Seit gut anderthalb Jahren gibt es die Stadtwerke-Initiative Klimaschutz der Arbeitsgemeinschaft für sparsame Energie- und Wasserverwendung (Asew) nun. Ein eher untypischer Zeitpunkt für eine erste Bilanz. Doch auch die Initiative musste dem gestiegenen Arbeitsaufkommen nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine und der davon ausgelösten Energiekrise Rechnung tragen. Dadurch verzögerte sich auch die Fertigstellung der ersten Arbeitsbilanz.
Im Gespräch stehen Goldy Raimann und Jonas Lepping vom Team Klima der Asew Rede und Antwort zu Ergebnissen, Herausforderungen und natürlich Lernfeldern.
49 Stadtwerke haben die erste Prüfrunde zur Einhaltung der Initiative-Kriterien erfolgreich durchlaufen. Welchen Schluss haben Sie aus der Auswertung der Ergebnisse gezogen?
Goldy Raimann: Sehr erfreulich für uns war zunächst, dass sich hinter der Zahl von 49 erfolgreichen Stadtwerken eine weitere Zahl verbirgt: Damit war nämlich unsere Prüfung zu 91 Prozent positiv. Nur eine Handvoll Mitglieder der Stadtwerke-Initiative schaffte es letztlich auch nach der Verlängerung des Prüfzeitraumes nicht, die Basis-Kriterien der Stadtwerke-Initiative zu erfüllen. Ihre Mitgliedschaft ruht nun, bis die Kriterienerfüllung nachgewiesen ist.
Jonas Lepping: Das ist auch zugleich eines der ersten Lernfelder, das sich im Rahmen unserer Arbeit herauskristallisiert hat: Den Arbeitsaufwand sollte man nicht geringschätzen! Die notwendige Datensammlung für die Erstellung der THG-Bilanz und die darauf aufbauende Dekarbonisierungsstrategie lassen sich nicht mal so eben aus dem Handgelenk schütteln; sie erfordern konzentrierte und kontinuierliche Arbeit bis zur Fertigstellung.
Die Dekarbonisierungsstrategien geben ja für die Zukunft vor, wie, bis wann und wodurch die beteiligten Unternehmen das Ziel der THG- oder Klimaneutralität erreichen wollen. Gibt es Gemeinsamkeiten, die sich hier durch alle Strategien ziehen?
Goldy Raimann: Die Stadtwerke haben in der Regel eine Dekarbonisierungsstrategie für Strom- und Wärmeversorgung sowie Mobilität geliefert. Doch es gibt in der Tat allgemeine Herausforderungen, die eine schnelle Umsetzung behindern. Eine zentrale Hürde ist etwa der hohe Investitionsbedarf für kohlenstoffarme Energiesysteme, der Stadtwerken finanziell viel abverlangt. Besonders für kommunale Energieversorger mit begrenzten Ressourcen ist dies belastend.
Den kurzfristigen Kosten der Dekarbonisierung die langfristigen Vorteile gegenüberstellen.
Weitere Herausforderungen sind die technologische Komplexität, beispielsweise durch die Integration erneuerbarer Energien in bereits überlastete Stromnetze; dies erfordert in Zukunft den raschen Netzausbau und eine intelligente Netzsteuerung. Ein weiterer Faktor sind die politischen Rahmenbedingungen, die, gerade wenn Vorgaben immer wieder aufgedröselt und in Frage gestellt werden, zunehmend unsicher und weniger zuverlässig kalkulierbar sind.
Und schließlich die Kund:innenakzeptanz und das Kund:innenengagement – hier müssen Widerstände überwunden und gegen vermeintliche Fakten argumentiert werden. Bewährt hat sich dabei, die Notwendigkeit der Dekarbonisierung zu vermitteln, indem kurzfristigen Kosten den langfristigen Vorteilen gegenübergestellt werden.
Welche konkreten Maßnahmen haben sich denn die Stadtwerke überlegt, um ihre in den Dekarbonisierungsstrategien definierten Ziele zu erfüllen?
Jonas Lepping: Das hängt maßgeblich vom übergeordneten Bereich ab. So liegt etwa der Fokus bei der Stromversorgung deutlich und vielleicht ja auch wenig verwunderlich auf dem Ausbau erneuerbarer Energien. Dabei gibt es durchaus regional spezifische Herausforderungen, etwa die Begrenzung verfügbarer Flächen für PV-, Wasser- oder Windanlagen; das führt mitunter dazu, dass Stadtwerke über ihren eigentlichen Aktionsradius hinaus in benachbarte Kommunen ausgreifen, um Projekte zu realisieren.
Das bedingt wiederum die Zunahme von Beteiligungsmodellen, mit denen viele unserer Mitglieder gute Erfahrungen machen konnten. Doch auch dann warten Herausforderungen in Form von Genehmigungsverfahren und Prüfprozessen, die die Realisierung von Projekten erheblich verzögern können.
Nicht alle Stadtwerke sind in der Lage, die Anforderungen einer kommunalen Wärmeplanung alleine zu bewältigen.
