Philipp Siegfried und Jan Leonhardt von den Energieforen Leipzig haben gemeinsam mit und für zehn Energieversorger dynamische Tarife analysiert. In einem Gastbeitrag für die ZfK erklären sie, vor welchen zwei Alternativen Energievertriebe im kommenden Jahr stehen – und welcher Weg aus ihrer Sicht am nachhaltigsten und mittelfristig am erfolgsversprechendsten sein könnte.
Ab dem kommenden Jahr sind dynamische Stromtarife für alle Energieversorger verpflichtend. So hat es der Gesetzgeber im Energiewirtschaftsgesetz vorgesehen.
Dynamische Tarife sind als Kernelement zur Beschleunigung der Digitalisierung der Energiewende eng mit dem Smart-Meter-Rollout verbunden. Sie sollen einen Anreiz für einen verbrauchsabhängigen Energiekonsum bieten, was außerdem zur Netzdienlichkeit beitragen soll. Für Verbraucher bieten sie die Möglichkeit, durch die Anpassung an Marktpreissignale und flexible Laststeuerung beträchtliche Ersparnisse zu erzielen.

Einsparpotenziale, aber auch Risiken
Mit dynamischen Tarifen soll eine direkte Verbindung zu den Spotmärkten hergestellt werden, was zu kurzfristig schwankenden Preisen führt. Mit Nutzung dieser neuen Produkte können die Kunden durch ihre Reaktionen auf Preissignale und Verbrauchsverlagerung einerseits ihre Energiekonsum und -kosten optimieren, andererseits gleichzeitig einen Beitrag zur höheren Nutzung erneuerbarer Energien leisten und damit den Verbrauch fossiler Energieträger senken. Besonders zielen sie auf moderne Verbraucher, die Technologien wie Wärmepumpen, Elektromobilität und Speicherlösungen nutzen.
Hierbei herrscht ein hohes Potenzial für Einsparungen während Niedrigpreisphasen. Allerdings besteht bei Hochpreisphasen ein finanzielles Risiko. Sie scheinen im Vergleich zu üblichen Forwardprodukten häufig der günstigere Tarif zu sein, vor allem in "fallenden Marktlagen". Zu diesen sind die mittleren Spotmarktpreise in der Regel günstiger als die Forwardpreise – selbst unter Zugrundelegung des gleichen Standardlastprofils. Es besteht allerdings in keinem Fall, vor allem in Bezug auf ein individuelles Verbrauchsprofil, eine Garantie für Ersparnisse. Insbesondere im Fall von Krisen und saisonalen Schwankungen können Preise und Abschlagszahlungen punktuell deutlich über dem üblichen Fixpreistarif liegen.
Umfangreiche Umstellung der Systeme
Die Einführung dynamischer Tarife erfordert eine umfangreiche systemischer Ertüchtigung, wie die Anpassung von ERP- und EDM-Systemen, den Zugang zu Kundendaten und die Implementierung von Portal- und App-Lösungen.
Auch müssen der Einkaufsprozesse und das Risikomanagement angepasst werden, da Preisrisken bestehen. Wettbewerbsangebote weisen in der Regel keine Mindestvertragslaufzeit sowie eine vierwöchige Kündigungsfrist auf, sodass Abweichungen davon am Markt wenig Anklang finden könnten. Ein zum Kundenvorteil gestalteter Tarif jedoch hat das Potenzial zur Kundenbindung und ein sehr positives Image des Versorgers zu fördern. Somit stellt dies ein Sprungbrett für den Vertrieb weiter moderner Punkte aus der neuen EDL-Produktwelt dar, die weitere moderne Assets auf Verbraucherseite betreffen.
Europaweit bereits beachtlicher Marktanteil
Die Zielgruppe für dynamische Tarife ist aufgrund des Smart-Meter-Rollouts, der Bekanntheit des Tarifs, des Vorhandenseins der benötigten Assets und der Anwendung eines EMS begrenzt. Die fortschreitende Elektrifizierung von Wärme und Mobilität wird die Zielgruppe jedoch vergrößern. Bereits jetzt haben dynamische Tarife im europäischen Vergleich einen beachtlichen Marktanteil erreicht.
