Die Wandel des Stadtwerkevertriebs vom klassischen Commoditygeschäft hin zum „Energiewende-Dienstleister“ ist für die Kommunalwirtschaft eine große Herausforderung.
„Wir kommen aus dem standardisierten, wenig kapitalintensiven Massenkundengeschäft und sollen jetzt in einen komplexen, sehr personalintensiven und zum Teil auch kapitalintensiveren Geschäftszweig aufbauen. Das ist eine komplette Kehrtwende vom dem, was wir bisher konnten“, sagte Carsten Liedtke, Sprecher des Vorstands der Stadtwerke Krefeld (SWK) beim „Energy for Future Leaders Kongress“ in der Energieforen in Leipzig.
Für diese Herausforderung habe die Branche aber noch keine Lösung gefunden. „Wir wollen und müssen Energiewende-Dienstleister sein, kennen dieses Geschäftsmodell aber noch gar nicht“, so Liedtke weiter.
Liedtke: "Bekommen permanent Listen, wo wir überall aussteigen sollen"
Hier benötige man künftig einen Businesscase, der für Stadtwerke unterschiedlichster Größen funktioniere. „Wenn wir ehrlich sind, haben wir dieses Geschäftsmodell noch nicht gefunden“, so der SWK-Chef.
Die Kommunalwirtschaft sehe sich permanent mit neuen Zielsetzungen seitens der Politik konfrontiert. „Wir bekommen permanent Listen, wo wir überall aussteigen sollen und am Ende sind wir diejenigen, die herausfinden sollen, wie wir das hinbekommen“.
Mit den Themen Bezahlbarkeit, Technische Machbarkeit und Versorgungssicherheit werde die Energiebranche hingegen allein gelassen. „So wird es auf Dauer nicht funktionieren, wir brauchen endlich eine funktionierende Einstiegsstrategie“, schloss Liedtke.
Andreae: "So bekommen wir die Politik auf unsere Seite"
„Die Energiebranche muss sich klar zum Ziel Klimaneutralität committen und alles dafür tun. Dann bekommen wir auch die Politik auf unsere Seite“, erklärte Kerstin Andreae, Hauptgeschäftsführerin des Verbands BDEW. Die Finanzierung der für die Transformation der Energiewende notwendigen Investitionsvolumina sei dabei der entscheidende Schlüssel.
Piehler: "In Sachsen muss jetzt bei der Energiewende etwas passieren"
Die größte Herausforderung ist ohne Zweifel die Wärmewende. „Hier brauchen wir Wärmenetze in den hochverdichteten Bereichen der Stadt“, ergänzte Maik Piehler, Geschäftsführer der Stadtwerke Leipzig. Ob Abwärme oder Wasserstoffoptionen hier müsse man letztlich alle Register ziehen.
Die Wärmewende werde in jedem Ort dabei ein bisschen anders aussehen. Ohne Erneuerbarenausbau in der Region werde die Wärmewende aber nicht funktionieren. „Hier hat Sachsen unglaublich viel Potenzial und hier muss jetzt etwas passieren, auch auf politischer Ebene und in puncto Akzeptanz vor Ort“. Der Freistaat zählte in den letzten Jahren regelmäßig zu den Schlusslichtern beim Erneuerbaren-Ausbau.
VNG-Konzerndirektor Hill: "Warum muss immer von Anfang an alles zu 100 Prozent grün sein?"
Für mehr Technologieoffenheit bei der Dekarbonisierung warb Oliver F. Hill, Konzerndirektor der VNG AG. „Je schneller einzelne Elemente der CO2-Reduzierung erfolgen, umso besser. Aber warum sperren wir uns gegen die schrittweise Umsetzung, etwa durch eine Beimischung von Wasserstoff zum Erdgas. Warum muss es immer von Anfang an zu 100 Prozent grün sein?“, fragte Hill. Gleichzeitig machte er sich für eine Umwidmung der Erdgas- in Wasserstoffnetze stark.
Eiting: "So kann Energiewende funktionieren, dann entstehen auch neue Arbeitsplätze"
Für Andreas Eiting, Geschäftsführer der Netze Duisburg, ist „Gas nicht tot“, sondern künftig „anders“. „Wenn wir die Verteilnetze mit Blick auf den Restanteil Gas umwandeln, die Strom- und Fernwärmenetze auf die Ausbauanforderungen hin transformieren, dann kann Energiewende auch funktionieren und es können neue Arbeitsplätze entstehen“, verdeutlichte er.
Die Energiewende erfordere allein in Duisburg das Zweieinhalbfache der bisherigen elektrischen Leistung auf Hoch- und Niederspannungsebene. Dafür müssten 2000 Kilometer an Leitungen in der Stadt ausgebaut werden, 18 Umspannwerke umgebaut oder erneuert werden sowie ein komplett neuer Netzkoppler angeschafft werden.
Rauhut: "Agilisierung der Mitarbeitenden ist zentral"
Angesichts dieser mannigfachen Transformationsherausforderungen setzt Mainova-Vorständin Diana Rauhut vor allem auf eine unternehmensweite und branchenübergreifende Bündelung der Kräfte. Als Beispiele nannte sie Prozessvereinfachung und Skaleneffekte, wie etwa durch die Abrechnungsplattform der Thüga oder branchenübergreifende Smart-City-Initiativen.
Aber auch die Agilisierung der eigenen Mitarbeitenden sei zentral. „Die Herausforderungen kommen so schnell und individuell, dass ich viel Verantwortung an die Basis geben und darauf vertrauen muss, dass die Mannschaft in der Lage ist, selbständig zu agieren“.
Rösch: "Anpassungsfähigkeit erhalten durch mehr strategische Führung"
In der Anpassungsfähigkeit der jeweiligen Organisation liegt für Hannes Rösch, dem Geschäftsführer der Stadtwerke Lindau, der Schlüssel für die Zukunftsfähigkeit, insbesondere eines kleineren Stadtwerks. „Corona war für uns ein Glücksfall, dadurch haben wir den Weg in die Digitalisierung geschafft“, so Rösch.
Jetzt gelte es anpassungsfähig zu bleiben. Dabei komme es insbesondere darauf an, wie gut und schnell die Führung eines Unternehmens sich auf verändernde Vorgaben und Rahmenbedingungen einstellen könne.
„Die Bereichsleiter und die Geschäftsführungsebene dürfen dazu nicht zu stark im operativen Geschäft verhaftet sein“. Rund 70 Prozent ihres Arbeitspensums müsse aus strategischer Führung bestehen. (hoe)



