Herr Friedrichs, die Energiebranche hat lange auf das Gebäudemodernisierungsgesetz gewartet. Jetzt hat das Bundeskabinett das Gesetz beschlossen. Wird die Wärmewende jetzt an Tempo gewinnen und der Sanierungsstau im Heizungsbereich sich perspektivisch auflösen?
Georg Friedrichs: Ich hoffe, wir kommen wieder zurück zu einer sachorientierten Debatte, die uns dabei hilft, unseren Kundinnen und Kunden mit Augenmaß dabei zu helfen, jeweils sinnvolle Lösungen zu finden. Nach wie vor gibt es aber keine One-Size-Fits-All-Lösungen, wir werden weiterhin sehr individuelle Umsetzungen sehen.
Ein Kernbestandteil des Gesetzes sind die Grüngasquote und die Biotreppe. Welche Perspektiven eröffnen diese Regelungen für das Geschäftsmodell der Gasag und vielleicht auch für eine doch größere Weiternutzung Ihres bestehenden Gasnetzes?
In Deutschland gibt es viele Biogasanlagen, einige der Anlagen wechseln gerade in die Methanisierung. Das Potenzial verlässlich abzuschätzen, ist schwierig. Die vergangenen Jahre haben gezeigt: Die Ausbaugeschwindigkeit bei der Elektrifizierung des Wärmemarktes ist nicht ganz so schnell, wie sich das mancher erhofft hat. Das erhöht den Druck auf die Frage, was machen wir stattdessen? Hier brauchen wir grundsätzlich etwas mehr Gelassenheit. Ich finde, dass alles, was uns grundsätzlich hilft, schnell CO₂ einzusparen, willkommen sein sollte. Wenn man das "technologieoffen" nennt, ist man leider gleich in einer politischen Schublade. Aber es ist unstrittig, dass wir uns genauso intensiv wie mit der Elektrifizierung auch mit den sonstigen Optionen für das Gelingen einer zügigen Dekarbonisierung beschäftigen sollten, das gilt dann auch für Biomethan.
Es wird auch in einem klimaneutralen System, einen erheblichen Bedarf an Molekülen geben.
Könnten Sie noch einmal konkret sagen, was die Grüngasquote für die Geschäftsaktivitäten der Gasag bedeutet?
Wir betreiben nicht nur in Berlin Gasnetze, sondern auch in gut 150 Konzessionen im eher ländlich geprägten Brandenburg. Dort sehen wir durchaus ganze Regionen oder einzelne Konzessionsgebiete, in denen Biomethan auch über 2045 hinaus eine sinnvolle Rolle spielen kann. Dafür muss aber der Regulierungsrahmen stimmen. Wie groß diese Rolle für Biomethan bei der Energiewende sein wird, ist relativ schwer vorherzusagen. Aus unserer Sicht kann eine Grüngasquote aber sehr wohl ein Anschub sein und einige gute Impulse setzen. Dass es im Energie- und Wärmemarkt auf Dauer – auch in einem klimaneutralen System – einen erheblichen Bedarf an Molekülen gibt, das glauben wir ohnehin. Da geht es natürlich auch um das Thema Wasserstoff, das ist alles andere als tot.
Hat das Gebäudemodernisierungsgesetz noch signifikante Auswirkungen auf die kommunale Wärmeplanung in Berlin, die im Juni offiziell vorgestellt wird?
Die Änderungen durch das Gebäudemodernisierungsgesetz werden auf die Steuerungswirkung der kommunalen Wärmeplanung keinen übermäßigen Einfluss haben. Die Wärmeplanung ist ohnehin unverbindlich, sie schafft Transparenz und gibt Orientierung und hilft bei Entscheidungen für die Zukunft. Es steht aber kein Umsetzungsplan im engeren Sinne dahinter, das sieht das Gesetz nicht vor. Ich glaube ohnehin nicht, dass das Gebäudemodernisierungsgesetz allein entscheidend für das Gelingen der Energiewende ist.
