Was müssen Kommunalversorger bei ihrem Krisen-/Risikomanagement derzeit beachten? Wie gefährlich ist diese Krise für ihre Existenz?
Jörg Stäglich, Global Head Utilities und Partner bei Oliver Wyman: Die Auswirkungen sind – insbesondere im Vergleich zu anderen Branchen – nicht existenzbedrohend, jedoch wird das Geschäftsmodell in einigen Bereichen des Vertriebs in Frage gestellt.
Wir sehen die Situation der Kommunalversorger aus zwei Blickwinkeln. Der eine ist die Rolle des Versorgers als Betreiber Kritischer Infrastruktur. Hier sind die meisten Energieversorger durch entsprechende Krisenpläne bestmöglich vorbereitet – auch im Vergleich mit anderen Branchen. Die andere Sicht bezieht sich auf die Geschäftsseite und darauf, wie es den Kommunalversorgern im wettbewerblichen Bereich geht. Hier stellen wir fest, dass es auf der Vertriebsseite Nachfragerückgänge gibt. Über die verschiedenen europäischen Länder hinweg sehen wir hier einen zehn- bis 15-prozentigen Rückgang. Das betrifft insbesondere das Industrie- und das Gewerbekundensegment, wo wir die größten Umsatzrückgänge beobachten.
Dabei stellt sich die Frage, ob die Versorger auf diese Umsatzeinbußen mit Kostenreduktion reagieren müssen. Dies ist insbesondere dann zu überlegen, wenn diese Rückgänge nicht nur kurz- sondern mittel- bis längerfristig sein können – durch nachhaltige, negative Einflüsse auf das Wirtschaftswachstum, wie aktuelle Prognosen von minus sieben Prozent für die Euro-Zone andeuten. Dies ist jedoch differenziert zu betrachten, da die unterschiedlichen Brachen in sehr verschiedenem Ausmaß betroffen sind.
Zudem müssen Kommunalversorger auf ihre Liquidität achten, da mit höheren Zahlungsausfällen über alle Kundengruppen zu rechnen ist. Für Häuser mit Handelsaktivitäten ergibt sich außerdem ein weiterer Liquiditätsbedarf getrieben durch Volatilität und Marktopportunitäten und ansteigenden Margenausgleichen.
Das Thema Liquidität und Forderungsmanagement gewinnt damit insgesamt bei Energieversorgern an Bedeutung.
Wie können kommunale Unternehmen in dieser Zeit dennoch punkten?
Thomas Fritz, Partner Energiewirtschaft bei Oliver Wyman: Digitalisierung zählt jetzt doppelt. Kommunale Unternehmen haben jetzt einmal mehr die Möglichkeit, mit digitaler, kundenfreundlicher Interaktion in den Kundenprozessen zu überzeugen. Dies kann sich etwa auf den Vertrieb, die Einrichtung von Hausanschlüssen oder das Beheben von Störungen beziehen. Denn auch bisher nicht digital-affine Kundengruppen erfahren gerade branchenübergreifend diese Art von digitaler Interaktion. In der Konsequenz werden noch mehr Kunden auch von ihren Energieversorgern eine kundenfreundliche, digitale Interaktion erwarten.
Dennis Manteuffel, Principal Energiewirtschaft bei Oliver Wyman: Das Thema Digitalisierung wird hier in zwei Dimensionen wichtig: Kunden lernen gerade, dass sehr viel digital möglich ist und erwarten dies auch von ihrem Energieversorger. Gleichzeitig sind die durch Digitalisierung realisierbaren Kosteneinsparungen auf Grund der erwarteten Umsatzrückgänge wichtiger denn je.
Thomas Fritz: Zudem können kommunale Unternehmen ihren Umgang mit Zahlungsausfällen vor dem Hintergrund des Versorgungsauftrags und des Sozialprinzips – mit Augenmaß – für eine positive Außenwahrnehmung nutzen. Dies kann in Verbindung mit der hohen Versorgungsstabilität das Image von Energieversorgern nachhaltig positiv beeinflussen.
Wenn die großen Industrieunternehmen still stehen, bricht den Energieversorgern ein großer Teil ihrer Einnahmen weg. Wie lange lässt sich dieser Zustand aufrecht erhalten, bzw. wie kann ich hier als Unternehmen wirksam entgegensteuern?
Thomas Fritz: Der Umsatzanteil sieht bei den Energieversorgern sehr unterschiedlich aus. Darüber hinaus ist in den meisten Fällen der Ergebnisanteil aus dem B2B-Geschäft gering. Die Auswirkungen hängen primär von der Eindeckungsstrategie ab.
Größere Rückgänge sind aktuell eher im Bereich der Gewerbekunden zu beobachten, die insbesondere auch bei kommunalen Unternehmen einen größeren Anteil haben und auch ergebnisseitig eine höhere Bedeutung haben.
Bei anhaltenden Umsatzrückgängen muss hier auch eine entsprechende Reaktion auf der Kostenseite erfolgen. Zudem gilt es, neue Geschäftsfelder anzugehen, die auch weiter Relevanz haben: Lösungen rund um dezentrale Energieversorgungskonzepte oder auch Leistungen rund um das Haus jenseits der Commodity-Lieferung etwa haben keineswegs an Relevanz eingebüßt.
Des Weiteren stehen diesen Rückgängen Verbrauchszuwächse im Privatkundenbereich gegenüber – zwar mit geringerem Umsatz, jedoch mit durchschnittlich höheren Margen.
Am Terminmarkt fallen zudem die Preise stark, die Energielieferverträge für die kommenden Jahre schießen dagegen bei digitalen Handelsplätzen in die Höhe (siehe https://www.zfk.de/energie/strom/artikel/ce34097164f885d2cc688cbb0a621fc7/gefallene-terminmarktpreise-sorgen-fuer-run-auf-online-ausschreibungen-2020-04-07/) …
Dennis Manteuffel, Principal Energiewirtschaft bei Oliver Wyman: Diese Entwicklung bedeutet weiteren Margendruck auf das B2B-Geschäft, da Unternehmen zunehmend direkt auf solche Plattformen setzen und den klassischen Energieversorger umgehen. Auch hier gilt: Was sich jetzt einmal als machbar erweist, wird wahrscheinlich nach der Krise fortgeführt.
Die Fragen stellte Stephanie Gust
