Die Stadtwerke Kempen in Nordrhein-Westfalen wollen in ihrem Versorgungsgebiet Marktführer im Bereich Ladesäuleninfrastruktur bleiben.

Die Stadtwerke Kempen in Nordrhein-Westfalen wollen in ihrem Versorgungsgebiet Marktführer im Bereich Ladesäuleninfrastruktur bleiben.

Bild: © Stadtwerke Kempen

Gerade neue, nicht regulierte Geschäftsfelder binden oftmals viel Eigenkapital bei den Stadtwerken. Deshalb stehen sie nicht immer ganz oben auf der Prioritätenliste, obwohl sie neue Einnahmequellen erschließen und die lokale Marktstellung festigen sollen.  

Die Stadtwerke Kempen aus Nordrhein-Westfalen gehen deshalb nun neue Wege beim Ladesäulenausbau. Im Rahmen der Wachstumsstrategie 2030 sollen in der Stadt am Niederrhein zu den bestehenden 14 weitere 60 Ladesäulen hinzukommen, darunter sowohl AC- als auch DC-Lader. "Wir wollen Marktführer im Stadtgebiet bleiben und dieses Geschäftsfeld deutlich schneller ausbauen", sagt Geschäftsführer Daniel Banzhaf.



Finanziert wird rund die Hälfte des geplanten Ausbaus unter anderem über Genussrechte im Umfang von einer Million Euro. Diese können im Rahmen einer Bürgerbeteiligung ab Montag (2. März) über die Crowdfunding-Plattform der Deutschen Kreditbank (DKB) gezeichnet werden. Emittent ist die Kempen Elektromobilität GmbH, eine 100-prozentige Tochter der Stadtwerke Kempen.

Kunden erhalten erfolgsabhängigen Bonuszins

Die Verzinsung liegt bei vier Prozent sowohl für Kunden als auch für Nichtkunden. Kunden der Stadtwerke haben in den ersten Wochen ein Vorzeichnungsrecht. Überschreitet das Jahresergebnis der
E-Mobilitätstochter der Stadtwerke eine bestimmte Schwelle, erhält der Kunde einen zusätzlichen, erfolgsabhängigen Bonuszins von einem Prozent on top. Der wirtschaftliche Erfolg der Gesellschaft hängt vor allem von der Entwicklung und der Anzahl der Ladevorgänge ab. Der entsprechende Business Case sieht ab dem zweiten Jahr deutlich steigende Jahresüberschüsse vor.

Emittiert werden die Genussrechte von der Stadtwerketochter über die DKB-Crowd. Die DKB, die nach eigenen Angaben Marktführer im Stadtwerkebereich ist und jedes zweite Stadtwerk in Deutschland finanziert, vermittelte der Stadtwerketochter den Zugang zu ihrer Crowd im Rahmen einer Kooperation. Die Stadtwerke Kempen sind der Pilotkunde für das neue Angebot, welches auf der bereits seit Längerem etablierten Crowdfunding-Plattform entwickelt wurde. Über diese haben bereits mehrere Stadtwerke unterschiedlichste Projekte, etwa im Erneuerbaren-Bereich (Photovoltaik-Freiflächenprojekte oder PV-Aufdachanlagen, aber auch Wärmespeicher) im Rahmen von Bürgerbeteiligungen als Nachrangdarlehen finanziert.

DKB: "Vermehrte Nachfragen nach Genussrechten"

"Wir bekommen sehr viele Anfragen aus dem Stadtwerkebereich zu unserem Vermittlungsangebot. In den vergangenen Jahren sind wir vermehrt gefragt worden, ob wir nicht Möglichkeiten sehen, dieses auch in Richtung Genussrechte auszuweiten", sagt Simon Knaut, Leiter Energiewirtschaft bei der DKB.
Über die Crowdfunding-Plattform werden bereits erfolgreich qualifizierte Nachrangdarlehen emittiert. Diese stärken das Eigenkapital der Stadtwerke, werden in der Regel von den Hausbanken aber nicht vollumfänglich als Eigenkapital angerechnet, weil sie wirtschaftliches Eigenkapital sind.

Ein Genussrecht hingegen wird handelsrechtlich als Eigenkapital anerkannt und wird zu 100 Prozent als Eigenkapital angerechnet.

