Herr Böddeker, wie sehr haben die Verwerfungen an den Energiemärkten im vergangenen Jahr das Ergebnis der Stadtwerke Neumünster im vergangenen Jahr belastet?
Die Zahlen sind noch nicht testiert, insofern kann ich mich nicht wirklich dazu äußern. Wir hatten größere Belastungen und konnten diese aber durch Wachstum in anderen Bereichen kompensieren. Ich erwarte trotz der aktuellen Lage ein gutes Ergebnis, da wir auch einen großen, positiven Sondereffekt aus dem Verkauf einer Beteiligung im Netzbereich realisiert haben.
Wo genau hat die Energiekrise bei Ihnen zu höheren Kosten geführt und können Sie diese in etwa beziffern?
Ich würde die Ergebnisbelastungen durch die Energiemarktkrise im vergangenen Jahr mal auf rund 15 Mio. Euro taxieren. Der größte negative Effekt ist dadurch entstanden, dass wir zu Rekordpreisen Kohle für unser Heizkraftwerk nachkaufen mussten. Das war eine Folge der Coronakrise. Bereits vor dem Krieg haben wir beschlossen, unsere Kohlekessel gegen klimafreundlicherer Erdgasturbinen zu ersetzen. Außerdem war zum damaligen Zeitpunkt auch nicht klar, ob wir diesen Winter überhaupt ausreichend Gas zu Verfügung haben würden.
Alles in allem hat uns allein diese Nachbeschaffung rund acht Millionen Euro gekostet.
Eine Gasmangellage hat sich nun zum Glück nicht realisiert, aber die Kohle eingekauft haben wir insbesondere, damit die Stadt Neumünster im Notfall "nicht kalt wird". Die ganze Situation war nicht einfach, da auch noch eine Verzögerung bei der Lieferung der Gasturbinen dazu kam. Der Aufwand durch die Verzögerung und die angespannte Situation am Energiemarkt war enorm. Wir haben in Brüssel anfragen müssen, ob wir die Kohle überhaupt kaufen durften.
Als das Okay da war und die notwendigen Mengen am Hafen in Brunsbüttel angekommen waren, hat sich das Ganze noch Mal um zwei weitere Monate verzögert. Grund dafür war, dass es keine Transportmöglichkeiten per Bahn gab. Alles in allem hat uns allein diese Nachbeschaffung rund acht Mio. Euro gekostet.
Können Sie das noch ein bisschen konkreter machen?
Für die Wärmeproduktion wird in unserer Kraftwerksanlage unter anderem Salzsäure zur Enthärtung des Wassers benötigt. Da durch den Krieg in der Ukraine die Mengen am Markt, wie in vielen anderen Bereichen auch, drastisch gesunken sind, hat unser Lieferant aufgrund von höherer Gewalt die Lieferung eingestellt. Zu diesem Zeitpunkt hätten unsere Vorräte nur noch 14 Tage gereicht.
Allein das ganze "Hin und Her" um die Gasumlage hat uns einen sechsstelligen Betrag gekostet.
Ohne Salzsäure hätten wir dann die Wärmenetze runterfahren müssen, ohne zu wissen, ob wir diese wieder in Betrieb nehmen können, ob diese Risse bekommen oder ganz kaputt sind. Also haben wir uns in ganz Europa nach einem Ersatz umgesehen und haben tatsächlich eine Umkehr-Osmoseanlage erwerben können.
Mit dieser Anlage sind wir in der Lage, das benötigte Wasser so aufzubereiten, dass die Kapazität der benötigten Salzsäure um circa Faktor 10 verlängert werden kann. Ein weiterer nicht zu vernachlässigender Punkt ist das ganze „Hin und Her“ um die Gasumlage und das damit einhergehende Versenden von Briefen an Zehntausende Kunden. Allein diese Prozesse haben uns einen sechsstelligen Betrag gekostet.
Und diese ganzen Belastungen haben Sie über das operative Geschäft wieder kompensieren können?
Wir haben das aufgrund der guten Arbeit der vergangenen Jahre wegstecken können. Und das ist auch wichtig für unsere zukünftigen Herausforderungen. Mit Blick auf die Umsetzung der Energie- und Wärmewende und die Klimaneutralitätsziele in Neumünster sind wir natürlich auf solide und berechenbare Einnahmen angewiesen. Wir werden noch in diesem Jahr eine Dekarbonisierungsstrategie vorlegen, aus der auch hervorgehen soll, wie die Wärmeversorgung in Neumünster 2035 aussehen soll.