Im Wärmebereich ist die vorrangige Maßnahme eine kommunale Wärmeplanung. Allerdings sind nicht alle Stadtwerke in der Lage, diese Anforderungen zu bewältigen. Große Stadtwerke verfügen über das erforderliche Fachpersonal und können hier eigenständig in Zusammenarbeit mit der Kommune erfolgreich agieren. Bei mittelgroßen und kleinen Stadtwerken herrscht jedoch ein erheblicher Fachkräftemangel, weshalb die Zusammenarbeit mit Dienstleister:innen fast schon die Regel ist.
Im Mobilitätssektor sind mit der Dekarbonisierung einige Hürden verbunden. In städtischen Gebieten stellt der hohe Investitionsbedarf für die Elektrifizierung des ÖPNV eine große Herausforderung dar, in ländlichen Regionen sind wiederum völlig andere Mobilitätskonzepte erforderlich. Die fehlende Wirtschaftlichkeit von Carsharing verhindert eine flächendeckende Umsetzung, aber Stadtwerke sind aktiv dabei, ihre Fahrzeugflotten auf grüne Alternativen umzustellen.
Dabei gestaltet sich etwa die Umstellung punktuell schwierig, Stichwort Monteursfahrzeuge, wo es bisher weder erschwingliche Elektrofahrzeuge mit vergleichbarer Reichweite gibt, noch eine vollständige Umstellung der Notfallfahrzeuge empfehlenswert ist.
Viele Kommunen in Deutschland haben sich mittlerweile Klimaziele gegeben, die ein fest definiertes Ziel bis zu einem bestimmten Zieljahr erreichen wollen. Hat das Auswirkungen auf die Arbeit der Stadtwerke-Initiative?
Goldy Raimann: In der Tat eine sehr direkte. Viele Mitglieder der Initiative haben das in den zahlreichen Arbeitssitzungen immer wieder als eine zentrale Herausforderung angesprochen. Viele Kommunen haben teilweise schon seit mehreren Jahren Klimaschutzziele definiert, die alles eine Gemeinsamkeit eint: In irgendeiner Form zielen diese auf „Neutralität“ ab.
Hier aber zeigt sich schon eine Crux, denn wie definiert man diese Neutralität? Geht es um Klimaneutralität? Ist doch „nur“ THG-Neutralität angestrebt? Oder geht es um CO2-Neutralität? Aus streng wissenschaftlicher Sicht handelt es sich dabei um ähnliche Ergebnisse, doch es ist eben nicht alles dasselbe.
Was häufig nicht thematisiert wird, sind die unvermeidbaren Emissionen.
Hinzu kommen die verschiedenen Fristen, die sich die Kommunen zur Erreichung des Neutralitätsziels gesetzt haben. Was in den meisten Kommunen zudem häufig nicht thematisiert wird, sind die sogenannten unvermeidbaren Emissionen. Bei Energieversorgern handelt es sich typischerweise um vor- oder nachgelagerte Emissionen, die bereits vor „Eintritt“ des Produkts oder der Dienstleistung in die Unternehmensbilanz des Stadtwerks entstanden sind.
Ein Beispiel dafür sind regenerative Erzeugungsanlagen. Wenn diese Energie produzieren, entstehen keine direkten Emissionen. Allerdings verursacht die Anlage beim Bau, der Installation und Wartung durchaus Emissionen. Aufgrund dieser Vorkettenemissionen ist ein Energieversorger, der zu 100 Prozent auf erneuerbare Energien setzt, nicht automatisch treibhausgasneutral.
Der Umgang mit den unvermeidbaren Emissionen besteht derzeit hauptsächlich in der Kompensation, die oft durch die Finanzierung von klimafreundlichen Projekten im globalen Süden erfolgt, jedoch nicht in der eigenen Region. Stadtwerke möchten ihre regionale Verantwortung wahrnehmen und ihre Kommunen nachhaltig gestalten, aber in der aktuellen Lage ist dies nicht immer vollständig möglich.
Gibt es Lehren, die Sie aus dem gesamten Prozess gezogen haben?
Jonas Lepping: Eine zentrale Lehre war in jedem Fall, dass der Austausch in der Initiative den beteiligten Stadtwerken hilft, den Klimaschutz in ihrer Region aktiv voranzutreiben. Die Erfahrungen, die die Stadtwerke bei der Umsetzung verschiedener Maßnahmen oder den Planungen gemacht haben, haben dem gesamten Netzwerk letztlich geholfen, da sie in den Arbeitssitzungen intensiv besprochen wurden.
Eine wichtige Rolle spielten hierbei in jedem Fall die verantwortlichen Ansprechpartner:innen. Sie sind es oftmals, die die Energiewende und den Klimaschutz tragen und nach vorne bringen. Ausführlich stellen wir die gezogenen Lehren und die gemachten Erfahrungen übrigens im Rahmen unseres Jahresevents am 24. August vor. (Die Fragen stellte Hans-Peter Hoeren)
