Malte Küper, Referent für Energie und Klimapolitik am Institut der deutschen Wirtschaft Köln, geht aktuell nicht davon aus, dass die Endkundenpreise demnächst deutlich anziehen werden. Seiner Einschätzung nach sind die gestiegenen Preise nicht auf eine tatsächliche Beeinträchtigung der Gasversorgung zurückzuführen, sondern vielmehr auf Sorgen um zukünftige Risiken.
Tatsächlich bewegen sich die Endkundentarife auf den gängigen Vergleichsportalen derzeit in einem gemäßigten Preiskorridor. Große Preissprünge unter den günstigen 10 bis 20 Tarifen waren aktuell nicht zu sehen.
Bullishe Preisbewegung
Vor allem durch geopolitische Spannungen getrieben, haben die Gas- und dann auch die Strompreise an den Terminmärkten in den vergangenen Wochen deutlich zugelegt. So erreichte nachmittags am 16. August der Frontjahr-Kontrakt am deutschen Handelspunkt THE für eine Megawattstunde Erdgas einen Preis von 43,03 Euro – ein Wert, der zuletzt Anfang Dezember 2023 (43,34 Euro pro MWh) übertroffen wurde.
Der Frontmonat-Kontrakt erreichte sein bisheriges Hoch am 12. August. Er notierte bei 40,68 Euro pro MWh. Danach gab er allerdings etwas nach und erreichte am freitagnachmittag 39,57 Euro pro MWh. Auch bei Strom bewegt sich der Cal-25-Kontrakt mit 100,25 Euro pro MWh aktuell recht weit oben.
Geopolitische Spannungen
Zu den geopolitischen Spannungen zählt Küper unter anderem die drohende Eskalation im Nahen Osten sowie die Befürchtung, dass der ukrainische Vormarsch zu Schäden an der Gasstation in der russischen Stadt Sudscha führen könnte.
Über diese Station laufen die Gastransporte des russischen Erdgases nach Europa. Allerdings habe die Bedeutung dieser Transitroute durch die fortschreitende Diversifizierung der europäischen Gasversorgung deutlich nachgelassen, erläutert der Marktexperte. Derzeit steuert sie rund fünf Prozent zur europäischen Gasversorgung bei.
50 Euro pro MWh sind möglich
Diese Risiken für die Gasversorgung Europas hätten das Potenzial, die Gaspreise über die 50-Euro-Marke zu schieben, warnt Joachim Endress, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, in seiner wöchentlichen ZfK-Gaskolumne. Bis heute sei es nicht zu einem Stopp der Transitlieferungen gekommen und Iran habe bisher keine Vergeltungsaktion gegen Israel verübt. Bei ansonsten guter Versorgung werden daher die Risikoprämien stückweise ausgepreist, führt Endress aus.
Jedoch seien die Faktoren, die für einen erneuten Aufwärtsschub der Gaspreise sorgen könnten, derzeit deutlich stärker einzuschätzen als eine mögliche Abwärtsbewegung. Die Händler stellen sich langsam darauf ein, dass die Gasflüsse durch die Ukraine bereits vor Ende des Jahres stoppen könnten.
Der Bundesverband der Energieabnehmer, VEA, sieht hingegen keine Gründe für einen deutlichen Anstieg: "Denn einerseits sieht er keine Motivation der Ukraine vorzustellen, das Gas abzudrehen, da auch diese wirtschaftlich von Durchleitung profitieren", hieß es auf ZfK-Anfrage. Andererseits sei auch Gasversorgung Europas auch ohne Ukraine-Transit möglich.
"Bei den Kunden nehmen wir derzeit keine Unsicherheiten wahr" Bundesverband der Energie-Abnehmer (VEA)
"Bei den Kunden nehmen wir derzeit keine Unsicherheiten wahr – sie sind deutlichere Preisbewegungen aus den letzten Jahren gewöhnt. Sehr marktaffine Kunden suchen das Gespräch, wir sehen die Lage am Energiemarkt aber aktuell noch nicht zu angespannt."
Auch Malte Küper vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln kann derzeit keine besondere Nervosität am Markt wahrnehmen. "Der größte Unterschied zu der Beschaffungskrise vor zwei Jahren ist die deutlich verbesserte Versorgungssituation, gut ausgebaute LNG-Infrastruktur volle Gasspeicher und ein hoher Diversifizierungsgrad der europäischen Versorgung", sagte er der ZfK.
Keine einheitliche Handelsstrategie
Eine einheitliche Beschaffungsstrategie sieht Volker Puck, Managing Director der OTC-Handelsplattform Enmacc, derzeit nicht. "Einige Teilnehmer der Handelsplattform halten sich zurück und erwarten rückläufige Preise, einige wiederum deckten sich bereits ein und tun dies auch weiterhin." Die Aktivität auf der Plattform sei trotz oder vielleicht auch wegen der steigenden Preise derzeit leicht erhöht.
Diesen Umstand erklärt Puck untere anderem durch die Lerneffekte der Versorge, die sie während der Beschaffungskrise gesammelt haben, "es wird oftmals schneller auf Marktbewegungen reagiert und so werden Risiken begrenzt", sagte Puck der ZfK. Anstatt Volumen zu "sammeln" würden Positionen kleinteiliger geschlossen, was mittlerweile durch den hohen Automatisierungsgrad auf der Beschaffungs- und insbesondere Anbieterseite auch effizient darstellbar sei.
"Ich glaube nicht, dass höhere Preise für die Versorger ein Problem darstellen. Die Industrie blickt da natürlich anders darauf" Volker Puck, Enmacc
Preisverfall wäre ein größeres Problem
Problematischer als ein möglicher Preisanstieg wäre aus seiner Sicht ein deutlicher Preisverfall, der den wettbewerbsfähigen Vertrieb für die Versorger, die sich 2023 noch teuer eingedeckt haben, erschwert. "Ich glaube nicht, dass höhere Preise für die Versorger ein Problem darstellen. Die Industrie blickt da natürlich anders darauf", räumte er ein.
Auch der VEA nimmt derzeit keine Unsicherheiten bei den Kunden wahr, sie seien "deutlichere Preisbewegungen aus den letzten Jahren gewöhnt". Sehr marktaffine Kunden würden dabei das Gespräch mit dem Verband suchen. Unter dem Strich sehe der Verband die Lage am Energiemarkt aktuell als "noch nicht zu angespannt".
Die Industrie und Gewerbe seien derzeit preislich nah am Großhandelspreis, "wer jetzt Tranchen kauft oder Festpreise abschließt, macht dies auf einem höheren Niveau als in den letzten Wochen", so der Verband.
Doch die Preisschwankungen zuletzt stünden in keinem Verhältnis zu den Preisen der letzten Jahre. Für Privatkunden hingegen seien kurzfristig keine merkbaren Veränderungen zu erwarten. "Diese hängen den Großhandelspreisen meist etliche Monate hinterher, da sich Lieferanten in der Regel deutlich im Voraus Mengen für diese Kleinstkunden sichern", hieß es aus Hannover weiter. (am)



