Anfang August hat Holger Birl als neuer Vorstand der Pfalzwerke Netz AG Marc Mundschau abgelöst, der in den Vorstand der Pfalzwerke AG gewechselt ist. Nach seiner Promotion führte Birls Weg von Beginn an in die Energiewirtschaft: Seit 15 Jahren ist er mit dem Schwerpunkt „Netze“ in der Branche tätig. Zuletzt war er in der Pfalzwerke Netz AG als Prokurist und kaufmännischer Leiter beschäftigt.
Herr Birl, Sie starten ihre neue Aufgabe in einer sehr turbulenten Zeit an den Energiemärkten. Die traditionelle Energiepolitik und die bisherigen Wirkungszusammenhänge haben sich grundlegend verändert. Wo sehen Sie sich als Netzbetreiber künftig besonders gefordert?
Holger Birl:
Wir stehen gesellschaftlich vor der härtesten Bewährungsprobe seit Jahrzehnten. Die Mehrbelastungen für Kommunen, Bürger*innen und Stadtwerke sind derzeit unkalkulierbar. Es gilt, viele Aspekte gleichermaßen im Auge zu behalten und die bereits eingeleiteten Transformationsprojekte zügig weiter voranzutreiben und umzusetzen.
Wir machen aktuell unsere Netze fit für den Markthochlauf der Elektromobilität.
Zentrale Aufgabe ist und bleibt aber, die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Dafür bauen wir die Netzinfrastruktur aus und reagieren auf eventuelle Netzengpässe mit intelligenten Technologien, automatisierten Prozessen und neuen Produkten. Aktuell machen wir unsere Netze für die Integration der fluktuierenden Energiemengen und den Markthochlauf der Elektromobilität fit.
Ein stabiler und effizienter Netzbetrieb erfordert hohe Investitionen. Dadurch wächst im regulierten Bereich der Bedarf an Tiefbauleistungen. Mit Gründung unserer eigenen Gesellschaft im letzten Jahr, der LPN Tiefbau GmbH, behalten wir beim Netzausbau das Heft selbst in der Hand.
Sind Änderungen an der bisherigen Unternehmenspolitik der Pfalzwerke Netz geplant?
Nein. In Hinblick auf die bisherige Unternehmenspolitik wird es keinen fundamentalen Wechsel geben. Auf den Punkt gebracht: Vorausdenken mit 360-Grad-Blick, um die Region zukunftsfähig zu machen für eine nachhaltige Lebensweise. Dabei haben die Akzeptanz und Teilhabe der Bevölkerung und natürlich der Stadtwerke einen besonders großen Stellenwert für uns.
Stadtwerke müssen sich prozessual fit machen und ihr Dienstleistungsangebot erweitern.
Was bedeutet die Ausrufung der Alarmstufe durch die Bundesnetzagentur für Stadtwerke und Regionalversorger?
Birl:
Die Marktakteure, wie Stadtwerke und Regionalversorger, kümmern sich weiterhin in Eigenregie um ihre Belange. Jedoch erhöhen sich ihre Informationspflichten an die Bundesnetzagentur: Die Unternehmen sind jetzt verpflichtet, engmaschig aktuelle Daten wie Gasfluss, Netzkapazitäten und den Zugriff auf Speicher zu melden. Außerdem können sie die in der Frühwarnstufe genannten Maßnahmen ergreifen.
Bleibt die Handlungsfähigkeit der Stadtwerke bestehen?
Was die Handlungsfähigkeit der Stadtwerke anbelangt: Sie werden auch diese Krise überstehen, wenn sie flexibel bleiben. Das heißt, wenn sie ihre Risiken auslagern, sich prozessual fit machen und ihr Dienstleitungsangebot erweitern. Das wird vermutlich nur gelingen, wenn sie ihre Netzwerke professionalisieren. Das bedeutet aber auch, dass der Druck in Bezug auf Kooperationen wächst.
Die gleiche Herausforderung treibt auch die Pfalzwerke Netz AG an. In intelligenten Kooperationen mit Stadtwerken und Partnerunternehmen sehen wir die Chance, mit einem erweiterten Dienstleistungsangebot das Wertschöpfungspotential in den kooperierenden Unternehmen zu heben, und gleichzeitig auf die zunehmend komplexen energiepolitischen Herausforderungen zu reagieren. Das langfristige Unternehmensziel der Pfalzwerke Netz AG ist es, als Netzbetreiber der Region" DER Partner" der Stadtwerke zu sein.