 "Die gesamte Stadtwerkebranche steht vor enormen Investitionsherausforderungen, die Bilanzen werden sich in den nächsten Jahren tendenziell vervielfachen", erklärt Knaut. Um die Investitionsbedarfe der nächsten zehn Jahre finanzieren zu können, benötigten viele Stadtwerke zusätzliches Eigenkapital. Dieses eröffnet dann wieder neue Möglichkeiten für zusätzliche Bankdarlehen. Aufgrund dieser Ausgangslage sind gerade Genussrechte, die zu 100 Prozent als Eigenkapital anerkannt werden, besonders attraktiv.

"Wir füllen mit diesem Vermittlungsangebot eine Lücke im Markt. Wir sehen es als unseren Auftrag, Angebote zu entwickeln, die Stadtwerken passgenau in der aktuellen Finanzierungslandschaft helfen", führt Knaut aus. Neben der Eigenkapitalstärkung eröffne die Bürgerbeteiligung den Stadtwerken zusätzlich die Möglichkeit, die Bevölkerung an der Energie-, Mobilitäts- und Wärmewende zu beteiligen. Das erhöhe die Akzeptanz vor Ort und stärke die Kundenbindung. Oftmals sind diese Projekte sehr schnell gezeichnet. In Lemgo etwa war eine kürzlich aufgelegte Bürgerbeteiligung eines anderen Crowdfunding-Anbieters für ein Wärmeprojekt innerhalb eines Tages vergriffen. 



Stadtwerke Kempen stehen vor großen Investitionsherausforderungen

Die Stadtwerke Kempen müssen in den nächsten Jahren rund 180 Millionen Euro investieren. Die Eigenkapitalquote liegt aktuell bei guten rund 32 Prozent. Geschäftsführer Daniel Banzhaf teilt die Investitionen nach Dringlichkeit in drei Töpfe ein. Das Muss-Geschäft, beispielsweise der Ausbau der Strom- und Wassernetze (circa 60 Millionen Euro) wird über die Innenfinanzierungskraft finanziert.

Die Investitionsfähigkeit des kommunalen Unternehmens wird in den nächsten Jahren zusätzlich dadurch signifikant gestärkt, dass die Stadt als Gesellschafter auf Ausschüttungen verzichtet und das Geld im Unternehmen thesauriert werden kann. Banzhaf will zudem das  Jahresergebnis um 50 Prozent ausweiten. Alle vertrieblichen Bereiche sollen wachsen, der Fernwärmemarktanteil von 40 auf 60 Prozent klettern. Zukäufe als auch Zusammenschlüsse sind angestrebt, zudem sollen Erneuerbaren-Projekte zusätzliche Einnahmen ermöglichen.



Der zweite Investitionstopf umfasst die Kann-Investitionen, etwa in neue Fernwärmenetze und grüne Fernwärmeerzeugung. Der Investitionsbedarf liegt bei rund 80 Millionen Euro. Diese Projekte will der Geschäftsführer unter anderem über Leasinggeschäfte finanzieren. Bleibt noch Topf drei als "Möchte-Investitionen". Aus diesem können nur dann Projekte finanziert werden, wenn Gelder aus den anderen Töpfen übrig bleiben, etwa für Erneuerbarenprojekte oder eben den Ladesäulenausbau. Ein Dilemma, weil gerade diese Projekte für das Stadtwerk eine hohe Skalierbarkeit und interessante neue Ertragspotenziale jenseits des regulierten Netzgeschäfts und des Commodity-Vertriebs hätten. 

Weitere Projektfinanzierungen über die Crowd sind möglich

Grundsätzlich können über die Crowdfunding-Plattform "DKB-Crowd" Projekte im Umfang von bis zu sechs Millionen Euro im Zuge der Schwarmfinanzierung je Gesellschaft realisiert werden. Die gesamte Abwicklung der Anlage läuft über die Plattform. Daniel Banzhaf sieht in dieser ersten Bürgerbeteiligung vor allem einen ersten Schritt, um neue Geschäftsfelder auszubauen. Über die Plattform seien auch weitere Projektfinanzierungen über andere, mögliche neue Projektgesellschaften denkbar. Das könnten Erneuerbaren-Projekte sein, aber auch Batteriespeicher.

Durch die mehrfache Nutzung für unterschiedliche Konzerngesellschaften kann das handelsrechtliche Eigenkapital eines Stadtwerks durch Genussrechte insgesamt deutlich stärker ausgebaut werden, als nur um die bis zu sechs Millionen Euro, die bei einer Einzeltransaktion gezeichnet werden können. "Doch das ist Zukunftsmusik. Wir sind gespannt, wie das neue Angebot vor Ort bei den Bürgern ankommt", blickt der Geschäftsführer der Stadtwerke Kempen voraus.





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