Gastbeitrag von
Volker Nies,
Leiter Unternehmenskommunikation bei Rhönenergie-Gruppe
Das wollten die Verantwortlichen des regionalen Energieversorgers Rhönenergie in Fulda nicht auf sich sitzen lassen: Einer ihrer Monteure, der gerade in einer Mietwohnung Wartungsarbeiten an einer Gasheizung vornehmen wollte, wurde von dem Mieter auf das übelste beschimpft – und das nicht etwa, weil er sein Handwerk nicht beherrscht hätte, sondern weil man ihm ansah, dass seine Vorfahren nicht aus Deutschland stammen.
Eine rasch durchgeführte Umfrage unter anderen Monteuren und in der Berufsgruppe der Busfahrer, in der die Migranten in der Mehrzahl sind, zeigte ein Bild, dass die Führung der Rhönenergie noch mehr erschütterte als das erste Ereignis: In den Reihen der Rhönenergie-Belegschaft berichtet die Mehrheit der Migranten, dass ausländerfeindliche Diskriminierungen zu ihrem Berufsalltag gehören.
Für die Führungsetage der Rhönenergie war klar: Sie wollen ein klares Signal abgeben – in die Richtung der eigenen Belegschaft und in die Teile der Öffentlichkeit, für die offen gezeigte Ausländerfeindlichkeit offenbar chic ist. "Wir werden in der Öffentlichkeit deutlich machen, dass jeder unserer Mitarbeitenden Respekt verdient hat – egal, welcher Herkunft er ist", kündigte Martin Heun, Sprecher der Geschäftsführung der Rhönenergie Gruppe, intern an.
Der Energieversorger wollte mit seinem Anliegen aber nicht allein in die Öffentlichkeit treten. Das Unternehmen sprach andere große Arbeitgeber mit vielen Mitarbeitern mit Kundenkontakt an. Angesprochen von der Rhönenergie, hatte jeder dieser Arbeitgeber von ähnlichen und ähnlich vielen ausländerfeindlichen Vorfällen zu berichten. Auf die Anfrage der Rhönenergie, ob man nicht gemeinsam in die Öffentlichkeit treten könnte, gab es nicht eine einzige ablehnende, nicht einmal eine zögernde Reaktion bei den anderen angefragten Unternehmen und Institutionen.
Schnell reifte der Entschluss, gemeinsam in die Öffentlichkeit zu treten – mit einer öffentlichen Erklärung, die auf einer ganzseitigen Anzeige in der örtlichen Tageszeitung "Fuldaer Zeitung" erschien, und Videostatements der beteiligten Unternehmen und Institutionen, die in Social Media und auf der eigens geschaffenen Web-Seite (www.respekt-zusammenhalt.de) veröffentlicht wurden. Für ein gemeinsames Foto versammelten sich die Verantwortlichen hinter dem Transparent mit der Aufschrift "Gemeinsam für Respekt und Zusammenhalt".
"Die elf Unterzeichner haben beobachtet, dass sich das Klima bei vielen Kundinnen und Kunden zu verändern scheint."
"Jeder Mensch – unabhängig von Kultur oder Hautfarbe – verdient den gleichen Respekt!", heißt es in dem Aufruf. Darin wenden sich die Fuldaer Institutionen und Unternehmen dagegen, dass migrantisch aussehende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter immer öfter unfreundlich und herablassend behandelt oder sogar beschimpft werden. Die elf Unterzeichner haben beobachtet, dass sich das Klima bei vielen Kundinnen und Kunden zu verändern scheint. Immer öfter würden Mitarbeitende ausgesprochen unhöflich angegangen – nur aufgrund ihrer Herkunft oder ihres Äußeren.
Betroffen von dieser negativen Entwicklung seien sehr viele Branchen – und ganz viele Mitarbeitende mit ausländischen Wurzeln, die zum Teil schon seit Jahrzehnten für ihre Arbeitgeber tätig sind. Dieser unerfreulichen Strömung stellen sich die elf Firmen und Verbände mit dem Aufruf entgegen. Sie wollen, dass Vielfalt nicht als Herausforderung, sondern als Stärke eines Unternehmens wahrgenommen wird. Sie erklären: "Als Unterzeichnende dieses Aufrufs treten wir für ein respektvolles Miteinander ein: Lassen Sie uns gemeinsam Osthessen zu einem Ort machen, an dem Vielfalt unsere Stärke ist. Denn Zusammenhalt macht uns stark!"
Neben der Rhönenergie, die den Aufruf initiiert hat, gehören folgende Unternehmen und Institutionen zu den Unterzeichnern des Aufrufs: Stadt und Landkreis Fulda, die IHK und die Kreishandwerkerschaft Fulda, der Arbeitgeberverband Osthessen, der Kreisverband Fulda des Deutschen Roten Kreuzes, die beiden Krankenhäuser Klinikum Fulda und Herz-Jesu-Krankenhaus Fulda, der Altenheimbetreiber Mediana sowie das Entsorgungsunternehmen Knettenbrech & Gurdulic.
Enorme Resonanz auf den Aufruf
Insgesamt beschäftigen diese Unternehmen und Institutionen mehr als 10.000 Mitarbeitende, die in ihrer Kernarbeit oft mit und für andere Menschen tätig sind. Kein einziger dieser Arbeitgeber könnte auf das Können und die Tatkraft der Beschäftigten verzichten, ganz egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund, erklären die Unternehmen.
Die Resonanz auf den Aufruf war enorm. Nicht nur die lokalen und regionalen Medien berichteten, sondern hessenweit wurden Radio- und Fernsehbeiträge zu der Aktion gesendet. Aus der Belegschaft aller beteiligten Unternehmen gab es viel Zustimmung. Viele der beteiligten Betriebe und Institutionen wollen den Inhalt des Aufrufs jetzt in ihr Leitbild integrieren. Die Rhönenergie hatte sich darauf eingestellt, dass es auf den Aufruf zumindest in den sozialen Medien Gegenwind geben könnte. Dort blieben kritische Stimmen aber vollkommen aus.