Wie stark die Preiserhöhungen der Energieversorger sein werden, hängt davon ab, wie viele Neuverträge im Verhältnis zu Bestandsverträgen hinzukommen.
Im Juni hat der Bundestag das sogenannte Osterpaket zur Beschleunigung des Ausbaus der erneuerbaren Energien verabschiedet. Wie wirkt sich das Osterpaket auf regionale Netzbetreiber wie die Pfalzwerke Netz AG aus?
Das Osterpaket sehe ich als eine der bedeutendsten energiepolitischen Novellen der letzten Jahrzehnte. Künftig wird es demnach regional möglich sein, überschüssigen Strom aus Erneuerbare-Energien-Anlagen, die sonst aufgrund von Netzengpässen hätten abgeregelt werden müssen, für zuschaltbare Lasten zu nutzen.
Erwarten Sie, dass Energie-Unternehmen Insolvenz anmelden müssen? Und was bedeutet das für Kundinnen und Kunden?
Insolvenzen wurden bereits angemeldet, die Kundinnen und Kunden werden jedoch in der Grund- oder Ersatzversorgung vom örtlichen Grundversorger weiterversorgt. Laut Bundesnetzagentur haben bundesweit knapp 40 Unternehmen angekündigt, aufgrund gestiegener Einkaufskosten nicht mehr zu liefern. Betroffen sind vorrangig Versorger, die sich kurzfristig am Markt mit Strom oder Gas eindecken und das nun nicht mehr können.
Kundinnen und Kunden müssen mit Preiserhöhungen rechnen. Wie stark diese sein werden, hängt davon ab, wie viele Neuverträge im Verhältnis zu Bestandsverträgen hinzukommen. Dementsprechend wirkt sich die Größe des Energieversorgers nicht entscheidend auf den Preis aus. Im Gegensatz zu Discount-Anbietern nehmen Stadtwerke ihre Daseinsvorsorge wahr, auch wenn die Beschaffungspreise in die Höhe schnellen.
Die Energiekrise darf nicht zu einer gesellschaftlichen Zerreißprobe werden.
Müssen Energie-Unternehmen jetzt vom Staat gestützt werden?
Wenngleich viele Stadtwerke gut aufgestellt sind, können auch sie aufgrund der aktuellen Lage auf dem Gasmarkt in eine wirtschaftliche Schieflage geraten. Ich sehe den Bund in der absoluten Pflicht, diesen Stadtwerken die Hand zu reichen und sie zu unterstützen. Sie sind – wie andere Energieversorger auch – systemrelevant.
Dass sie und damit die allgemeine Versorgungssicherheit weiter bestehen bleiben, darf nicht vom Haushalt einzelner Kommunen abhängen. Die Energiekrise darf nicht zu einer gesellschaftlichen Zerreißprobe werden, in der die Stadtwerke und Regionalversorger das Nachsehen haben. Dann drohen auch die Leistungen der Daseinsfürsorge in den Städten und Gemeinden ins Hintertreffen zu geraten.
Wenn der Winter kalt wird, kann nichts mehr eingespeichert werden.
Wie ist der Ausblick auf den nächsten Winter?
Auch wenn in der Gesellschaft der Apell zum Energiesparen sicherlich angekommen ist, spielt die künftige Witterung eine wichtige Rolle. Wird es kalt, kann nichts mehr eingespeichert werden. Somit könnte das 95 Prozent-Ziel verfehlt werden. Eine seriöse Prognose kann zum jetzigen Zeitpunkt aus meiner Sicht noch nicht abgeben werden.
Aber auch wenn noch nicht alles auf Anhieb funktioniert, können wir hier und jetzt beweisen, dass wir als ein geeintes Europa durchaus in der Lage sind, uns von russischem Gas komplett unabhängig zu machen. Denn langfristig werden wir uns auf russische Gaslieferungen nicht mehr verlassen können.
Derzeit werden die Gasspeicher aus Belgien und den Niederlanden befüllt und auch für den Winter sehe ich alternative Gasimporte. Hier weitere Wege und Lösungen zu finden, ist eine gemeinsame europäische Aufgabe – und die Energieakteure in Europa sind durch den Gasbinnenmarkt gut vernetzt.
(Das Interview führte Hans-Peter Hoeren)