Die großen Themen und Entscheidungen liegen an anderen Stellen, etwa in der neuen Ausgestaltung des EnWG und der Umsetzung des Gasbinnenmarktpakets. Dort verbergen sich die Themen, die über die Investitionsgeschwindigkeit entscheiden werden und über die Frage von Kapitalallokationen. Dort entscheidet sich auch die Verbindlichkeit, mit der uns die heutigen Infrastrukturen noch zur Verfügung stehen. Wenn ich heute über eine Hybridlösung nachdenke, macht es einen erheblichen Unterschied, ob ich in den nächsten zehn oder 20 Jahren noch ein Gasnetz in meiner Straße oder für meine Biomethananlage zur Verfügung habe.
Wo genau braucht die Branche Klarheit mit Blick auf EnWG und Umsetzung des Gasbinnenmarktpakets?
Wenn wenig Klarheit besteht, führt das dazu, dass alle auf den perfekten Zustand warten und nichts machen. Fürs Klima ist das keine gute Nachricht. Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Es ist relativ schwierig, klassische Berliner Mehrfamlienhäuser klimaneutral zu machen. Das hat oft mit Wohnungseigentümergemeinschaften zu tun und schwierigen Entscheidungsprozessen zwischen den Eigentümern. Vielfach haben diese Immobilien gerade in Berlin Gasetagenheizungen und die Kapitalausstattung der Akteure ist unterschiedlich. Wenn für diese Fälle eine einheitliche, sofort klimaneutrale Lösung vorgeschlagen werden soll, scheitert man deshalb meistens.
Sehen Sie hier Alternativen?
Denkbar ist, dass man mit einer preislich überschaubaren Hybridlösung zwischen einer kleinen Wärmepumpe und einer Gaslösung die nächsten 15, 20 Jahre relativ gut überbrückt. Wir haben beispielsweise erst kürzlich in einem Mehrfamilienhaus der Gewobag eine Hybridheizung in Betrieb genommen, die aus einer Luft-Wärme-Pumpe und einem Gas-Spitzenlastkessel besteht. Das gibt den Wohnungseigentümern die Zeit, gegebenenfalls ihr Haus zu sanieren und in 20 Jahren mit einer neuen technischen Lösung Klimaneutralität zu erreichen. Wenn ich aber keine Regelung habe, wie ich mit meiner Heizung über die nächsten 15, 20 Jahre komme, werden die Wohnungseigentümer gar nichts machen. Deshalb sollten wir jetzt schon zügig einen Rahmen schaffen, der eine Verbindlichkeit über die Halbwertszeit gewisser Infrastrukturen garantiert.
Das aktuelle Gas-Set-up könnte die nächsten zwölf, fünfzehn Jahre ziemlich stabil bleiben.
Was braucht die Gasag konkret mit Blick auf die Gas-Binnenmarktrichtlinie, um da in den nächsten Jahren einigermaßen solide und belastbar planen zu können?
Deutschland wird ein Energieimportland bleiben. Wir werden immer auch von äußeren Einflüssen abhängig bleiben und immer wieder nachjustieren. Natürlich brauchen wir auch Klarheit in der Regulatorik. Es zeichnet sich ab, dass wir keine einzige Gasleitung stilllegen können, ohne dass wir es nicht zehn Jahre vorher angekündigt haben. Es gibt also eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass wir noch mindestens zwölf, vielleicht 15 oder mehr Jahre eine ziemliche Stabilität in unseren Gas-Set-ups sehen werden. Das ist anders als vor fünf Jahren, wo es hieß, fangt bitte an mit dem Rückbau der Gasnetze. Es hat jetzt die Realität Einzug gehalten. Wir wissen, dass wir erst einmal noch andere Lösungen brauchen, bevor wir auf die Gasnetze ganz oder in Teilen verzichten können. Und das heißt nicht, dass wir unsere Klimaziele beerdigen, im Gegenteil: Wir nutzen alles, was dafür zur Verfügung steht.
Für ungefähr wie viel Prozent des Berliner Stadtgebiets weiß man noch nicht, wie die künftige Wärmeversorgung aussehen soll?
