Bis 2040 wollen die Stadtwerke Hildesheim klimaneutral sein. Ein Ziel, an das Vorstand Mustafa Sancar fest glaubt. Bundesweit sind allerdings nicht alle Manager so zuversichtlich gestimmt.
Paul Anfang, Mitglied des Vorstands der Pfalzwerke, etwa stellte das Stichjahr 2045 für die Net-Zero in Frage. „Der Ausbau der Netze wird viel Zeit in Anspruch nehmen“, mahnte der Manager des Flächenversorgers bei der Handelsblatt Jahrestagung. Im Bereich der kommunalen Wärmeplanung sei es „Wahnsinn, was diese kleinen Ortschaften und Bürgermeister leisten müssen“.
Am Rande der Jahrestagung erklärte Mustafa Sancar der ZfK im Interview, warum er zuversichtlich ist.
ZfK: Herr Sancar, warum sind Sie bezüglich der Wärmewende positiv gestimmt?
Sancar: Ein gewisser Pragmatismus ist wichtig und ich denke da gerne an das Sprichwort: Die Karawane ordnet sich auf dem Weg. Natürlich haben wir einerseits die richtigen und wichtigen Grundsteine gelegt, andererseits wird es auch Technologieschübe geben, die wir für uns auf dem Weg nutzen werden. Und wir sind nicht allein: Sehr viele Stadtwerke stehen vor dieser Herausforderung.
Wie ist das Wärmegeschäft in Hildesheim heute aufgestellt?
Wie bei vielen Versorgern ist es hauptsächlich Gas. Unsere Fernwärme wollen wir massiv ausbauen und peilen eine Verdreifachung der aktuellen Kapazitäten bis 2031 an. Den Rest wollen wir mit einem intelligenten Mix aus Wärmepumpe und Quartierlösungen schaffen.
Digitaler Zwilling für die Stadt
Woraus ergibt sich dieser Mix?
Wir haben einen digitalen Zwilling zur Unterstützung der regionalen Klima- und Energiewende entwickelt, um das kommunale Energiemanagement planbar und messbar zu machen. Der digitale Zwilling bildet alle Energieströme und Energiedaten der Stadt Hildesheim ab, was es ermöglicht, CO2-Emissionen auf Knopfdruck für einzelne Stadtteile, Quartiere und sogar auf Gebäudeebene zu ermitteln.
Die Transparenz schafft Potenziale für Effizienzmaßnahmen und erneuerbare Energien, um das langfristige Ziel der Klimaneutralität zu erreichen.
Wie gehen Sie die Herausforderung konkret an?
Wir haben in den letzten zwei Jahren einen umfangreichen Strategieprozess „2030+“ durchlaufen, in den wir alle Organisationseinheiten mitgenommen und unsere konkreten strategischen Ziele vereinbart und fixiert haben.
Dort haben wir uns die Frage gestellt: „Wie sieht die Stadt in den 2030er-Jahren aus und was sind Kundenanforderungen an uns, damit wir unseren Beitrag für ein klimagerechtes und gutes Leben leisten?“ Verkürzt kann man sagen, dass sich vier zentrale Eckpunkte ergaben. Zunächst steht die Kundenzentrierung im Mittelpunkt: Wir schaffen Mehrwerte und bieten Lösungen, mit denen unsere Kunden ihr Leben bereichern und ihren Beitrag für die Energiewende einbringen können.
Weitere Punkte sind die Versorgungssicherheit und Nachhaltigkeit, die wir als Unternehmen heute und auch in Zukunft sicherstellen. Dabei ist uns Regionalität und die Zusammenarbeit mit der Stadtgesellschaft, um auch den Wirtschaftskreislauf der Stadt und Region zu fordern und zu fördern, sehr wichtig. Um das zu ermöglichen, müssen wir aktiv Digitalisierungschancen nutzen.
Am Ende ist es jedoch auch eine Haltungs- und Unternehmenskulturfrage, ob wir als Unternehmen die Aufgabe als „Energiewendegestalter“ in Hildesheim annehmen wollen – und ja, das wollen wir.
Keiner kennt die Menschen und Gegebenheiten von in Hildesheim so gut wie wir, das gilt es zu nutzen.
Was raten Sie Stadtwerken, denen die Wärmewende mehr Bauchschmerzen als Inspiration bereitet?
Zunächst würde ich am Mindset der Menschen ansetzen und auch die Schwarmintelligenz im Unternehmen und auch anderer Stadtwerke einbinden. Fakt ist: Wir sind als Versorger Energiewendegestalter vor Ort und müssen Lösungen für die Zukunftsfähigkeit unseres Standortes schaffen.
Unerlässlich sind auch Netzwerke, hierzu bieten sich auch strategische Kooperation an. Man kann auch unternehmensübergreifend, also mit anderen Versorgern, an Themen arbeiten oder auch kompetenzorientiert gegenseitig füreinander Lösungen anbieten.
Organisierter Austausch mit Wolfenbüttel, Salzgitter, Garbsen und Peine
In welchem Bereich arbeiten Sie im Netzwerk?
Wir haben letztes Jahr einen tollen Managementkreis gegründet, mit mir sitzen dort die Geschäftsführungen der Stadtwerke in Wolfenbüttel, Salzgitter, Garbsen und Peine. Wir treffen uns einmal im Quartal und sprechen über aktuelle Herausforderungen und Best-practise-Beispiele, um für die ähnlich gelagerten Fragestellungen, passende Antworten zu finden. Wenn man so ein Vertrauensverhältnis hat, ist die gemeinsame Arbeit sehr befruchtend.
Wo sehen Sie momentan das größte Hindernis für die Wärmewende?
Wir können das nur gemeinsam schaffen, wir brauchen daher auch von der Politik stabile Rahmenbedingungen in Bezug auf Investitions- und Rechtssicherheit. Zudem beschäftigt uns die komplexe Planung und wir müssen auch eine Akzeptanz bei den Endkunden schaffen, die letztlich durch ein sehr gutes Preis-Leistungsverhältnis sichergestellt sein muss.
Letzteres hoffen wir durch Transparenz mit unserem „Klimadashboard“ zu verbessern. Dort werden wir für jeden Stadtteil die verschiedenen Maßnahmen zeigen und wie viel CO2 sie einsparen. So zeigen wir, welchen Mehrwert Fernwärme ökologisch und ökonomisch leisten kann.
Und was sind Ihre bisherigen Erfolge in Hildesheim?
Wir haben als Organisation die Herausforderungen der letzten drei Jahre sehr gut gemeistert und sind ein kerngesundes Unternehmen. Auch in Bezug auf unseren Auftrag, die Energiewende voranzutreiben, sind wir sehr gut unterwegs: Wir haben den massiven Ausbau der Fernwärme entschieden.
Jede dritte private Ladeinfrastruktur bauen wir. 70 Prozent der öffentlichen Ladeinfrastruktur kommt von uns.
Jede dritte PV-Anlage in Hildesheim bauen wir. Und mit unserem neuen Produkt beteiligen und ermöglichen wir zukünftig noch mehr Menschen am Photovoltaik-Ausbau: Wir bieten, neben dem Direktverkauf, nun jetzt auch ein Pacht- bzw. Mietmodell für PV an. Zudem bieten wir Photovoltaik-Lösungen auch als White-Lable-Lösung für andere Stadtwerke an.
(Das Interview führte Pauline Faust)