Dieser innereuropäische Vergleich zeigt, dass die dynamischen Stromtarife als regulatorischer Beschleuniger bereits angestoßener Entwicklungsprozesse wirken, was eine sich stetig vergrößernden Kundengruppe erwarten lässt. Die Komplexität der Anforderungen eines solchen Tarifs an die internen Prozesse eines Versorgers lässt es sinnvoll erscheinen, ein markt- und konkurrenzfähiges Angebot zu etablieren, um in der Zielgruppe konkurrenzfähig zu bleiben.
Entlastung für vorrausschauenden Netzbetrieb
Ein weiterer Treiber dynamischer Tarife ist die Netzentlastung durch ein angebotsabhängiges Verbrauchsverhalten. Entscheidend ist die individuelle und geografische Netzsituation, einschließlich der Integration der Erzeugungskapazitäten im Netz.
Dynamische Tarife könnten die Verbrauchssituation grundlegend ändern, je größer ihr Anteil wird. Nicht nur die Änderungen der Verbrauchsschemata, sondern auch deren geografische Verteilung sowie der Grad der jeweiligen Optimierung sind hier für einen vorausschauenden Netzbetrieb eher Herausforderung als Entlastung.
Große Aufgabe für Netzbetreiber
Die Geschwindigkeit des unumgänglichen Netzausbaus im Verhältnis zur Nachfrageänderung – weg von fossiler Energie, hin zur Elektrizität – stellt eine große Aufgabe für die Netzbetreiber dar. Dynamischen Tarifen können diesen Prozess unterstützen, jedoch ist der Erfolg hier in keiner Weise von vornherein garantiert.
"Sie können entweder die Anforderungen strikt nach gesetzlicher Vorschrift erfüllen, um Strafen zu vermeiden, oder eine aktive Marktrolle übernehmen."
Energieversorgungsunternehmen, die dynamische Tarife anbieten werden, stehen vor zwei Alternativen: Sie können entweder die Anforderungen strikt nach gesetzlicher Vorschrift erfüllen, um Strafen zu vermeiden, oder eine aktive Marktrolle übernehmen. Die Erfüllung der Mindestanforderungen fokussiert vor allem auf Kosteneffizienz im Aufwand/Nutzen-Verhältnis und auf der Strafvermeidung, gibt jedoch eine wachsende und vor allem zukunftsorientiertem Marktchance auf.
Lokales Business-Ökosystem
Die aktive Marktteilnahme hingegen beinhaltet die Umsetzung unterschiedlicher Kundenanforderungen und birgt trotz des hohen Aufwands die Chance auf eine effektive Marktteilnahme. Der Aufwand hierfür ist jedoch deutlich höher als für die Erfüllung der Mindestanforderung. Langfristig kann dies zu einer Sicherung von Wettbewerbsvorteilen führen.
Nach unserer Einschätzung stellt die Entwicklung eines lokalen Business-Ökosystems, in dem die dynamischen Stromtarife eingebettet sind, den nachhaltigsten und mittelfristig erfolgversprechendsten Weg dar. Dieser Ansatz lässt sich sehr gut in Form eines regionalen, zuverlässigen Angebots eines Vor-Ort-Versorgers einbinden.
Stromtarif als Türöffner
Dieser Ansatz umfasst eine Verbesserung des Kosten-Nutzen-Verhältnisses durch eine breite Produktpalette, die Steigerung der Attraktivität durch Kundenverfügbarkeit und ein modernes Produktportfolio. Dieser Ansatz erhöht die Wahrscheinlichkeit positiver Erlöse von dynamischen Tarifen.
Das umfasst nicht nur eine Erfüllung der gesetzlichen Anforderung, sondern hat zum Ziel, neben einem dynamischen Tarif weitere Dienstleistungen zu vertreiben. Der Stromtarif ist hier der Türöffner für weitere moderne und zeitgemäße EDL-Produkte, welche in Summe die Wirtschaftlichkeit für die Zukunft sichern.
- Weitere Informationen und Angebote zu dynamischen Tarifen von den Energieforen Leipzig finden Sie hier: Dynamische Tarife | Energieforen Leipzig GmbH
(pfa)



