Frank Pieper im Interview: "Ich kann heute noch nicht abschließend beantworten, welche Rolle Wasserstoff künftig einnehmen wird."

Frank Pieper im Interview: "Ich kann heute noch nicht abschließend beantworten, welche Rolle Wasserstoff künftig einnehmen wird."

Bild: © Sven Lorenz

Herr Pieper, die kommunale Wärmeplanung in Essen gilt als weit fortgeschritten. Welche Rolle haben die Stadtwerke dabei gespielt, und wie bewerten Sie den bisherigen Prozess?

Ja, tatsächlich lief das sehr gut. Die Stadt Essen hat sehr früh mit der kommunalen Wärmeplanung begonnen. Die Verantwortung liegt dabei bei der Stadt. Sie hat früh einen Berater engagiert, der gemeinsam mit der "Grünen Hauptstadt Agentur" die Planung vorangetrieben und umgesetzt hat. Die Besonderheit in Essen liegt darin, dass wir hier viele Akteure haben. Neben den Stadtwerken sind das insbesondere Iqony und Westnetz, aber auch Eon, Westenergie, OGE und RWE haben ihren Sitz in Essen.

Wir investieren nur dort, wo wir langfristig wirtschaftlich arbeiten können.

Entsteht in so einer Konstellation nicht automatisch Konkurrenz – zwischen Technologien und auch zwischen Unternehmen?

Eher im Gegenteil. Wir haben alle so viele Infrastrukturinvestitionen vor der Brust, dass ich erlebt habe, dass man gesagt hat: "Gut, wenn ihr da baut, dann müssen wir in dem Stadtteil kein Geld investieren." Alle Marktteilnehmer können bei den anstehenden Herausforderungen wirtschaftlich profitieren. Die Torte ist groß genug für alle. Wir investieren auch nur dort, wo wir langfristig wirtschaftlich arbeiten können. Aber klar ist: Die Wärmewende wird Investitionen in einer Größenordnung erfordern, wie wir sie bislang nicht kannten.

Welche Rolle spielt das Gasnetz in dieser Strategie – auch vor dem Hintergrund der Dekarbonisierung?

Wir vertreten derzeit die Position: Solange der Kunde Erdgas wünscht und das für uns wirtschaftlich abbildbar ist, stehen wir als Gasversorger und Gasnetzbetreiber bereit. Das ist Teil unseres Kerngeschäfts und soll es bleiben – solange wir damit Geld verdienen und der Gesetzgeber es ermöglicht.

Und Wasserstoff?

Ich kann heute noch nicht abschließend beantworten, welche Rolle Wasserstoff künftig einnehmen wird. Wir sehen Wasserstoff wahrscheinlich weniger im Einfamilienhaus als bei Industrie- und Gewerbeunternehmen, die auf Moleküle angewiesen sind. Darauf liegt auch unser Fokus. Trotzdem halten wir uns diese Option offen und haben drei Prüfgebiete in Essen ausgewiesen, in denen wir unser bestehendes Erdgasnetz perspektivisch auf Wasserstoff umwidmen könnten. Diese Gebiete sind auch Bestandteil der kommunalen Wärmeplanung.

Der größte Engpass ist derzeit tatsächlich das Förderregime und leider auch das BAFA.

Warum sind Wärmepumpen aus Ihrer Sicht nicht überall die passende Lösung?

Wenn ich in dicht bebaute Großstadtquartiere gehe und dort Gebäude mit hohen Wärmeverbräuchen und geringer Dämmung vorfinde, stelle ich mir schon die Frage, wie dort Zentralheizungen auf Basis von Wärmepumpen funktionieren sollen. Wo sollen sie überhaupt installiert werden? In Essen gibt es 13 Stadtteile, in denen wir zu dem Schluss gekommen sind, dass grüne Niedertemperatur-Wärmenetze sowohl ökologisch als auch ökonomisch die sinnvollste Lösung sein können. Diese Stadtteile betrachten wir im Rahmen von Machbarkeitsstudien ganz genau – um keine Entscheidungen zu treffen, die wir morgen bereuen. Deshalb halten wir uns bewusst technologische Optionen offen.

Wenn die Strategie steht: Wo liegen aus Ihrer Sicht aktuell die größten Engpässe bei der Umsetzung – ganz praktisch?

Der größte Engpass ist derzeit tatsächlich das Förderregime und leider auch das BAFA. Wir haben gesehen, dass die BEW-Anforderungen für die weiteren Leistungsphasen im vergangenen Jahr noch einmal deutlich gestiegen sind. Ein Problem ist auch der Faktor Zeit. Wir warten deutlich länger auf Freigaben. Das torpediert unsere Zeitpläne.