Ungefähr 20 bis 25 Prozent der Stadt oder des Wärmebedarfs werden sich in sogenannten Prüfgebieten wiederfinden. Das sind Gebiete, die eine relativ hohe Wärmelast haben, aber nicht an die Fernwärme angeschlossen sind und auch künftig keine Fernwärme bekommen werden, weil der Aufbau der erforderlichen Erzeugungskapazität zu ressourcen- und zeitintensiv ist.
Die großen Berliner Fernwärmeversorger wollen etwa 50 Prozent der Stadt mit Fernwärme beliefern. 20 bis 25 Prozent der Stadt werden künftig über individuelle Lösungen mit Wärme versorgt. Unterm Strich bleibt dann diese Lücke von etwa 25 Prozent in den Prüfgebieten. Das ist für die Gasag ein attraktives Geschäftsfeld, in dem wir uns mit eigenen Projekten und individuellen Lösungen für Gebäudeeigentümer stark engagieren. Wir haben inzwischen gut 160 Kolleginnen und Kollegen, die dezentrale Gebäudelösungen bis hin zu neuen, klimaneutralen Wärmenetzen für tausende Wohnungen planen und umsetzen. Der Bedarf ist riesig.
Wir müssen die Wärmeprojekte erst einmal in die Wirtschaftlichkeit bringen.
Die Wärmewende erfordert immense Investitionen der Energieversorger. Kann die Branche diese Investitionsherausforderungen überhaupt aus eigener Kraft stemmen?
Ich glaube, dass das vielbeschworene Finanzierungsproblem im Wärmemarkt noch nicht angekommen ist. In Wirklichkeit warten die Finanzgeber doch noch auf die vielen Projekte im Wärmemarkt, die es zu finanzieren gilt. Das Hauptproblem im Wärmemarkt heißt gerade nicht Finanzierung, sondern die entsprechenden Projekte zu realisieren, neue Wärmenetzprojekte zu entwickeln, die grün sind, eine zeitlich akzeptable Perspektive haben und halbwegs wirtschaftlich sind. Sie müssen für die Kunden bezahlbar bleiben und für eine Bank sinnvoll zu finanzieren sein. Das ist aktuell die größte Schwierigkeit, am Geld mangelt es gerade eher nicht. In der Zukunft kann sich das aber ändern. Vorher müssen wir diese Projekte aber erst einmal in die Wirtschaftlichkeit bringen.
Wie herausfordernd ist es gerade in einer Mieterstadt wie Berlin, diese Bezahlbarkeit der Wärmewende hinzubekommen?
Das ist ein heikles Thema. Im Kern geht es hier immer um eine Abwägung der Interessen von Verbraucher- und Mieterschutz auf der einen Seite und den Kosten der Energiewende auf der anderen Seite. In den letzten Jahren ist diese Abwägung eigentlich immer zugunsten des Verbraucherschutzes ausgefallen. Das ist politisch verständlich und nachvollziehbar, aber es bremst das ein oder andere Projekt in der Energiewende. Wir werden das Verhältnis immer wieder beleuchten müssen. Ein zentrales Stichwort hier heißt Wärmelieferverordnung. Hier werden wir noch den ein oder anderen schmerzhaften Schritt gehen und die Gleichung auch manchmal in Richtung des Klimaschutzes auflösen müssen.
Auch eine kommunale Wärmeplanung ist dazu geeignet, Gewinner und Verlierer zu produzieren.
Können Sie das ein wenig konkretisieren?
Es gibt in der Politik einen starken Reflex, vor allem die Mieterinnen und Mieter und folglich auch die sozial Schwächeren nicht mit den Kosten der Energiewende zu belasten. Für das "Commitment" des Landes für die Energiewende ist das auch relevant. Wir werden die Transformation der Energieversorgung aber nicht ohne finanzielle Belastungen für die Gesellschaft hinbekommen, irgendjemand muss die Rechnung begleichen. Auch eine kommunale Wärmeplanung ist übrigens dazu geeignet, Gewinner und Verlierer zu produzieren. Wenn nun Bezahlbarkeit dauerhaft die Grenze sein soll und das Gebot der Warmmietenneutralität in der heutigen Form fortbesteht, dann werden viele Wärmeprojekte schlicht nicht umsetzbar sein – und das geht zu Lasten des Klimaschutzes.