Wir beschäftigen uns aktuell im Detail mit dem Thema Tiefengeothermie.
Die Teilprivatisierung der Wärmeversorgung in Neumünster ist vom Tisch, der Einstieg eines finanzkräftigen Investors ist damit passé. Was für realistische Optionen bleiben für die Wärmewende in Neumünster?
Die Optionen sind grob gesagt eine technische Erneuerung unserer Thermischen Abfallverbrennungsanlage oder die Erschließung von Tiefengeothermie. Mit letzterer Möglichkeit beschäftigen wir uns aktuell im Detail.
Bei beiden Varianten geht es schnell um Investitionssummen im hohen dreistelligen Millionenbereich. Gleichzeitig wollen wir weiter auch in regenerative Energien investieren. Wir nehmen in Kürze unseren ersten PV-Park in Betrieb und suchen weitere Projekte in der Region sowie auch überregional. Wir wollen bis 2030 den benötigten Strom nahezu in Gänze aus eigenen erneuerbaren Anlagen abdecken.
Im PV-Bereich suchen sie ja noch einen finanzkräftigen Partner, der mit seinem Einstieg die Investitionsmöglichkeiten noch einmal erweitern könnte. Wie weit sind Sie bei der Suche, gibt es da konkrete Kandidaten?
Im letzten Jahr haben wir die SWN Natur GmbH, sowie in einem zweiten Schritt deren Tochter, die SWN Solar GmbH gegründet. Mit dieser wollen wir zukünftig die Entwicklung von Solarparks in Norddeutschland voranbringen und unseren Kundinnen und Kunden eigene Ökostromprodukte anbieten.
Partner für die Projektentwicklung, den Bau und die Finanzierung ist die Future Sun GmbH. Die Future Sun GmbH ist eine Gesellschaft der Family Office Reinartz. In der SWN Solar GmbH tritt sie als Dienstleister für die Planung, Entwicklung und die Investorensuche auf, während die SWN Natur GmbH die Projektentwicklung sowie den Stromerwerb aus den gemeinsam entwickelten Solarparks übernehmen wird.
Wir hatten das nötige Quäntchen Glück.
Die Lage am Energiemarkt hat sich seit einigen Monaten entspannt, die Gaspreise gehen sukzessive weiter zurück. Wird dieser Trend anhalten oder ist es für ein Aufatmen noch zu früh? Rechnen Sie mit einem ähnlich herausfordernden Jahr an den Energiemärkten wie 2022?
Ich denke für Entspannungsparolen ist es in der Tat noch zu früh. Der Krieg ist ja noch nicht beendet. Ich würde mich natürlich freuen, wenn der derzeitige Trend am Energiemarkt anhält. Wir werden mit Sicherheit innerhalb der nächsten vier, fünf Monate zwei Dinge tun. Wir werden uns zum einen täglich mit unserem Marktrisikokomitee das Thema Beschaffung ansehen.
Und zum anderen werden wir mindestens wöchentlich unserer Forderungsmanagement und die Reaktionen auf der Kundenseite monitoren und schauen, wie wir darauf reagieren müssen. Wenn der Markt weiterhin auf diesem Niveau bleiben sollte, werden wir unsere Preise in diesem Jahr noch nach unten anpassen.
Die Stadtwerke Neumünster müssen perspektivisch weiterhin Schulden abbauen und die Bilanzstruktur verbessern. Wie herausfordernd war das Thema Liquiditätsmanagement für die SWN im vergangenen Jahr?
Wir hatten das Glück, dass wir im ersten Quartal 2022 noch vor dem Ausbruch des Krieges eine Anleihe als ersten Test im Markt begeben haben und uns zusätzlich einen festen Liquiditätsrahmen bei den Banken zu bestimmten Konditionen abgesichert haben. Wir hatten hier das nötige Quäntchen Glück. Hätten wir das ein halbes Jahr später gemacht, wären es für uns wahrscheinlich nicht glimpflich ausgegangen.
(Die Fragen stellte Hans-Peter Hoeren)
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Ein ausführlicher Artikel über die Stadtwerke Neumünster und den erfolgreichen Ausbau ihrer Geschäftsfelder Telekommunikation und E-Mobilität ist im vergangenen Monat in der Märzausgabe der ZfK erschienen.



