Der Wärmemarkt befindet sich weiterhin in einem starken Umbruch. "Der Wärmesektor soll bis 2045 klimaneutral werden, gleichzeitig ist der durchschnittliche Gaskessel noch 20 bis 30 Jahre alt", sagt Ingmar Kohl, Bereichsleiter Kommunale Wärmelösungen bei Iqony. Zudem stößt die Elektrifizierung der Wärme im Bestand gerade bei hohen Wärmedichten an Grenzen. Viele Kommunen müssten deshalb neu denken; dabei werde immer konkreter an Wärmenetze gedacht, sagt Kohl.
Iqony arbeitet nach eigenen Angaben aktuell in rund 25 Kooperationen mit kommunalen Partnern an Fernwärmeprojekten. Die Konzepte reichen von Abwärme über Biomassenutzung bis hin zu Geothermie. Die Kommunalwirtschaft steht in den nächsten Jahren vor massiven Investitionen in die Wärmewende. Bei vielen Stadtwerken reicht das Eigenkapital nicht aus, um die künftigen Finanzierungsbedarfe zu stemmen. Kohl erwartet deshalb einen breiteren Finanzierungsmix. An Bedeutung gewinne die Kooperation mit privaten Partnern.
Skepsis der Kommunen gegenüber Renditeanforderungen
Der Fernwärme-Ausbau und der Bau von Wärmenetzen seien komplexer, risikoreicher und weniger standardisiert als der Ausbau von Strom- und Gasnetzen oder der Erneuerbaren-Ausbau. "Die Banken und andere Finanzierungspartner legen deshalb oftmals Wert darauf, dass ein auf Wärmeversorgung spezialisierter Partner bei Projekten mit an Bord ist, der die Risiken beherrschen kann", sagt Kohl. Neben Iqony sind eine Vielzahl großer Unternehmen in dem Markt tätig, darunter Eon, EnBW, Engie, MVV und Rheinenergie. Die Konkurrenz ist groß.
Ein wiederkehrendes Thema in den Gesprächen mit den Kommunen ist die Skepsis gegenüber den Renditeanforderungen privater Investoren, berichtet Kohl. Das gelte besonders für kleinere Stadtwerke oder für Unternehmen, die bisher keine Fernwärme aufgebaut hätten. "Unsere Renditeerwartungen müssen die Risiken des jeweiligen Projektes entsprechend abbilden", verdeutlicht er.

Ein Projekt wird letztlich nur erfolgreich sein, wenn die Wärme wettbewerbsfähig bleibt.
Ingmar Kohl,
Bereichsleiter Kommunale Wärmelösungen bei Iqony
Deshalb lägen die Renditeanforderungen etwas über denen im Strom- und Gasbereich. Bei der Fernwärme liege die Gesamtrendite branchenüblich im hohen einstelligen Prozentbereich – und damit deutlich unter dem Niveau von Private-Equity-Investoren. Das ermögliche, mit Blick auf die angestrebten Eigenkapitalrenditen kommunaler Versorger von bis zu 15 Prozent, auch für das jeweilige Stadtwerk in der Regel einen interessanten und tragfähigen Businesscase.
Einen Widerspruch zwischen Renditeansprüchen eines privaten Investors und dem Ziel eines tragfähigen Geschäftsmodells für Stadtwerke sowie der Bezahlbarkeit für Endkunden kann Fernwärmeexperte Kohl nicht erkennen. "Ein Projekt wird letztlich nur dann langfristig erfolgreich sein, wenn alle Beteiligten profitieren und die Wärme wettbewerbsfähig bleibt", versichert er.
Die Stellhebel für tragfähige Businesscases
Ob ein Businesscase trägt, hänge von mehreren Faktoren ab. Wichtig sei, dass die Wärmepreise so kalkuliert werden, dass sowohl die Kosten als auch deren Veränderungen bestmöglich abgebildet werden. Das sei angesichts komplexer Regulierung nicht einfach. Gleichzeitig müsse der Preis so ausgestaltet sein, dass Stadtwerk und privater Partner ein Projekt auf wirtschaftlich tragfähigen Beinen realisieren können. Grundlage seien eine entsprechende Wärmedichte und eine Anschlussquote von rund 70 Prozent.
Zurückhaltung bei Ruf nach staatlichen Bürgschaften
Entscheidend sei die Konzentration auf wirtschaftlich tragfähige Projekte. Deshalb zeigt sich Kohl zurückhaltend beim Ruf nach staatlichen Bürgschaften oder anderen Beteiligungsinstrumenten. Diese könnten Risiken für Finanzierer zwar reduzieren und zusätzliche private Mittel mobilisieren. Sie könnten aber auch dazu führen, dass Projekte grünes Licht erhalten, die eigentlich nur bedingt oder nicht wirtschaftlich sind.
Kohl sieht weiterhin großes Vertrauen der Finanzierungsinstitute in die Kommunalwirtschaft. Gleichzeitig achteten Banken stärker auf die Qualität einzelner Projekte. Wirtschaftlichkeit, regulatorische Stabilität und belastbare Geschäftsmodelle stünden stärker im Fokus als noch vor einigen Jahren. Für Investoren und Banken sei entscheidend, dass Projekte nachvollziehbar strukturiert sind und auf realistischen Annahmen beruhen. Zudem werde die Kombination aus Stadtwerk und privatem Wärmespezialisten von finanzierenden Banken besonders positiv bewertet, weil sie "kommunale Verlässlichkeit mit ausgewiesener Markt- und Umsetzungsexpertise" verbinde.
Standardisierung bleibt Knackpunkt
Eine Standardisierung der Finanzierung im Wärmebereich sei derzeit schwierig. Hilfreich wären hier bundesweit einheitliche Förderbedingungen. Aktuell arbeiteten einzelne Bundesländer an eigenen Programmen, parallel arbeite die staatliche Förderbank KfW an der Ausgestaltung des Deutschlandfonds. "Aktuell besteht hier noch ein ziemlicher Flickenteppich", sagt Kohl.
Handlungsbedarf sieht er auch bei der Ausgestaltung von Joint Ventures zwischen Stadtwerken und privaten Unternehmen. Die kommunalrechtlichen Rahmenbedingungen unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland teils erheblich. Die Vielzahl unterschiedlicher Regelungen erschwere die Standardisierung von Kooperationsmodellen und erzeuge vermeidbaren Aufwand. Einheitlichere Vorgaben könnten dazu beitragen, erfolgreiche Modelle schneller zu verbreiten und Investitionen zu beschleunigen.