Neben Förderbescheiden: Welche Hürden machen Ihnen im Alltag sonst zu schaffen?

Ein weiteres zeitliches Thema sind Genehmigungen, beispielsweise Aufbruch- und verkehrsrechtliche Genehmigungen seitens der Stadtverwaltung. Man muss sehen, dass neue Wärmenetze zwangsläufig Straßenaufbrüche und Baustellen mit sich bringen. Hinzu kommt: In den kommenden 15 Jahren werden wir mehrere hundert Millionen Euro in das Kanalnetz investieren – auch das bringt Baustellen mit sich. Deshalb ist die Akzeptanz in der Bevölkerung ein ganz entscheidender Faktor. Weshalb wir besonders auf eine umfassende, informative Kommunikation setzen. Darauf zahlt auch unsere neue Kampagne "ZukunftZuhause" ein.

Können Sie das erläutern?

Mit unserer Kommunikationskampagne wollen wir zeigen, dass wir auch in den kommenden Jahrzehnten nicht nur die Wärmeversorgung sicherstellen, sondern ebenso die Wasserversorgung und die Abwasserentsorgung. All das muss funktionieren – und dafür sind diese Investitionen notwendig. Wir wollen viel Transparenz und Einblick in den Maschinenraum geben und unsere Pläne den Kundinnen und Kunden näherbringen. Sie sollen verstehen, was auf den Baustellen passiert, wie es unter der Straße aussieht und warum diese Arbeiten erforderlich sind.

Dort, wo es keine Wärmenetze und langfristig keine Gasversorgung geben wird, bleiben Wärmepumpen vermutlich die sinnvollste Option. Welche Angebote bieten Sie Ihren Kundinnen und Kunden hier?

Dafür haben wir gemeinsam mit der Kreishandwerkerschaft, der Sparkasse und dem Energieberater Pro Eco die Initiative "Wärmepartner Essen" gegründet. Wir wollen den Kunden das komplette Angebot machen – von der ehrlichen und transparenten Beratung über Finanzierung, Planung und Einbau bis hin zu Betrieb und Wartung.

Welche Rolle spielt in der Strategie Ihre Eigenentwicklung "Kubiks"?

Kubiks ist ein Baustein unserer Digitalisierungsstrategie. Die Plattform hat ihren Ursprung im Energiedatenmanagement und wurde im engen Austausch mit Hausverwaltern und Eigentümern von Mehrfamilienhäusern kontinuierlich weiterentwickelt. Heute erfüllt sie unterschiedlichste Anforderungen in der Immobilienverwaltung.

Wer nutzt Kubiks bereits – und warum steigen die Stadtwerke nicht selbst stärker in die Immobilienverwaltung ein?

Ursprünglich haben wir Kubiks Immobilienverwaltern zur Verfügung gestellt. Mittlerweile nutzen mehrere Gesellschaften in Essen die Plattform. Natürlich haben wir auch darüber nachgedacht, selbst in die Immobilienverwaltung einzusteigen – haben das aber wieder verworfen, weil es nicht unserer DNA entspricht.

Sie bieten Kubiks inzwischen aber als White-Label-Lösung an. Wie kam es dazu – und wie ist der Stand?

Diese Idee scheint aufzugehen. Mit der Eins Energie in Sachsen haben wir den ersten Kunden gewonnen. Hier greift die Skalierbarkeit: Wir entwickeln das Produkt kontinuierlich für unsere eigenen Anforderungen weiter. Wenn andere Stadtwerke oder kommunale Wohnungsunternehmen davon profitieren und ihren Kunden diesen Mehrwert bieten möchten, freut uns das.

Was macht Kubiks aus – und wo sehen Sie die wichtigsten Einsatzmöglichkeiten, gerade mit Blick auf Wärmenetze?

Der Kern ist eine Datenplattform, die nahezu in Echtzeit Verbräuche und Anlagenzustände bereitstellt. Das funktioniert mit moderner Messtechnik und einer deutlich differenzierteren Abrechnung – also nicht mehr über Pauschalen oder klassische Verdunstungsröhrchen. Kubiks ist die Datendrehscheibe. Sie schafft insbesondere dann einen Mehrwert, wenn wir künftig Wärmeübergabestationen im Massengeschäft betreiben. Dann unterstützt Kubiks beispielsweise auch die Betriebskostenabrechnung.

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