anlegern, deshalb sollte der Kapitalfluss gesichert sein und die Anlage entsprechend bedient werden können", sagt Horn, "für kleinere Gesellschaften kann das Risiko für ein Projekt höher sein, da würde ich eine Bürgerbeteiligung eher nicht empfehlen beziehungsweise lediglich eine geringe Anlagesumme wählen." Ein Portfolioansatz wie bei der EVH streue das Risiko breiter als eine Einzelanlage; bei einem größeren Windpark an einem Standort sei das Risiko höher, dass der Cashflow nicht in Gänze passe.
Bis zum 14. Juli 2026 waren nach Angaben der EVH rund 2,2 Millionen Euro der angestrebten drei Millionen Euro gezeichnet. Die Zeichnungsfrist läuft noch bis zum 31. Juli. Ob die EVH das Instrument über die aktuelle Runde hinaus fortführt, wird sich, laut dem Unternehmen, später erst mit Blick auf die Marktkonditionen und den weiteren Finanzierungsbedarf entscheiden lassen.